Moskau ist Carsharing-Weltmeister

Moskau ist die neue Welthauptstadt des Carsharings. Nirgendwo auf der Welt gibt es mehr verfügbare Fahrzeuge als in Russlands Hauptstadt. Auch in der Provinz ist der Trend angekommen. Möglich macht diesen Erfolg die Politik. Denn rentabel ist das Geschäft noch nicht.

In Reih und Glied. Carsharing-Autos gibt es in Moskau fast an jeder Ecke. (Foto: Wikicommons)

Keine Frage, Moskau ist eine Stadt der Autofahrer. Der eigene Pkw galt über viele Jahre als eines der wichtigsten Statussymbole. Nicht selten wurde erst ein möglichst hochpreisiges Vehikel angeschafft und danach erst die eigene Wohnung renoviert. Es galt (und gilt für einige immer noch) auf der Straße zu zeigen, wer man ist und zu was man es gebracht hat. Bis heute ist die Zahl der angemeldeten Privatautos in der russischen Hauptstadt auf 3,7 Millionen gestiegen, das sind 285 pro 1000 Einwohner.  

Doch seit einigen Jahren lassen die Moskauer ihren eigenen Pkw immer öfter in der Garage stehen und steigen in eines der vielen Carsharing-Autos, die überall in der Stadt zu finden sind. Und die werden immer mehr. Im vergangenen Jahr verdoppelte sich der Carsharing-Fuhrpark auf knapp 30 000 Fahrzeuge. Damit überholte Moskau den bisherigen Spitzenreiter Tokio und kann sich nun Welthauptstadt des Carsharing nennen. Auch bei den Fahrten an sich. Insgesamt 38 Millionen Mal nutzen die Moskauer im vergangenen Jahr ein Teilauto, womit jeder Pkw sieben Mal am Tag in Gebrauch war. 

Massive Förderung durch die öffentliche Hand

Allerdings: So richtig loslassen wollen die Moskauer von ihrem eigenen Auto nicht. Zwar findet vor allem die Jugend immer weniger Gefallen am eigenen Vehikel, aber 70 Prozent der Carsharing-Nutzer besitzen ein eigenes Auto. Das zumindest erklärte der Moskauer Vizebürgermeister und Leiter der Transport-Abteilung Maxim Liksutow. Und diese sollen es nur zu sieben Prozent nutzen. Grund dafür sei, dass eine Autofahrt teuer ist und man nirgendwo hinfahren könne, schrieb das Stadtblog „Moskvichmag“ vor Kurzem. Und trifft es damit auf den Punkt. Denn die Moskauer Stadtregierung hat mit einer Vielzahl an Maßnahmen das Fahren mit dem eigenen Auto in den vergangenen Jahren immer unattraktiver gemacht. 

Zwar haben es weder die Idee einer autofreien Innenstadt noch die City-Maut bisher nach Russland geschafft. Dafür vermiest Moskau die Fahrt in die Innenstadt mit hohen Parkpreisen. Bis zu 380 Rubel (5,50 Euro) kostet eine Stunde im Zentrum. Und die Stadtregierung plant, die Parkzone auf 80 weitere Straßen auszuweiten. Carsharing-Nutzer dürfen in der Innenstadt hingegen kostenlos das Auto abstellen.   

Positiver Einfluss auf den Verkehrsfluss

Außerdem erhalten Carsharing-Anbieter Unterstützung bei der Anschaffung neuer Autos, womit sie ihre Kosten drücken. So können den Kunden Preise zwischen drei und zehn Rubel pro Minute angeboten werden. Wegen der fehlenden Benzin- und Nebenkosten lohnt sich ein eigenes Auto so schnell nicht mehr. Seitdem die Autos auch außerhalb der Stadt genutzt werden dürfen, ist Carsharing auch für Wochenendausflügler und Datscha-Liebhaber eine interessante Alternative. 

Der Verzicht auf das eigene Auto hat auch einen positiven Effekt auf Russlands Stauhauptstadt. Im aktuellen TomTom Traffic Index gehört Moskau erstmals seit zehn Jahren nicht mehr zu den fünf meistverstopften Städten weltweit. Bürgermeister und Verkehrsreformer Sergej Sobjanin vermeldte bereits im vergangenen Jahr, dass sich die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Straßen auf 54 km/h erhöht habe und die Moskauer damit 20 Prozent schneller an ihr Ziel kämen als noch 2010. Allerdings dürften auch der massive Metroausbau und neue Vorortlinien einen großen Anteil an dieser Entwicklung haben. Allein die Metro verzeichnete diesen Januar eine Million Fahrgäste mehr als im Vorjahr. 

Auch die Provinz teilt vermehrt Autos

Die Carsharing-Welle erreicht mittlerweile auch andere russische Städte. Laut der Seite carsharik gibt es solche Angebote landesweit in 23 Städten, darunter auch die tschetschenische Hauptstadt Grosny oder der Schwarzmeerbadeort Sotschi. Nach Berechnungen der Sberbank konzentrieren sich aber 85 Prozent aller Fahrzeuge in Moskau und seinem Umland. Auf Platz zwei liegt St. Petersburg mit acht Prozent des Fuhrparks, gefolgt von der Region rund um die Industriestadt Jekaterinburg im Ural. 

Und der Markt entwickelt sich Russlandweit rasant. Die Sberbank errechnete, dass Russen monatlich über eine Milliarde Rubel (14,5 Millionen Euro) für das geteilte Fahrvergnügen ausgeben. Das entspricht 3469 Rubel (50 Euro) pro Nutzer. 

Doch ohne den politischen Willen der Bürgermeister und Gouverneure ist Carsharing in Russland noch nicht überlebensfähig. Der Leiter der Abteilung Auto-Leasing der VTB-Bank, Wjatscheslaw Michajlow, erklärte erst vor Kurzem, dass fast alle Anbieter Verluste verzeichnen würden. Dies hänge in erster Linie mit den Kosten für den Auf- und Ausbau des Fuhrparks zusammen. Wachstumspotential sei aber vorhanden, so Michajlow weiter. Dafür müssten sich die Anbieter aber stärker in den Regionen engagieren. 

Daniel Säwert

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