„Roter Wolfram“: Auf den Spuren von Berliner Gastarbeitern in Moskau

Die Sowjetunion war ein leuch­tendes Beispiel für viele Arbeiter im Westen. Damit es noch ein wenig heller leuchtete, nämlich mit elektrischem Licht, packten in den 1920er und 1930er Jahren 150 Berliner im Moskauer Elektrosawod mit an. Das Projekt „Roter Wolfram“ versetzt Teilnehmer zurück in diese Zeit.

Zeitreise: Teilnehmer einer Tour von „Roter Wolfram“ im Moskauer Elektrowerk (Foto: Alissa Kosarewa)

Hans Ohlrich war 28 Jahre alt, als es ihn 1926 nach Moskau verschlug. Er hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft, war danach der KPD beigetreten. In Berlin arbeitete Ohlrich bei der AEG, als ihm sein Kamerad Willi Koch von Osram erzählte, dass die Sowjet­union Hilfe beim Aufbau einer Glühbirnenproduktion benötigte. Zunächst übermittelte er Informationen aus Berlin – uneigennützig und aus Überzeugung. Dann machte sich der junge Mann selbst auf den Weg. Nicht einmal seine Frau wusste, wo er sich befand.

Wie die Geschichte weiterging, davon erzählt knapp hundert Jahre später das Projekt „Roter Wolfram“ am historischen Schauplatz, dem Moskauer Elektrowerk, auf Russisch Elektrosawod. Dort trieben in den 1920er und 1930er Jahren 150 Gastarbeiter aus Berlin die Produktion der ersten sowjetischen Glühbirnen mit Wolframdraht voran. Einer von ihnen war der Schlosser Hans Ohlrich.

Spaziergang durch deutsch-russische Geschichte

Ausgewählte Schicksale hat der Stadthistoriker Sergej Nikitin-Rimskij zu einem „Geschichtsdrama“ aufbereitet, wie er das Format nennt. „Roter Wolfram“ ist mehr als eine Führung auf dem Betriebsgelände. Nikitin-Rimskij spricht von einer „Aufführung ohne Schauspieler“. Die Teilnehmer erhalten zu Beginn spezielle Pässe mit Informationen zu den Berliner Gastarbeitern des Elektrowerks. Jeder übernimmt die Rolle eines dieser Arbeiter. Bei einem immersiven Spaziergang durch die Werkhallen und die Umgebung taucht man für drei Stunden in das Leben der 1920er und 1930er Jahre ein. Nikitin-Rimskij als Autor und Regisseur hilft den Teilnehmern, authen­tische Texte und Erinnerungen der Moskauer Berliner vorzulesen.

„Roter Wolfram“ gehört zum Programm des Deutschlandjahres in Russland. Das Projekt stützt sich auf wissenschaftliche Forschung, wie etwa das Buch „Kleine Leute und große Geschichte: Die Ausländer des Moskauer Elektrosawods in der sowjetischen Gesellschaft der 1920er und 1930er Jahre“ des Industriehistorikers Sergej Schurawljow. An der Vorbereitung waren auch Experten des Puschkin-Museums, der Moskauer Staatlichen Linguistischen Universität und des Berliner Humboldt Forums beteiligt. Außerdem wurden Dokumente aus den Archiven des NKWD verwendet.

Ernüchterung, Enttäuschung, Verhaftung

Als sich die weltpolitische Lage in den 1930er Jahren radikal veränderte, wurde die Sowjetunion für einige Gastarbeiter zumindest vorüber­gehend zu einer zweiten Heimat. Die schwierige Wirtschaftslage sorgte aber auch für Ernüchterung und Enttäuschung, manche verließen das Land wieder. Im Elektrowerk änderte sich das Verhältnis zu den Deutschen zusehends. Sie waren es gewohnt, ihre Meinung offen zu äußern und auf ihren Rechten zu bestehen. Die Betriebsleitung befürchtete, das könnte auch auf ihre sowje­tischen Kollegen abfärben. Sogar die Anpassung der Gastarbeiter an die Lebensverhältnisse und ihr Engagement machten sie verdächtig. Beim NKWD, dem Innenministerium, hielt man es für denkbar, dass das alles nur Tarnung war.

Ende der 1930er Jahre wurde ein Teil der Gastarbeiter wegen vermeintlicher Spionage verhaftet und landete in den Arbeitslagern des Gulag. Hans Ohlrich kehrte schließlich doch noch nach Deutschland zurück, aber erst viele Jahre später.

Das Elektrosawod: eine „Stadt in der Stadt“

Eine Hauptrolle bei „Roter Wolfram“ spielt aber auch das Elektrosawod im Osten von Moskau. Der Bau des Gebäudes im gotischen Stil begann noch in vorsowje­tischer Zeit, nämlich im Jahr 1915. Ursprünglich sollten hier Gummiwaren in russisch-französischer Koproduktion hergestellt werden. Das Elektrowerk wurde offiziell mit Beginn des ersten Fünfjahrplans im Herbst 1928 eröffnet. Die Idee dahinter war, alle kleinen elektro­technischen Fabriken der Hauptstadt unter einem Dach zusammenzufassen. Schon Anfang der 1930er Jahre war das Werk landesweit bekannt, galt als ein Symbol der sozialistischen Indus­trialisierung und lieferte ein Fünftel der gesamten elektrotechnischen Produktion der UdSSR. Es sei eine „Stadt in der Stadt“ gewesen, sagt Nikitin-Rimskij. Mehrere Eisenbahnlinien führten direkt durch das Betriebsgelände.

„Roter Wolfram“ läuft in Moskau noch bis Ende April. Tickets können unter elektrozawodsk.tilda.ws gebucht werden. Nach vorheriger Anmeldung ist die Tour auch auf Englisch möglich.   

„Roter Wolfram“ in Berlin

Der Spaziergang wird durch eine Choreografie des Tanzensembles „Isidarino Gore“ und Originalmusik der Band Useless Youth begleitet. Das Programm wurde auch speziell für den Winter geplant. All dies trägt dazu bei, eine angemessene Atmosphäre zu schaffen und zu zeigen, mit welcher Begeisterung und welchen Ideen die Berliner Gastarbeiter ungeachtet aller Schwierigkeiten ihrer Arbeit im Sowjetstaat nachgingen.

Die 30 bereits absolvierten Veranstaltungen bewertet Sergej Nikitin-Rimskij als gelungene Erfahrung. In naher Zukunft ist geplant, eine kleine Tour für das Projekt an Orten zu organisieren, an denen deutsche Fachleute und Architekten gearbeitet haben. Auch in Berlin, auf dem Gelände der Osram- und der AEG-Werke, soll „Roter Wolfram“ präsentiert werden.

Maria Bolschakowa

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