„Miteinander reden, nicht übereinander“

Marco Henrichs (45) kennt sich aus mit Dingen, die einen langen Atem brauchen. Bis vor ein paar Jahren bestritt er noch Wettkämpfe im Triathlon und Langstreckenschwimmen. Nun will der gebürtige Rheinländer den deutschen und russischen Sport miteinander ins Gespräch bringen. Aber wie soll das gehen, wo doch Dopingvorwürfe und andere Vorbehalte zwischen beiden Seiten stehen?

Marco Henrichs wirbt für mehr Zusammenarbeit zwischen deutschem und russischem Sport. (Foto: H2O-BLOXX)

Herr Henrichs, wir sitzen in einem Fitness-Center vor den Toren von Moskau. Was machen Sie hier?

Ich halte mich fit. Gerade bin ich aus dem Wasser gestiegen. In diesen Tagen und Wochen führe ich in Moskau viele Gespräche, um eine Initiative voranzutreiben, mit der ich den deutschen und russischen Sport besser vernetzen möchte. Anschließend geht es zurück nach Deutschland. Ich bin seit 2016 in Wiggensbach zu Hause, einer Gemeinde im Allgäu, wo ich ein Sportunternehmen unterhalte, das unter anderem Trainingscamps für Ausdauersportler veranstaltet.

Von einem kleinen Ort in Bayern bis ins große Russland ist es nicht nur geografisch ein weiter Weg, sondern auch mental. Was verbindet Sie mit diesem Land, dass Sie nun sogar eine deutsch-russische Initiative gestartet haben?

Ich war 2016 zum ersten Mal in Russland. Damals habe ich am „Swimrun“ teilgenommen, einem Mehrkampf in den Wäldern nördlich von St. Petersburg. Das war ein Erlebnis, rundum positiv. Ich habe ein anderes Russland vorgefunden, als man es mir in Deutschland vermittelt hat. Gestartet bin ich im einzigen international gemischten Team zusammen mit einem jungen Russen, Alexej. Unsere Großväter haben im Krieg auf verschiedenen Seiten gekämpft. Es war schon sehr emotional, dass dann Jahrzehnte später ein Deutscher und ein Russe gemeinsam die Ziellinie überqueren und den zweiten Platz belegen.

In Russland waren Sie seitdem häufiger?

Mein Lebensmittelpunkt ist in Deutschland. Aber ich bin beispielsweise beim Kotlin Race von St. Petersburg nach Kronstadt mitgeschwommen und habe danach mehrere Jahre eine Jugend-Schwimmliga aus Pensa auch international vertreten. Jetzt nehme ich diese repräsentative Funktion für das Masters-Team des russischen Schwimm-Ausrüsters Mad Wave wahr.

Auf Ihrem Facebook-Account halten Sie dem Westen immer wieder einen falschen Umgang mit Russland vor und bekommen dafür viel Beifall. Gleichzeitig verlieren Sie kaum ein kritisches Wort über Russland. Warum so einseitig?

Das, was ich veröffentliche, wird hauptsächlich in Deutschland gelesen. Und da ist es mir eben wichtig, auch mal die andere Seite zu zeigen. Denn das Medienbild von Russland ist schlecht genug. Nehmen wir nur mal das Thema Doping.

Russland wird massiver Betrug vorgeworfen, speziell bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi.

Natürlich hat es in Russland ein Dopingproblem gegeben, auch von größerem Ausmaß, das ist ganz klar. Aber meines Erachtens ist das politisch instrumentalisiert und sehr reißerisch dargestellt worden. Oder schauen Sie sich doch mal die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 an. Oder die Olympischen Spiele 2014. Mit wem auch immer ich mich darüber unterhalten habe und wer wirklich hier vor Ort war, von denen habe ich nur Positives gehört. Aber wie kam das denn in unseren Medien rüber? „Putins Spiele“, „Putins WM“, Schwierigkeiten im Land – man hat immer wieder versucht, diesen Bogen zu schlagen. Und ich könnte noch viel mehr Beispiele dafür nennen, dass man Russland bevorzugt in einem negativen Licht zeigt.

