Ein Jahr verpackungsfrei: Ein Selbstversuch für die Umwelt

Russland produziert immer mehr Müll. Fast 500 Kilogramm Abfall verursachte jeder Russe im vergangenen Jahr. Die Umweltaktivistin Irina Koslowskich will das ändern. In einem Experiment reduzierte sie ihren Müll auf 500 Gramm im Jahr. Mit der MDZ sprach Koslowskich über ihr Experiment und wie es um das Umweltbewusstsein der Russen steht.

Plastikmüll ist ein großes Problem in Russland. © pixabay

Wie kam es dazu, dass Sie sich dazu entschlossen haben, Müll zu trennen und letztendlich darauf zu verzichten?

Alles fing vor zwölf Jahren in Nischnij Nowgorod an. Bei uns sollte damals ein Atomkraftwerk gebaut werden. Ich war Mitglied der Anti-Atombewegung und habe mich gefragt, warum sich die zukünftige Generation um unsere Abfälle kümmern soll. 

Im Studium haben wir Bücher zum Thema Umwelt gelesen. Dadurch hat sich meine Welt grundlegend verändert. Mir wurde klar, dass man Müll nicht ewig weiterverarbeiten kann. Und dass es auch um natürliche Ressourcen geht. Da habe ich verstanden, dass man sich vom Abfall befreien muss. Heute kaufe ich fast nichts mehr mit Verpackungen, nur noch zum Abwiegen. So habe ich letztendlich nur 500 Gramm Müll produziert. 

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Ruhig. Ich habe auch nie versucht, meine Freunde zu beeinflussen. Aber dann habe ich mitbekommen, dass alle mit Mülltrennung angefangen haben. Sicherlich tun das alle unterschiedlich, aber wir teilen gemeinsame Werte. 

Ich glaube, dass die Welt nicht Hunderte Perfektionisten braucht. So werden wir den Planeten nicht retten. Wir brauchen Hunderte Millionen, die vielleicht nicht alles richtig machen, sich aber bemühen. 

Können Sie alles kaufen, was Sie benötigen?

Im Großen und Ganzen ja. In Moskau kann man fast alles lose kaufen. Oder man geht irgendwo essen. Da gibt es kaum Probleme. Und ich wohne an der Metrostation Timirjasewskaja. Da ist der „Laden ohne Verpackung“ gleich um die Ecke. In anderen Regionen ist es natürlich schwieriger. Allerdings kaufe ich sowieso selten ein. Nur Essen drei Mal in der Woche. Neue Kleidung kaufe ich beispielsweise gar nicht. Das macht die Sache um einiges leichter. Bevor man etwas Neues kauft, sollten die Sachen abgetragen werden. 

Gab es Situationen, in denen es schwer war, auf Verpackungen zu verzichten?

Bei Medikamenten. Ich habe eine Autoimmunkrankheit und nehme deswegen seit zwei Jahren Tabletten. Dabei habe ich verstanden, dass es niemals ohne Plastik gehen wird. Medikamente kann man leider nicht nach der Verpackung auswählen. Die Welt ist halt nicht ideal. Auch beim Zugfahren, bei der Verpackung der Bettwäsche, geht es nicht ohne Plastik. Und natürlich ist es in der Provinz eine andere Situation. Ich spende zudem Blut, das produziert auch Abfall. Da kann man nichts machen. 

Wächst das Umweltbewusstsein in Russland?

Ja, aber langsam. Die Stiftung „Öffentliche Meinung“ hat herausgefunden, dass die Umwelt schon länger im Bewusstsein verankert ist. Die Menschen machen sich Sorgen wegen des Mülls und der schmutzigen Luft. Vor allem jetzt wegen der Waldbrände in Sibirien. Es gibt Städte wie Tscheljabinsk oder Krasnojarsk, in denen der Himmel immer grau ist. 

Ich habe noch niemanden getroffen, der meinte, ich würde Blödsinn machen. Immer heißt es, dass ich etwas Wichtiges tue. Allerdings kümmern sich viele nur um ihr Umfeld. Was etwas weiter entfernt geschieht, interessiert sie nicht. Das ist natürlich nicht effektiv.  

In den Großstädten begreifen die Menschen, dass man vom Plastik loskommen muss. Und dass es Alternativen zur Müllverarbeitung braucht. Letztendlich müssen wir das Bewusstsein der Menschen dahingehend verändern, dass sie sich bewusst werden, dass vieles von ihnen selbst abhängt. Allerdings wachsen die Müllhalden bei uns immer noch. 

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Am 1. September ist mein Experiment vorbei. Ich werde auch weiterhin so wenig wie möglich kaufen. Vieles kann man auch so bekommen.

Die Fragen stellte Fiete Lembeck.

Zur Person

Irina Koslowskich (32) lebt in Moskau und liebt die Natur. Die studierte Psychologin und Ökologin arbeitet bei Greenpeace. Auf Instagram und in ihrem persönlichen Blog schreibt sie über Nachhaltigkeit und Umweltschutz.

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