Wie Aktivisten Plastikberge vermeiden wollen

Kürzlich verkündete Wladimir Putin, Russland strebe bis 2060 die CO₂-Neutralität an – eine Kehrtwende in der Klimapolitik. Unterdessen wachsen die Berge an Abfall – vor allem aus Plastik – weiter. Gerade in den abgelegenen Regionen ist das Müllentsorgungssystem oftmals schlecht oder gar nicht reguliert. Der erschreckende Großteil landet auf Mülldeponien. Wenn da nicht die wären, die dem Plastik den Kampf ansagen.

Mitglieder von Greenpeace untersuchen einen Müllsortierkomplex. (Ilja Bolschakow/ Greenpeace)

Antonina wuchs in einer kleinen Stadt am Ufer des Finnischen Meerbusens im Leningrader Gebiet auf. Seit zwei Jahren arbeitet sie bei Greenpeace in Russland. Warum? „Als ich von dem Müllproblem erfuhr, stellte ich mir vor, dass mein geliebtes Ufer bald auch mit Plastikmüll übersät sein könnte. Da kann ich nicht einfach nur zusehen.“ Sie spricht dabei sogar von einer Krise, die Russland schon seit Jahren durchlebt. Im Schnitt kommt ein Einwohner aktuell auf über 400 Kilogramm Abfall pro Jahr. Recycelt wird davon laut Daten des Umweltministeriums lediglich ein Anteil von etwa sieben bis acht Prozent.

Dass dieser Wert viel zu niedrig ist, weiß auch Antonina. Unter anderem engagiert sie sich deshalb für das Projekt „Null Abfall“ von Greenpeace. „Das Ziel unseres Projekts ist es, zur Lösung der Müllkrise in Russland beizutragen und das Abfallproblem auf System­ebene zu lösen“, erzählt sie. Ihre Kollegen und sie beschäftigen sich dabei sowohl mit den Konsequenzen als auch mit den Ursachen des Problems. Konkret möchte man einen bewussten Konsum in der Bevölkerung erreichen sowie für gesetzliche Beschränkungen für Müll und besonders für Einwegplastik sorgen.

Arbeit in Bergen von Müll

Im Rahmen einer Studie haben Antonina und ihr Team über den ganzen Sommer verteilt mehrere sogenannte Müllsortierkomplexe besucht. Wie der Name vermuten lässt, wird dort aussortiert, was recycelt werden kann. Der Rest landet in Deponien oder Verbrennungsanlagen. Um zu untersuchen, welche Art von Müll nicht zum Recycling weitergeleitet wird, hat das Team den dortigen Abfall genauer unter die Lupe genommen.
Dafür hat sich die Truppe im Schutzanzug in die Müllberge gewagt, die Ergebnisse wurde nun öffentlich gemacht. Demnach besteht mehr als die Hälfte aus Einwegverpackungen.

Tüten, Flaschen und Behälter aus Kunststoff hat das Team in sämtlichen der Müllsortierkomplexe am öftesten entdeckt. Wo das herkommt, ist nicht schwer festzustellen. „Wir haben dieses Einwegplastik überall in unserem Leben – in den Geschäften, Cafés, Museen und unseren Häusern“, erzählt Antonina. Die Lösung könne demnach nur sein, die Verwendung diese Einwegverpackungen einzuschränken und Mehrwegbehälter zu fördern. Dafür brauche es eine „grünere“ Linie im gesamten Land, sagt sie. Einerseits erfordert das strengere Gesetze, andererseits könne man als Konsument einen wesentlichen Beitrag dazu leisten.

Mehr Abfall als Leben

Nicht zuletzt deshalb arbeitet das Projekt „Null Abfall“ aktuell etwa daran, dass Essenslieferdienste ökologischer werden. Sie gehören in Russland zu den Hauptverantwortlichen für das viele Einwegplastik. Vor allem seit Corona stieg die Nachfrage, seine Mahlzeit nach Hause geliefert zu bekommen, rasant an. Das Problem dabei: Mit dem Essen wird auch reichlich Verpackungsmüll nach Hause bestellt. Allein im vergangenen Jahr zählte Greenpeace in Russland 40 000 Tonnen Abfall, die nur auf Essensbestellungen zurückzuführen sind. „Ich glaube, dass man gerade in diesem Bereich das Abfallaufkommen deutlich reduzieren kann“, sagt Antonina.

„Weniger Verpackungen, Einwegartikel weglassen und Mehrwegbehälter verwenden.“ Aber auch als Privatperson möchte sie mit gutem Beispiel vorangehen und erzählt, dass es auch einfach sein kann, wenig Müll zu produzieren. „Ich kaufe Waren ohne Verpackung in speziellen Geschäften, ich benutze meine eigene Flasche für Wasser und einen Becher für den Kaffee zum Mitnehmen“. Müll sei aber nicht nur Verpackung, weswegen sie auch beim Kochen darauf achtet, nur das zu kaufen, was auch wirklich notwendig ist und was, ohne etwas wegzuwerfen, verbraucht werden kann.

Der Schlüssel sei ein Umdenken in der Bevölkerung, um die Müllkrise langfristig in den Griff zu bekommen. „In unserer Realität gibt es viel mehr Müll als Leben“, sagt Antonina. Das müsse den Leuten bewusstwerden, denn es brauche von allen Seiten ein Umdenken, denn „wir selbst haben uns diese Bedingungen geschaffen“.

Marco Steurer

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