Neues aus dem Hinterland

Russlands Medienlandschaft wirkt von außen betrachtet oft sehr dünn und eintönig. Lediglich die „Nowaja Gaseta“ und in jüngerer Zeit auch das Portal „Meduza“ werden von vielen als unabhängige Informationsquellen wahrgenommen. Weniger bekannt ist, dass es auch in der Provinz kritische Medien gibt. Diese leisten trotz Argwohn seitens des Staates seit vielen Jahren hervorragende Arbeit. Und wurden dafür teilweise bereits mit Preisen ausgezeichnet. Die MDZ stellt eine Auswahl vor.

Vorteil Regionalmedien: Sie sind bei Ereignissen in der Provinz schnell vor Ort. Wie hier bei den Protesten 2019 in Jekaterinburg. (Foto: wikicommons)

Fontanka (St. Petersburg)  

Im Jahr 1999 beschlossen vier Journalisten aus St. Petersburg, ein eigenes Medium zu gründen. Seit August 2000 informiert „Fontanka“ (benannt nach einem Fluss in der Stadt) seine Leser täglich über das Geschehen in der Kulturmetropole. Mit Berichten über die grassierende Korruption in der Stadt und Unregelmäßigkeiten bei Wahlen machte sich „Fontanka“ schnell einen Namen. Auch die sogenannten Trollfabriken, die seit dem Euromaidan in der Ukraine soziale Medien weltweit mit Kommentaren und Falschinformationen fluten, waren für „Fontanka“ ein großes Thema. Schließlich befinden sich die meisten dieser Fabriken in der Stadt an der Newa.

„Fontanka“ beschreibt sich selbst als „St. Petersburg  online“, der Inhalt umfasst aber zunehmend ganz Russland. Berichte über die alltägliche Folter in russischen Gefängnissen und den weltweiten Einsatz russischer Söldner für eine private Firma 2017 sorgten landesweit für Aufsehen. Und unschöne Reaktionen. Nach Artikeln über die Söldner kam es zu Angriffen auf die Redaktion. Mitarbeitern wurde Gewalt angedroht und die Seite mit einem Virusprogramm attackiert. 2018 beschloss die Redaktion schließlich, landesweiten Themen mehr Platz einzuräumen.

„Fontanka“ gehört zu den beliebtesten Medien St. Petersburgs. Anfang 2019 verzeichnete die Homepage bis zu 300 000 Aufrufe am Tag, 65 Prozent davon aus der Stadt selbst.  „Fontanka“ ist mittlerweile auch in ganz Russland als zuverlässige Quelle anerkannt. In einer Untersuchung des Monitoring- und Analyseunternehmens Medialogija aus dem November 2019 belegte „Fontanka“ unter den meistzitierten Medien Rang sechs. 

Znak (Jekaterinburg)

Als Axana Panowa die Nachrichtenagentur Ura verlassen musste, gründete sie im Dezember 2013 mit „Znak“ (Das Zeichen) ihr eigenes Nachrichtenportal. Seitdem berichtet „Znak“ aus dem gesamten Ural und angrenzenden Gebieten. Und geriet dabei mehrfach in das Visier der Behörden. So soll das Portal 2015 in einer Abbildung die russische Flagge verhöhnt haben. Konservative warfen „Znak“ daraufhin vor, russophob zu sein. 2017 versuchte der Staat erneut die Daumenschrauben anzulegen und überprüfte „Znak“ ergebnislos auf ausländische Finanzierung.

Landesweit bekannt wurde das Nachrichtenportal nicht zuletzt im Mai 2019. Damals protestierten viele Einwohner Jekaterinburgs gegen den Bau einer orthodoxen Kirche in einem Park im Stadtzentrum. Und waren letztendlich erfolgreich. Die Journalisten von „Znak“ waren vor Ort und versorgten Russland mit einem Liveticker sowie Tageszusammenfassungen, sodass das ganze Land über die Einzelheiten informiert war. Aber auch sonst wird die Arbeit der Journalisten aus dem Ural hoch angesehen. Der Medialogija-Untersuchung zufolge lag „Znak“ im November 2019 auf Platz 15 der meistzitierten Medien in Russland. Besonders in den sozialen Netzwerken konnten die Jekaterinburger punkten. Dort wurden nur drei Medien öfter geteilt. 

