„Rus, was willst du von mir?“: Kirill Serebrennikow vor Gericht

Der Regisseur Kirill Serebrennikow steht in Moskau vor Gericht. Gemeinsam mit vier weiteren Angeklagten wird er beschuldigt, staatliche Gelder veruntreut zu haben. Beobachter sprechen von einer Inszenierung. Die MDZ hat den Prozess einen Tag lang beobachtet.

Serebrennikow

Die Angeklagten Sofja Apfelbaum, Alexej Malobrodskij und Kirill Serebrennikow während der Verhandlung © RIA Novosti

In der Kunstwelt bestimmt Kirill Serebrennikow mit seinem Film „Leto“ über den sowjetischen Rockmusiker Wiktor Zoi aktuell die Schlagzeilen. Im realen Leben steht der Regisseur seit Sommer 2017 unter Hausarrest und darf seine Wohnung nur für einen täglichen Spaziergang verlassen. Eine Abweichung von der festgelegten Route ist Serebrennikow nur gestattet, um sich zum Gericht des Meschtschansker Viertels von Moskau zu begeben. Dort muss er sich seit Anfang November gemeinsam mit vier weiteren Angeklagten wegen angeblicher Veruntreuung staatlicher Gelder verantworten. Laut Anklage sollen diese im Zuge eines Projektes des „Studio Sieben“, einer von Serebrennikow gegründeten Theatergruppe, entwendet worden sein.

Am Morgen des vierten Verhandlungstages versammeln sich ungefähr 50 Menschen vor dem Gerichtsgebäude. Sie teilen sich auf in diejenigen, die Serebrennikow unterstützen, und diejenigen, die über ihn berichten wollen. Das öffentliche Interesse an dem Prozess hat scheinbar nachgelassen. Ein zweiter Raum, in dem an den ersten Verhandlungstagen all jene das Geschehen verfolgen konnten, die im Gerichtssaal keinen Platz gefunden hatten, wird an diesem Tag nicht bereitgestellt. Es sind genügend Holzbänke für alle Interessierten vorhanden.

Das Interesse ist zurückgegangen

Kirill Serebrennikow selbst ist froh über jeden, der gekommen ist. Beim Betreten des Saals winkt er allen lächelnd zu und nimmt anschließend gemeinsam mit den anderen Angeklagten gegenüber der Richterin Platz. Der sonst in russischen Verhandlungen übliche Käfig bleibt den Beschuldigten erspart. Eine sehr große Gefahr scheinen sie für den russischen Staat demnach nicht darzustellen.

Wie bereits an den ersten drei Verhandlungstagen tritt Serebrennikow auch an diesem Morgen mit einem speziellen Motto-T-Shirt vor die Richterin. „Rus, was willst du von mir?“ prangt auf dem Rücken des Regisseurs. Es ist ein Satz aus dem Roman „Die toten Seelen“. Schriftsteller Nikolaj Gogol wollte damit das schwierige Verhältnis der Russen zu ihrem Land ausdrücken. Serebrennikow erinnert mit dem Zitat aber auch an seine Inszenierung der „Toten Seelen“ im „Gogol-Zentrum“ 2014.

Russlands Justitia tritt im Prozess um das „Studio Sieben“ in rein weiblicher Form auf. Die Vorsitzende Richterin Irina Akkuratowa ist eine Person, der man zumindest eines attestieren kann – eine stoische Ruhe. Diese legt Akkuratowa auch in den vielen Momenten nicht ab, in denen sie zu diskutierende Unterlagen und Beweisstücke nicht finden kann.

Staatsanwältin Nadeschda Ignatowa scheint ihren Dienst an diesem Tag größtenteils auf die reine Anwesenheit zu beschränken. Nach zwei Fragen zu Beginn nimmt sie erst am späten Nachmittag wieder am Geschehen teil und erinnert alle Anwesenden, dass man noch keine acht Stunden durchgearbeitet habe. Ansonsten starrt sie vor sich hin oder widmet sich ihrem Telefon.

