Rebell, Heizer, Rocker

Der in Deutschland angelaufene Musikfilm „Leto“ erzählt die Geschichte der Leningrader Rockszene und den frühen Werdegang des Sängers Wiktor Zoi. Doch wer war der Mann, der nach seinem frühen Unfalltod zu einem Halbgott der russischen Rockmusik wurde?

Wiktor Zois eigenwillige und poetische Lieder begeistern viele Russen seit Jahrzehnten. /Foto: kartinkijane.ru

Die Stimmung am Strand irgendwo bei Leningrad ist ausgelassen. Eine Gruppe junger Männer und Frauen sitzt in den Dünen, fröhliches Lachen weht über die weite Ostsee-Landschaft. Eine Flasche mit billigem Rotwein macht die Runde, Zigaretten qualmen in den Händen. Dann stößt ein in schwarz gekleideter Unbekannter zu der Runde, greift schüchtern nach seiner Gitarre und stimmt voller Hingabe ein Lied über seine immer etwas angetrunkenen Freunde an. Die Clique ist hingerissen, staunt mit offenen Mündern – und singt bald aus voller Kehle mit.

Die Szene, ganz am Anfang von Kirill Serebrennikows „Leto“, spielt Anfang der 80er Jahre in der späten Sowjetunion. Eine längst untergegangene Epoche, die Perestrojka ist nur eine ferne Ahnung. Doch fast 40 Jahre später werden die Songs des zurückhaltenden Gitarristen immer noch an jedem Lagerfeuer zwischen Kaliningrad und Wladiwostok gespielt. Längst sind die Texte russisches Allgemeingut. Denn der zurückhaltende Fremde ist in Wirklichkeit gar kein Unbekannter, sondern Wiktor Zoi, der berühmteste russische Rock-Musiker und Frontmann der Band „Kino“.

Auf einer Stufe mit den Beatles

Dass der Künstler noch immer ein Mythos ist, wird schnell klar, wenn man mit Witalij Kalgin spricht. „Aus meiner Sicht steht Zoi mindestens auf einer Stufe mit den Beatles, Elvis und Curt Cobain“, erzählt der russische Musikjournalist, der mehrere Bücher über den sowjetischen Untergrund-Rocker geschrieben hat, im Gespräch mit der MDZ. „In manchem ist er vielleicht sogar besser!“ Die Texte des Musikers würden völlig unterschiedliche Gruppen von Menschen ansprechen. „Auf seine Lieder können sich sowohl ein halbstarker Kleinkrimineller, ein seriöser Geschäftsmann als auch ein feinsinniger Intellektueller einigen“, sagt Witalij Kalgin. „Hier findet jeder was, das ihm etwas bedeutet.“

Die Geschichte der Legende beginnt in Leningrad. Nach ersten Gigs mit lokalen Bands gründet der Sohn eines koreanischstämmigen Ingenieurs und einer russischen Sportlehrerin, mit zwei Freunden im Jahr 1982 „Kino“. Schon bald kursiert ein erstes Demoband mit Zois charakteristischer tiefer Stimme und einem trockenen Schlagzeugbeat in der Leningrader Rock-Boheme. Privatkonzerte in Wohnungen von Bekannten – sogenannte Kwartiniki – folgen. Bei ihrem ersten Auftritt im gerade erst eröffneten Leningrader Rockclub wird Boris Grebentschikow, Urvater des sowjetischen Rock, auf die junge Band aufmerksam und vermittelt wichtige Kontakte. Noch im selben Jahr nehmen Kino ihr erstes Album „45“ auf.