7×7 (Syktywkar)

Die Position des Nachrichtenportals 7×7 (sprich sem na sem, Anm. d. Red.) aus Syktywkar, der Hauptstadt der nordrussischen Republik Komi, wird jedem Interessierten sofort klar. „Hör auf, Moskau zu lesen“ – mit diesem Werbebanner wird der Besucher auf der Homepage begrüßt. Der Leser solle sich auf das „echte Leben in der russischen Provinz“ gefasst machen. Und so versteht sich die Seite als regionales Informationsportal für den russischen Norden und die Wolga- und Uralregion.

Gegründet wurde 7×7 im Juni 2010 von Unternehmern und Gesellschaftsaktivisten.  Seitdem wird die Unabhängigkeit des Projektes betont und aufrechterhalten. 7×7 bezeichnet sich als „horizontales Russland“, einen Ort, an dem alle gleich sind. So gibt es Nachrichten in ihrer gewohnten Form, aber auch viele Beiträge von Bloggern. Denn das Medium will gesellschaftlich aktive Menschen zusammenführen. Aktuell sind knapp 1700 Personen als Blogger für das Portal aktiv. Und die Schreiber von 7×7 bekommen des Öfteren Ärger mit dem russischen Staat, unter anderem für Artikel über das Thema Drogen. 

Kawkaskij usel (Moskau/Kaukasus) 

Der Kaukasus ist für viele Russen eine mythische und gleichzeitig unverständliche Gegend. Die Region, in der es in den vergangenen Jahren zu mehreren Kriegen und Terroranschlägen kam, ist journalistisch eine sehr heikle Gegend. Unabhängige Informationen über das Geschehen in den Republiken entlang des höchsten Gebirges Europas sind nur schwer zu bekommen. Deshalb gründete die Menschenrechtsorganisation Memorial 2001 „Kawkaskij usel“ (Der kaukasische Knoten).

Die Ziele der Macher des „Kawkaskij usel“ sind: freier Zugang zu ungeschönten Informationen über das Geschehen im Kaukasus, die russische Gesellschaft und das Ausland über Menschenrechtsverletzungen und die Zustände in Gegenden mit bewaffneten Konflikten ins Bild zu setzen, über politische und nationale Diskriminierung aufzuklären und die Situation von Flüchtlingen offen zu zeigen. Täglich versorgt „Kawkaskij usel“ seine Leser mit 70 bis 100 Nachrichten. Dazu kommen Analysen und eine Enzyklopädie zu verschiedenen Themen wie dem tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow oder die Lage Homosexueller. Unter seinen fast zwei Millionen Lesern genießt „Kawkaskij usel“ laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada sehr großes Vertrauen. Und auch im Ausland wird das Portal zunehmend als Informationsquelle anerkannt. Was nicht zuletzt auch daran liegt, dass es „Kawkaskij usel“ bereits seit 2003 auch auf Englisch gibt. 2016 wurde außerdem eine App veröffentlicht, mit der Interessierte noch schneller an Informationen kommen können. 

Taiga (Nowosibirsk) 

Taiga“ wirbt mit dem Versprechen eines „sibirischen Blicks auf Russland“. Seit 2004 berichtet das Portal aus Russlands drittgrößter Stadt Nowosibirsk der „Außenwelt“ über Sibirien. Man erzähle hohen Politikern, Vertretern der staatlichen Gewaltorgane, der Wirtschaft und der Kunst wie und wovon die Menschen in Sibirien leben, so der Chefredakteur Jewgenij Mesdrikow vor ein paar Jahren. Dafür kann „Taiga“ auf ein Netzwerk von Korrespondenten in ganz Sibirien zurückgreifen. Diese produzieren sowohl tägliche Nachrichten als auch gut recherchierte Stories. Und die handeln oft von Umweltthemen. Mit seinen Berichten zur Verschmutzung des Baikals 2019 wurde „Taiga“ zu einem viel zitierten Medium in ganz Russland. Außerdem gehört „Taiga“ zu den wenigen, die bis heute die Geschehnisse rund um das Kaufhaus Winterkirsche in Kemerowo 2018 verfolgen. Damals kamen bei einem Brand 60 Menschen ums Leben. 

2017 beschloss die Leitung, inhaltlich den Spieß umzudrehen und nicht mehr nur der Außenwelt zu zeigen, was in Sibirien passiert, sondern den Sibiriern Europa näherzubringen. Oder zumindest das europäische Russland. Dafür wurde mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2018 ein Büro in St. Petersburg eingerichtet, das seitdem Expertisen über gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Veränderungen erstellt. 

Daniel Säwert

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