Lapta: Das vergessene Spiel

Ende März sollte in den Vereinigten Staaten die neue Baseball-Saison starten. Die Sportart gilt als US-amerikanisches Kulturgut. Doch es gab eine Zeit, in der die Russen die Herkunft des Spiels für sich reklamierten.

Ein bisschen anders als beim Baseball sieht sie dann doch aus, die
moderne Version des Lapta-Schlägers. (Foto: admtyumen.ru)

„Take me out to the ball game“, hätte schon bald wieder die Lobeshymne auf den Baseball durch die Stadien der USA schallen sollen. Nun wurde die kommende Saison der Major League Baseball aufgrund des Corona-Virus’ erst einmal verschoben.

Seit jeher fühlen sich die US-Amerikaner dem Sport mit Schläger und Fanghandschuh eng verbunden, das war auch schon zu Zeiten des Kalten Krieges so. Entsprechend groß fiel die Entrüstung aus, als Sergeij Schachin 1987 in der Tageszeitung „Iswestija“ den Ursprung des Baseballs im Land des sowjetischen Feindes verortete. Der Journalist hatte behauptet, dass es sich bei dem Heiligtum der US-Amerikaner um einen direkten Nachfahren der Traditionssportart Lapta handelt.

Baseball als russisches Importgut

Ihm zufolge seien es russische Siedler gewesen, die das Spiel einst nach Kalifornien exportierten, lange bevor in den Staaten die ersten Baseball-Teams gegründet wurden. „Baseball ist Laptas jüngerer Bruder“, schrieb Schachin. Nun sei Lapta „mit einem merkwürdigen, fremden Namen“ nach Russland zurückgekehrt. Der „jüngere Bruder“ aus den USA erfreute sich damals zunehmender Beliebtheit in der Sowjetunion. Diese versuchte viele Jahre lang, den Baseball zu entzaubern, und förderte an seiner statt den Volkssport Lapta. So galt Leo Trotzki, seines Zeichens Kommandeur der Roten Armee, als großer Fan des traditionsreichen Sports.

Eine Kommerzialisierung und Professionalisierung, wie sie im Baseball stattgefunden hat, ist Lapta niemals widerfahren. Seine Regeln werden dementsprechend weniger streng ausgelegt. Idealerweise stehen sich sechs, mindestens aber drei Spieler pro Team gegenüber. Außerdem unverzichtbar: ein Ball aus Gummi und ein Schläger, der „Lapta“. Letzterer muss aus solidem Holz gefertigt und zwischen 60 und 120 Zentimeter lang sein. Ein traditioneller Lapta-Schläger hat eine spatenähnliche Form wie im britischen Cricket, doch inzwischen werden auch ähnliche Schläger wie im Baseball benutzt.

Nicht nur einer, sondern alle

Das Spielfeld sollte eine Länge von 44 bis 55 Metern umfassen und zwischen 25 und 40 Meter breit sein. Unterteilt wird es in eine Zone, von der aus geschlagen wird, und eine Zone, in der die Bälle (ohne Handschuhe) gefangen werden. Anders als im Baseball bekommt der Schlagmann den Ball nicht vom Gegner, sondern von einem Teamkollegen zugeworfen. Sobald der Ball in der Luft ist, rennen alle übrigen Spieler des angreifenden Teams los. Ihr Ziel ist es, von der Heimbasis „Gorod“ aus die sogenannte „Kon“-Linie zu erreichen. Hier können die Spieler ausharren, bevor sie beim nächsten Schlag zurück zur Gorod aufbrechen. Das verteidigende Team versucht währenddessen, mit dem ergatterten Ball möglichst viele Gegenspieler zu berühren oder abzuwerfen. Für jeden Spieler, der zur „Gorod“ zurückkehren kann, ohne getroffen zu werden, gibt es 2 Punkte. Fängt ein Verteidiger den geschlagenen Ball in der Luft, gibt es einen Punkt für dessen Team.

Um die Entstehung des Lapta ranken sich nicht weniger Mythen als um den Ursprung des Baseballs. Fakt ist jedoch: Die ältesten Spuren des Spiels stammen aus dem 14.  Jahrhundert. Bei Ausgrabungen im nordwestlich von Moskau gelegenen Welikij Nowgorod wurden Bälle und Schläger des traditionsreichen Sports gefunden.

Mindestens so alt wie Cricket

Es wird vermutet, dass Lapta mindestens so alt wie das britische Cricket ist. Im 18. Jahrhundert wurde das Spiel im Militär Peters des Großen betrieben, um sich körperlich fit zu halten. Auch bei der Roten Armee zählte das Spiel anfangs zum Vorbereitungsprogramm. Seine Blütezeit erlebte Lapta Ende der 1950er Jahre, als es den Status einer offiziellen Sportart innehatte und es zu regelmäßigen Wettbewerben kam. Anschließend nahm die Beliebtheit des Spiels drastisch ab.

Heutzutage spielen im Vergleich zu den Populärsportarten wie Fußball oder Eishockey nur noch wenige Russinnen und Russen Lapta. Wenn es einmal zu Wettbewerben kommt, dann finden diese hauptsächlich in Gebieten östlich des Urals statt. Ein netter Zeitvertreib ist das Spiel dennoch allemal.

Patrick Volknant

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