Die Arbeit von Journalisten besteht nun mal darin, den Finger in die Wunde zu legen – ob in Deutschland oder Russland.

Eine gewisse Balance sollte schon gewahrt werden. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass das Russlandbild der Deutschen mit so vielen Vorurteilen beladen ist. Als Kölsche Jung bin ich selbst damit groß geworden. Mein Vater war Zeitsoldat, wir wohnten in einer Soldatensiedlung. Da war der Iwan natürlich der Feind. Aber ich erlebe Russland anders und das hat mich auch nachdenklich gemacht. Ich vermisse oft das Verantwortungsgefühl bei den Journalisten. Vieles ist total überzeichnet. Das gilt übrigens auch umgekehrt. Wenn ich mir anschaue, wie im rus­sischen Fernsehen über Deutschland berichtet wird, dann denke ich mir oft: Wow, da habt ihr den Bogen aber überspannt.

In Russland soll es ein zentral gesteuertes Dopingsystem gegeben haben. Von offizieller Seite wird das bestritten. Auch von Betroffenen, denen die Einnahme verbotener Substanzen nachgewiesen wurde, ist keine Einsicht oder Reue zu vernehmen. Müsste in Russland nicht deutlich mehr getan werden, um nach außen glaubwürdig zu vermitteln, dass man sich von Doping distanziert? Bisher ist eher der Eindruck entstanden, dass oben wie unten gemauert wird.

Das könnte damit zu tun haben, dass in den letzten 10-15 Jahren Russland immer wieder zum Sündenbock gemacht wurde. „Putin war’s“ – das ist ja schon ein Running Gag geworden. Vielleicht sagt man sich deshalb: Kehrt doch mal vor eurer eigenen Haustür, bevor ständig wir die Schuldigen sind.

Beim Schwimmen im Fuschlsee, Österreich (Foto: H2O-BLOXX)

Aktuell droht dem russischen Sport eine Vierjahressperre wegen Manipulation an der Datenbank des Moskauer Anti-Doping-Labors. Es ist doch logisch, dass das hohe Wellen schlägt.

Das Problem haben in erster Linie die Russen, nicht die anderen. Aber darum kümmern sich die Gerichte und die sollen ihre Urteile fällen. Gerade wir Deutschen pochen ja immer auf Rechtsstaatlichkeit. Das muss dann auch in diesem Fall gelten. Ich finde, dass wir genug andere und teils gravierendere Probleme im Sport haben. Stichwort Fußball-WM 2022 in Katar. Da sind nach unterschiedlichen Angaben Hunderte oder sogar über tausend Bauarbeiter ums Leben gekommen. Das ist für mich der weitaus größere Skandal als Dopingfälle im Sport. Aber Katar, die heilige Kuh der Fifa, packt keiner an.

Doch. Für die Fußball-WM in Katar, angefangen von der Vergabe bis zu den Arbeitsbedingungen auf den Baustellen der Stadien, steht die Fifa ständig in der Kritik. Und das eine gegen das andere aufzurechnen, kann ohnehin nur dazu führen, alles zu relativieren und nichts aufzuarbeiten.

Damit das ganz klar ist: Ich lehne Doping ab. Wer dopt, hat im Sport nichts zu suchen. Ich sage nicht, dass so etwas nicht aufgearbeitet werden muss. Natürlich muss es das. Und ich will bestimmt niemanden reinwaschen. Aber ich weiß auch: Der russische Sport ist nicht gleich Doping. Wir sollten langsam mal wieder lernen, miteinander zu reden, nicht übereinander. Nach vorn schauen, Vertrauen schaffen, Probleme im Dialog lösen. Auf politischer Ebene liegt ja nun zwischen Deutschland und Russland schon jahrelang vieles im Argen. Und die Stimmung wird nicht besser, sondern schlechter. Ich sehe meine Aufgabe darin, zumindest im Sport eine Brücke zu bauen. Deshalb meine Initiative für mehr direkte Kontakte zwischen dem deutschen und dem russischen Sport.

Worum geht es da genau?