Dialoge wie aus einer Komödie

Wer sich auf eine spannende Verhandlung eingestellt hat, wird enttäuscht. Unermüdlich und gründlich ist Richterin Akkuratowa bemüht, Serebrennikow mit finanziellen Detailfragen etwas Belastendes zu entlocken. Doch der hält mit dem Verweis auf Erinnerungslücken und der Bemerkung, dass er lediglich der künstlerische Leiter des Theaters gewesen sei, stand.

Dennoch entwickeln sich während der Befragung durchaus auch drehbuchreife Dialoge. Wie der um einen Flügel, der für die Veranstaltungen des „Studio Sieben“ angeschafft wurde:

R: Wer könnte die Entscheidung über den Kauf getroffen haben?

S: Ich weiß es nicht, Euer Ehren. Sicher sind aber mein Einverständnis und meine Freude über den Kauf.

R: Und wem gehört der Flügel jetzt?

S: Keine Ahnung, dem Studio vielleicht.

Eine Unterhaltung, die erstmals für Regung im Saal sorgt. Das aufkeimende Lachen veranlasst Richterin Akkuratowa, den Anwesenden mit Ausschluss zu drohen.

Im Verlauf der Befragung wird immer deutlicher, dass beide in unterschiedlichen Welten leben. Oder aber die Richterin eine ausschließliche Anhängerin der Hochkultur ist. Das könnte man zumindest aus folgendem Dialog schließen:

R: Sie reden die ganze Zeit von der „Weiß-Werkstatt“. Weiß, was soll das sein? Ein Nachname?

S: Nein, im Winsawod (dt. Weinfabrik, ein Zentrum für Moderne Kunst, Anm. d. Red.) wurde früher wirklich Wein hergestellt. Und die „Weiß-Werkstatt“ ist der größte Raum dort.

Damit hat Akkuratow genug vom Regisseur gehört. Wäre der Anlass nicht so traurig, könnte man dem Zwiegespräch noch etwas abgewinnen.

Auch heute gibt es keine neuen Erkenntnisse

Den Rest des Tages wird der Mitangeklagte Alexej Malobrodskij, ehemaliger Direktor des Avantgarde-Theaters „Gogol-Zentrum“, vernommen. Dieser muss sich sechs Stunden zu Unterschriften, Bankkarten und Gehältern äußern. Es sind Fragen, denen Unterstützer und Beobachter kaum folgen können. Viele machen es der Staatsanwältin gleich und flüchten in ihr Handy.

Malobrodskij wird nicht geschont und bis zur Erschöpfung ausgefragt, medizinische Hilfe lehnt die Richterin jedoch ab.

Gegen Ende eines langes Tages, der wenig neue Erkenntnisse gebracht hat, macht sich bei allen Müdigkeit breit. Die stickige Luft schränkt zunehmend die Konzentrationsfähigkeit ein.  Als Schlusspunkt streiten Anwälte und Richterin noch darüber, ob man nun wirklich acht Stunden verhandelt hätte. Anschließend wird der Prozess vertagt. Zum Redaktionsschluss fanden bereits die Verhandlungstage fünf und sechs statt. Bis Jahresende werden es 16 sein. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Daniel Säwert

Der Prozess um das „Studio Sieben“

Im Prozess um das „Studio Sieben“ sind insgesamt fünf Personen angeklagt. Neben Kirill Serebrennikow werden Alexej Malobrodskij, ehemaliger Direktor des „Gogol-Zentrums“, Sofja Apfelbaum, ehemalige Abteilungsleiterin im Kulturministerium, Jurij Itin, ehemaliger Direktor des „Studio Sieben“ und die ehemalige Buchhalterin Nina Masljajewa die Veruntreuung von Staatsgeldern vorgeworfen.

Die Angeklagten sollen zwischen 2011 und 2014 133 Millionen Rubel (1,8 Millionen Euro) für das experimentelle Projekt „Plattform“, das im Rahmen des „Studio Sieben“ stattfand, entwendet haben. Bis auf Masljajewa plädieren alle Angeklagten auf unschuldig.

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