Schwarzes in der Tasse

Fünf Freunde stecken hinter der Kooperative „Tschjornyj“. Sie einigt die Liebe zum schwarzen Kaffee. Doch nicht nur die Rechtsform unterscheidet sie von den anderen Cafés. Auch die Idee, dass guter Kaffee nicht zwangsläufig teuer sein muss.

Artjom Temirow serviert am liebsten schwarzen Kaffee, ohne Milch und Zucker. „Viele Menschen denken, dass schwarzer Kaffee nur bitter schmeckt. Auch ich dachte früher: so muss er sein, stark und kräftig. Dann probierte ich einen Kaffee, der säuerlich, fruchtig ist. Das hat meinen Geschmack und meine Sicht verändert“, erzählt der 28-Jährige.

Seit diesem Moment sind einige Jahre vergangen. Heute überzeugen er und seine vier Mitstreiter in der 2013 gegründeten Kooperative „Tschjornyj“ Moskauer vom Gegenteil: Jenseits von Latte Macchiato, Cappuccino und Flat White gibt es mehr zu entdecken. Anders als Ketten wie Starbucks setzt das Café „Koorperatiw Tschjornyj“ auf Spezialitäten-Kaffee.

Dieser Begriff bezeichnet einen Qualitätsstandard des Rohkaffees, der weltweit von der Specialty Coffee Association (SCA) festgelegt wird: vom Anbau, über die Ernte hin zur Röstung der Bohnen. Auch der direkte Kontakt zwischen Röstereien und Kaffeebauern steht im Fokus, so soll Transparenz auf allen Wegen gewährleistet werden.

 „Kaffee ist unser Medium“

Temirow trägt Glatze und schlichte Kleidung. Vor einer Gruppe Kaffee-Begeisterter möchte er das Cupping vorführen. So nennt man in der Fachsprache die Degustation des Kaffees. Wie ein Wein-Sommelier schlürft er mit einem lauten Geräusch den frisch gebrühten Kaffee, lässt das Gebräu kurz im Gaumen kreisen und spuckt dann den Inhalt in einen Becher aus. „Wenn es total lächerlich klingt, macht ihr das genau richtig“, leitet er die Gruppe an. Dann gibt er seine Bewertung ab: „Säuerlich, eine Spur von Orange“. Mit einem Schluck Wasser neutralisiert er seinen Gaumen. Die Gruppe macht es ihm gleich.

Diese Workshops bieten Temirow und sein Team regelmäßig an. „Kaffee ist unser Medium, durch das wir mit unserem Publikum kommunizieren“, erklärt er. „Wir möchten die Menschen aufklären, dass sie genau hinschauen sollen, woher das Produkt stammt, wie es hergestellt wird und wie sich der Preis zusammensetzt.“ Einmal im Monat findet der „Black Friday“ statt, dann können alle kostenlos schwarzen Kaffee trinken.

Doch bevor der junge Mann ins Kaffee-Geschäft einstieg, lag ein weiter Weg vor ihm. Nach dem Philosophie-Studium entschieden Temirow und sein bester Freund Pawel Schuwajew kurzerhand, etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen. Eine Kooperative, auch Genossenschaft genannt, sollte es sein. Das Besondere an dieser Rechtsform ist, dass das Unternehmen gemeinschaftlich gelenkt wird, keiner die Macht an sich reißen kann und jeder ein Stimmrecht besitzt.

Holz, Stahl und Marmor: Im kühlen Ambiente des Cafés „Koorperatiw Tschjornyj“ trinkt man Schwarz. /Foto: Katharina Lindt.

Erstes unabhägiges Café in Moskau

Erst sollte es ein Supermarkt sein. „Lebensmittel sind nach wie vor ein wunder Punkt für Russland. Die Qualität ist schlecht. Es gibt überhaupt keine Transparenz“, klagt Temirow. Zehn Millionen Rubel bräuchten die Freunde für dieses Unterfangen. „Wir wussten, dass wir das Geld nicht auftreiben können. Keine Bank in Russland wird dir so viel Geld geben, wenn du keine Immobilie besitzst.“ Also suchten sie weiter nach einem Produkt, das nicht all zu große Investitionen benötigt. „Wir wussten, dass Kaffee ein kommerzielles Potential hat. In Russland gab es vor uns keine unabhängigen Cafés, nur Ketten.“ Sie studierten, wie sich der europäische Kaffeemarkt entwickelt hat und „was Kaffee überhaupt ist“, fügt der 28-Jährige hinzu.

Nachdem sie einen Zulieferer, der ihre Werte vertritt, gefunden hatten, schrieben Temirow und Schuwajew eine Art Charta: Sie wollen radikale Demokratie, keine Arbeitsteilung, jeder sollte alle Tätigkeiten ausüben, etwa Geschirr abwaschen, Boden wischen, und die Buchhaltung führen. Doch potentiellen Mitstreitern kam diese Idee einem Wahnsinn gleich. „Nur zwei Interessenten wollten dieses Risiko eingehen. Allein vier Millionen Rubel Schulden ließ sie fürchten.“

Das süße Geheimnis des Moskauer Kaffees

Dennoch fand sich am Ende das Geld. Im Mai 2013 eröffneten sie ein Mikro-Café in der Museums-Bibliothek des Polytechnischen Museums. Nur zwei Quadratmeter groß. Aber immerhin im Zentrum der Stadt, erinnert sich Temirow. Sie machten das, was ihnen gefällt: Sie bereiteten schwarzen Kaffee zu und sprachen mit ihren Kunden darüber. Beispielsweise, warum jener Kaffee 104 Rubel kostet, ein anderer 244 Rubel.

Nach einem weiteren Ortswechsel bietet die Kooperative „Tschjornyj“ im neuen Café in der Ljalin Gasse 5 nun gerade Zahlen an. „Aber immer noch unter dem Moskauer Durchschnitt“, betont Temirow. Möglich machte den Umzug eine Beteiligung ihrer Gäste an der Koorperative. Sie bekommen im Gegenzug Rabatte und werden an der Gewinnausschüttung beteiligt. Die nächste Vision ist schon da: Die Kooperative möchte die Kaffee-Erzeuger mit ins Boot holen.

Katharina Lindt

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