Der erste Schritt soll eine Konferenz im kommenden Jahr sein, so ähnlich wie der Petersburger Dialog. Ich möchte Politiker, Sportfunk­tionäre und Athleten an einen Tisch holen. Die Sportler sollen motiviert werden, im jeweils anderen Land an Wettkämpfen teilzunehmen. Das gilt sowohl für den Jugend-, Behinderten- und Breiten- als auch den Spitzensport. So soll Völkerverständigung zwischen unseren Ländern gelebt werden. Also das, was in der Politik nicht funktioniert. Der Sport soll ein Beispiel liefern: Wir machen es anders und wir machen es besser. Wir gehen aufeinander zu.

Was hindert denn Sportler und Verbände bisher daran, sich zu vernetzen?

Von all den Verbänden, die ich in Deutschland kontaktiert habe, gibt es eine Zusammenarbeit mit den russischen Kollegen nur im Fußball, im Box- und im Universitätssport. Alle anderen haben das verneint. Es existieren ja auch verschiedene praktische Bremsen, von der Sprache bis zur Visumpflicht. Da ist also viel Luft nach oben. Die Konferenz ist als Katalysator für einen regen Austausch gedacht. Mit den Jahren soll das alles wachsen.

Wie ist das Feedback in Deutschland bisher?

Gemischt. Von „Russland? Auf gar keinen Fall!“ bis zu „Klasse Idee! Sie können mit der vollsten Unterstützung rechnen“. Es hält sich die Waage, wobei die Resonanz in Ostdeutschland wesentlich positiver ist. Der Westen Deutschlands ist eine viel härtere Nuss.

In Russland ist das Olympische Komitee mit im Boot, da stand man der Idee vom ersten Tag an sehr aufgeschlossen gegenüber. In Deutschland ist die Reaktion vom Dachverband DOSB leider etwas zögerlich. Da will man erst mal abwarten, wie sich die Dinge entwickeln.

Abschlussfrage zur Dopingproblematik: In den USA wurde kürzlich ein Gesetz verabschiedet, das eine strafrechtliche Verfolgung von Dopingvergehen vorsieht und dabei vor allem auf die Hintermänner abzielt. Was halten Sie davon?

Das ist vollkommen richtig und im Sinne der Athleten. Wenn man die „Mafia“ ins Visier nimmt, gibt es auch weniger Kleinkriminelle.

Das Interview führte Tino Künzel.

Zur Person

Tragen sonst russische Nationalmannschaftkader: Marco Henrichs in einer Jacke von Forward, dem Ausrüster der russischen Nationalteams (Foto: Privat)

Nach 20 Jahren Berufsfeuerwehr und Rettungsdienst in Köln hat sich Marco Henrichs mit einem Sportunternehmen selbstständig gemacht. Außerdem ist der langjährige Triathlet und Langstreckenschwimmer heute Schwimmtrainer und Buchautor. 2019 überstand er eine Lungenkrebserkrankung. Vom aktiven Leistungssport hat sich Henrichs inzwischen verabschiedet, sieht viele Entwicklungen speziell im Triathlon kritisch. „Da nehmen Leute Haltungsschäden in Kauf, weil sie beim Ironman den abschließenden Marathon nach dem Schwimmen und Radfahren nur noch mit krummem Rücken bewältigen können. Viele Triathleten betrachten das als Spirit. Ich finde das maximal unsportlich und ein falsches Ideal. Es ist auf gar keinen Fall gesund, spiegelt aber auch unsere Gesellschaft wider: immer weiter, immer mehr, bloß nicht aufgeben.“

Für kommendes Jahr hat Henrichs zugesagt, zusammen mit einem Russen, einem Polen und einem Österreicher den Baikalsee der Länge nach zu durchschwimmen. Für die etwa 700 Kilometer wird mit ca. neun bis elf Tagen Dauer gerechnet, wobei jeder Schwimmer jeweils nach einer Stunde abgelöst wird und sich dann entsprechend drei Stunden ausruhen kann. „Natürlich werde ich mich gut vorbereiten und auch alles geben“, sagt Henrichs, „sehe das aber maximal entspannt.“ Danach soll dann Schluss sein mit sportlichen Kraftakten, Henrichs will sich stattdessen als Schwimmtrainer profilieren.

Marco Henrichs ist Mitglied beim Deutsch-Russischen Forum.

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