Mit aufrichtigen Songs im Untergrund

In den folgenden Jahren bleibt die Band um den charismatischen Sänger allerdings weitgehend im Untergrund. Neben fehlenden Auftrittsmöglichkeiten, und staatlichem Druck liegt dies auch an Zois lakonischen Texten, die auf ein Versteckspiel hinter lyrischen Feinsinnigkeiten verzichten – und von Staat und KGB kritisch beäugt werden. „Die waren echt“, sagt Witalij Kalgin. „Keine Heucheleien oder Unaufrichtigkeiten“. So besingt Zoi in „Elektritschka“ beispielsweise einen Mann, der in einem Zug festsitzt, welcher in die falsche Richtung fährt. „Warum schweige ich und schreie nicht?“, fragt der Sänger – während die Bahn immer weiter rauscht. Das Lied lässt sich leicht als Metapher auf die Sowjetunion lesen und wurde von vielen Jugendlichen, die nach Veränderungen des erstarrten Systems gierten, begeistert aufgenommen. Zoi wehrte sich allerdings stets gegen allzu einfache politische Deutungen seiner Lieder.

Mit dem Beginn der Perestrojka eröffneten sich für „Kino“ ab 1985 dann völlig neue Perspektiven. Rock galt nicht mehr als dekadent, Konzerte wurden legal, Rockclubs schossen in vielen Städten aus dem Boden. Wiktor Zoi nutzt die neuen Freiheiten, tourt mit „Kino“ ausgiebig durch die Sowjetunion – und wird zum Superstar. Zeitungen schreiben von einer Kinomanija, Teenager stürmen zu Tausenden die Stadien. „Er wurde noch zu Lebenszeiten zu so was wie einem weltlichem Gott“, erinnert sich Witalij Kalgin„ Fast wie Gagarin oder Puschkin!“ Die Lieder „Ich will Veränderungen“ und „Ab hier übernehmen wir“ avancieren zu inoffiziellen Jugend-Hymnen dieser Zeit.
Zu der unaufhaltsam wachsenden Popularität tragen auch mehrere Filmauftritte von Wiktor Zoi bei. So spielt der schlaksige Sänger mit den hohen Wangenknochen beispielsweise im Kultfilm „Die Nadel“ einen schweigsamen Helden, der im Alleingang den Kampf mit der kasachischen Drogenmafia aufnimmt und dabei auch mit Kampfsport-Tricks seines Vorbildes Bruce Lee überrascht.

Ein Konzert mit Zehntausenden Menschen

Reich wird Wiktor Zoi mit seiner Musik allerdings nie. Die Einnahmen aus der Verkauf der Alben, die in der Sowjetunion meist schwarz kopiert herumgereicht werden, bleiben gering. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich daher mit einem Nebejob als Heizer in Leningrad. Im Juni 1990 spielten Kino im Moskauer Olympiastadion Luschniki ihr bis dahin größtes Konzert. Rund 62.000 Fans kamen, um die erfolgreichste sowjetische Rockband und ihren Sänger zu feiern.

Doch der Höhepunkt der Bandgeschichte sollte auch ihr Endpunkt werden. Nur zwei Monate später verlor der Sänger auf einer Fernstraße bei Riga die Kontrolle über seinen Moskwitsch und rammte bei einer Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern einen entgegenkommenden Bus. Der 28-Jährige war sofort tot.

Die Fans traf die Nachricht in der ganzen Sowjetunion wie ein Schlag. Etwa 65 verzweifelte Jugendliche nahmen sich das Leben. Zur Beerdigung in Leningrad kamen mehrere Tausend Menschen. In vielen Städten entstanden spontan Gedenkwände, die – wie auf dem Moskauer Arbat – zum Teil bis heute bestehen. Auch der Schriftzug „Zoi lebt“ ist heute so gut wie in jeder russischen Stadt zu lesen. „Das sind nicht nur Worte“, sagt Witalij Kalgin, „sondern der Kern dessen, was jetzt schon über 20 Jahre passiert.“ Denn Musik und Seele Zois hätten sich stärker als der Tod gezeigt. „Er ist weiter hier, bei uns!“

Birger Schütz

Kommentare

Kommentare

Newsletter




Wir bitten um Ihre E-Mail: