Mein Moskau von Frank Ebbecke – 6

November 2006: Frank Ebbecke reist mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Peking, doch in Irkutsk trifft er Julia – eine junge Mathematikstudentin mit einer faszinierenden Stimme und einer tiefen Sehnsucht nach Musik. Aus einem kurzen Gespräch entsteht über zwei Jahrzehnte eine lebensprägende Freundschaft.

Frank Ebbecke
Der deutsche Moskauer Frank Ebbecke (Bild: Hans Winkler)

Moskau, Jaroslawler Bahnhof, 6. November 2006. Zugnummer 70 „Moskau – Peking“, stolz auf manchen Waggons wie auf Souvenir-Postkarten gemalt. Abfahrt: Schlag 23:55 Uhr. Fast sieben Tage mit der „Transsib“ über die transmandschurische Strecke. Klack-klack, klack-klack, ratata, ratata hämmern unentwegt die Eisenräder über die Schienen. Ab und an ein spitzlautes Hupsignal, das kreischende Quietschen der Bremsen.

Was tun mit der langen Zeit? Lesen, essen, vor allem trinken, einen heißen Tee aus dem Samowar am Kopf des Zugteils, regelmäßig ein Schüsschen Wodka in Gesellschaft der umsorgenden Schaffnerin Natascha. Viel schlafen, lesen, die Zuggänge abschlendern. Und immer wieder nach draußen staunen, wie wirklich unermesslich groß, weit und voller wechselnder Landschaften dieses Russland ist. Zu dieser Jahreszeit je östlicher, desto unerkennbarer unter einer schon dichten Schneedecke versteckt.

Die endlos lange Waggonraupe hastet einem Höhepunkt seines da schon über fünfzigjährigen, wahrhaftig oft auf- und anregenden „Wanderlebens“ entgegen. Er ist noch vollends ahnungslos. Kein Horoskop, keine Hand- oder Kartenlegerin hat ihm je einen verheißungsvollen Hinweis vorgegaukelt. Nein, das wird jetzt nicht eine fortgesetzte Erlebnisgeschichte seines lang ersehnten Reiseabenteuers mit der „Transsib“. Das eigentliche Ziel seiner Dienstreise ist weniger spektakulär – eine große Autoshow in Peking. Aber: Es wird gänzlich unerwartet eine der prägendsten Reisen seines Lebens – jedenfalls in Russland, dem Land, das ihm doch bereits fast eine Dekade lang zuvor schon beruflich wie persönlich spannend-exotische Erlebnisse jeder Art beschert hatte.

Ankunft in Irkutsk am 10. November, seinem vorgebuchten kurztägigen Zwischenstopp. Nach knappen vier Tagen und „schlappen“ 4000 Schienenkilometern frühmorgens. Im pechschwarzen Dunkel um 8:12 Uhr, nach Plan, auf die Minute. Fünf Zeitzonen von Moskau. -30 Grad zitterkalt, Schnee und Eis.

Sein ausgesuchtes Hotel erweist sich dankenswerterweise als schön nah gelegen. Der mächtige Prunkbau „Europa“ in der Baikalskaja 69. Im brachialen Stil des Sozialistischen Klassizismus mit haushohen, weiß getünchten Säulen vor einer babyrosa Fassade. Die Rezeptionistin rät gleich fürsorglich: Des Abends essen ginge nur gut im Hotel. Es gäbe keine anderen Restaurants in der Umgebung. Einheimische für Informationen und Wegbeschreibungen seien bei dieser Witterung höchst selten anzutreffen, schon gar nicht ausländisch Sprechende. Na dann, erstmal ausschlafen. Auch wenn das durchaus wohlmöblierte Zimmer so schmal ist, dass er mit rechts und links ausgestreckten Armen im Bett liegend die Wände berühren kann, fühlt es sich nach den Nächten auf der Zugschlafbank einfach himmlisch an. Leider ist aber der altertümliche Heizkörper so überhitzt, dass man darauf Spiegeleier braten könnte. Da freut er sich eher auf den kommenden Tagesausflug zum nahen „Heiligen Meer“ der Russen. Dem Baikal, der mit seiner ganzen Größe und Rekordtiefe von bis zu 1642 Metern ein Fünftel der weltweiten Süßwasserreserven birgt. Ein Wasser so klar, dass man winters durch die dick-zugefrorene Eisschicht die herumschwänzelnden Fische sehen kann.

Zeit zum Abendessen: In der Hotelhalle winkt eine geschlossene, altdunkel gebeizte Doppeltür mit bunt-jugendstilartigen Glas­einsätzen und güldenen Metallapplikationen ins gelobte Restaurant. Von jenseits dieses Eingangs lockt ein leicht gedämpfter Klavierklang und eine volle, geübte weibliche Singstimme: uramerikanische Jazz-Themen in Sibirien, so irritierend wie verheißungsvoll. Kaum eingetreten, steuern dienstfertig gleich zwei Bedienungen auf ihn zu. Er ist der einzige Gast in dem gediegen-eleganten, wenn auch ein wenig russisch-plüschig gestalteten Großraum. Nach Essen ist ihm weniger, als sein Blick auf die Quelle seines schon von draußen vernommenen Ohrenschmauses fällt, denn da kommt der Augenschmaus dazu: eine attraktiv-jugendliche Konzertistin, langes naturblondes Haar, ein ebenmäßig-hübsches winterblasses Gesicht, strahlend grüne Augen, offen-anheimelndes Lächeln. Sie spielt und singt über zwei Stunden Jazz-Klassiker. Sozusagen nur für ihn; denn er bleibt so gut wie der einzige Bewunderer im Saal.

Kurz vor 23 Uhr schlendert die blutjunge Frau für einen Kaffee an die Bar. Er geht zu ihr, stellt sich artig vor, bedankt sich enthusiastisch: „You made my evening.“ In damals noch etwas stockendem Englisch erfährt er, dass Julia hier aus Irkutsk ist, Mathematik fürs Lehramt studiert hat und in den mittleren Neunzigern US-Jazzkassetten in einem lokalen Laden aufstöberte. Und dass diese Musik sie nicht mehr losgelassen hat. Sie würde diese wunderbare Musik so gern weiterstudieren, am liebsten an einer der anerkannt-bekannten Musikakademien in der fernen Hauptstadt. Sie hat spontan auch mehr beeindruckt, dass er seit Langem in Moskau arbeitet und lebt, als dass er Deutscher aus dem noch entfernteren Westen ist. Das sollte es dann gewesen sein – erst einmal, denn da geht die Tür zum Lokal auf. Ein Mann etwa seines Alters kommt auf die beiden zu. Es ist ihr Vater, der sie nächtens wohlbehalten nach Hause begleiten will. Der Vater prüft ihn kurz mit abschätzend-kritischen Blicken. Abrupt machen sie sich auf den Heimweg. Gerade gelingt es Julia und ihm noch, die E-Mail-Adressen auszutauschen – der Startschuss zu einer tiefen Freundschaft.

Nur ganz wenige Jahre später war es nach unermüdlicher Überzeugungsarbeit zu Hause in Irkutsk so weit: Der Studienplatz an der illustren Musikakademie war mit Bravour gesichert, ihre erste winzig-billige Wohnung im Weichbild der Kapitale hatte ich für sie trotz mehr als dürftiger russischer Sprachkenntnisse geortet. Inzwischen sind es seit unserem ersten Treffen in Sibirien an die 20 Jahre her. Julia & Frank. Wie die geborenen Brückenbauer – zum Mauern hochziehen wohl weniger geeignet.

Es wurde bewusst und abgesprochen nie eine besonders romantische Beziehung, aber eine unendliche – persönlich und sogar geschäftlich, getragen von gemeinsamen Erfolgen und gemeinsamer Lebensfreude. Alexej, den lange angetrauten Vater ihrer drei Kinder Ilja, Jelisej, Kostja stelle ich neuen Bekanntschaften immer als Vater „meiner“ Jungens vor – so nah sind wir uns alle. Ihre ganz wunderbaren Eltern, Nina und Rafil, wohnen nach ihrer Pensionierung inzwischen auch gleich neben ihrer Tochter samt Familie in der Moskauer Umgebung. Und ich gehöre fest dazu. Spasibo.

Frank Ebbecke

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