Kulturelle Heimat: Heinrich Martens über 30 Jahre IVDK

Der Internationale Verband der deutschen Kultur hat Geburtstag: Heute, am 28. Juni, blickt die älteste föderale Interessenvertretung der Russlanddeutschen auf 30 Jahre ihres Bestehens zurück. Zum Jubiläum schlägt der damalige und heutige Vorsitzende Heinrich Martens einen Bogen von den Anfängen bis zur Gegenwart.

Heinrich Martens steht seit Gründung des IVDK an dessen Spitze. (Foto: Denis Schabanow)

Zu Beginn der 1990er Jahre existierten in der Bewegung der Russlanddeutschen zwei Flügel, die sich unversöhnlich gegenüberstanden. Die einen, angeführt vom charismatischen Heinrich Grout, traten für eine Wiederherstellung der Wolgarepublik ein – „oder wir wandern alle nach Deutschland aus“. Die anderen mit Hugo Wormsbecher an der Spitze, der über politische Rückendeckung verfügte, zogen verschiedene Formen einer Republik der Deutschen innerhalb der Sowjetunion in Betracht, jedoch ohne Territorium. Vor diesem Hintergrund kamen absolut verrückte Projekte ins Spiel, wie etwa die abenteuerliche „Baltische Repu­blik“ in der Region Kaliningrad oder eine exotische Massenumsiedlung der Sowjetdeutschen nach Argentinien.

Realitätsferne Ideen 

Einige Galionsfiguren versuchten, ihre politischen Losungen wirtschaftlich zu unterfüttern. Anfang 1991 machte die fantastische Idee einer „Ringrepublik der Sowjetdeutschen“ die Runde – gemeint war eine Kette von Siedlungen rund um Moskau, die, so der Gedanke des Autors, die Hauptstadt mit Gemüse versorgen würden. Damals war es um Nahrungsgüter schlecht bestellt, so dass eine derartige „Republik“ auf Gegenliebe bei der Sowjetführung stoßen konnte. Später brachte derselbe Ideengeber einen Umzug der Deutschen „bei gleichzeitiger Überführung der landwirtschaftlichen Getreideproduktion aus Kasachstan in die Region Pskow“ ins Gespräch.

Im Schatten des politischen Wortgeklingels gab es auch rein wirtschaftliche Gedankenspiele. So sollte 600 Kilometer nördlich von Norilsk ein Ziegelwerk errichtet werden, das nach dem Willen des Autors nur Sowjetdeutsche beschäftigen und „Qualitätsziegel nach Deutschland liefern“ würde.

Kurz gesagt: Die Politiker wetteiferten miteinander, indem immer neue Ideen geäußert wurden, die in ihrer Mehrheit, wenn nicht zur Gänze weit von den sozial-ökonomischen und politischen Realitäten entfernt waren. Praktische Arbeit zur Wiedererlangung der kulturellen Identität der Russlanddeutschen wollten – und wie die Zeit gezeigt hat: konnten – die damaligen Führungskräfte nicht leisten.

Renaissance der Kultur

Währenddessen erlebte die Kultur der Russlanddeutschen im Land einen neuen Aufschwung. Parallel zu den gesellschaftlichen Organisationen wurden immer mehr Zentren für deutsche Kultur eingerichtet. Sie brauchten dringend ihre eigene Vertretung auf föderaler Ebene, Hilfe bei der Methodik und Organisation, bei der Durchführung von gesamtrussischen Veranstaltungen ethnokultureller Art. Zu guter Letzt mussten hier und jetzt die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, sich Muttersprache und Kultur wieder zu erschließen.

Das war die Ausgangslage, als am 28. Juni 1991 eine neue gesellschaftliche Organisation gegründet wurde, die sich zur Aufgabe machte, die ethnokulturellen Potenziale der Sowjetdeutschen zu bündeln und ihre ethnokulturelle Entwicklung zu fördern.

Wir beschlossen, unserer Vereinigung folgenden Namen zu geben: Verband zur Förderung der Kultur der Deutschen in der Sowjetunion. Doch bereits in den darauffolgenden Monaten wurde klar, dass das Schicksal der UdSSR fraglich ist, deshalb wurde unsere Organisation im Oktober 1991 als Internationaler Verband der deutschen Kultur registriert.

Anfangs verhielten sich die „großen Namen“ der Bewegung gegenüber dem IVDK von oben herab: Wir machen hier ernsthafte politische Arbeit und die kommen uns mit ihrer Kultur in die Quere, so der Tenor. Ich erinnere mich, wie einmal einer der „Patriarchen“ zur Freude anderer Anführer auf einer Sitzung der Deutsch-Rus­sischen Regierungskommission für die Angelegenheiten der Russlanddeutschen erklärte: „Wenn wir den Weg nehmen, den Heinrich Martens vorschlägt, dann singen und tanzen wir unsere Republik weg. Erst müssen wir sie wiederherstellen, dann können wir auch singen und tanzen lernen.“ Aber die Zeit verging, die Republik wurde nicht wiederhergestellt, nach und nach zerfielen die einst großen Organisationen und zerstreuten sich ihre Führungsfiguren in alle Winde.

Erste Schritte

Zur selben Zeit organisierte der IVDK Jugendlager, Konzerte, Ausstellungen und Festivals, veranstaltete Schulungen und wissenschaftliche Konferenzen, startete Deutschkurse, brachte die Herausgabe von Büchern und Zeitschriften für die deutsche Bevölkerung auf den Weg, tilgte weiße Flecken in der Geschichte der Russlanddeutschen, half bei der Gründung des Jugendrings der Russlanddeutschen, der Künstlervereinigung der Russlanddeutschen, des Sozialrats der Selbst­organisation der Russlanddeutschen und des Deutschlehrerverbands Russlands. Unsere Fachleute waren in den Regionen unterwegs und leisteten die nötige organisatorische und methodische Hilfe. Wir arbeiteten hart für die Zukunft der Russlanddeutschen, egal, ob sie in Russland­ bleiben wollten oder es vorzogen, in ihre historische Heimat überzusiedeln.

Der IVDK hat die Schwierigkeiten der 1990er Jahre gemeistert und ist daraus sogar gestärkt hervorgegangen. In den zurückliegenden 30 Jahren haben wir ohne jede Übertreibung einige zehntausend ethnokulturelle Projekte in zahlreichen Regionen Russlands organisiert. Nach Verabschiedung des Gesetzes „Über die national-kulturelle Autonomie“ (1996) haben wir zur Schaffung und Entwicklung eines Netzes von NKA und zur Entstehung unserer Partnerorganisation, der Föderalen National-Kulturellen Autonomie, auf konstruktiver Grundlage beigetragen. Mit der Zeit haben wir die bis dahin zersplitterte Bewegung der Russlanddeutschen konsolidiert.

Mit einer Stimme

Mitte der 2000er Jahre entstand auf Basis des IVDK die heutige Selbstorganisation der Deutschen in Russland, die sich auf mehr als 500 gesellschaftliche Einrichtungen in 47 Regionen der Russischen Föderation stützt. Rückgrat der Selbstorganisation sind fünf Überregionale Koordinationsräte (MKS) der Russlanddeutschen, in denen unsere gesellschaftlichen Organisationen in den Regionen Russlands zusammengeschlossen sind. Ich möchte unterstreichen, dass alle wichtigen Entscheidungen der Selbstorganisation kollektiv gefällt werden, nach demokratischen Prinzi­pien. Die gesellschaftlichen Initiativen und die jährlichen Programme für die Projekttätigkeit basieren auf den Vorschlägen der regionalen und überregionalen gesellschaft­lichen Organisationen. Anders als in den 1990er Jahren, sind die Russlanddeutschen heute geeint und sprechen mit einer Stimme.

Bei der Lösung praktischer ethnokultureller Aufgaben lassen wir uns von den Gesetzen der Rus­sischen Föderation leiten und arbeiten konstruktiv mit den Behörden zusammen. Als ethnokulturelle Organisation der Russlanddeutschen sind wir in unserer Zusammensetzung gleichzeitig international und leisten unseren Beitrag zum friedlichen Zusammenleben und zur Verständigung der Völker im Land. Wir sind Realisten, die sich tagtäglich für das Wohl der Russlanddeutschen einsetzen, und wir glauben an das, was wir tun! 

Dank an Russland und Deutschland

Lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen, um der Russischen Föderation für die Aufmerksamkeit, vielseitige Hilfe und Unterstützung der Russlanddeutschen zu danken. Unser Dank gilt ebenso der Bundesrepublik Deutschland für ihre langjährigen Anstrengungen zur Wahrung und Entwicklung der kulturellen Eigenständigkeit der Russlanddeutschen.

Ich gratuliere zum 30-jährigen Bestehen der ältesten gesellschaftlichen Organisation der Deutschen in Russland all jenen, die in diesen Jahren mit Herz und Tat an unserer Seite standen, und jenen, die heute mit Zuversicht in die Zukunft zu uns kommen, allen Freunden und Partnern des IVDK! Vor uns liegen viele interessante Dinge. Der IVDK ist auf dem Weg in die Zukunft! Der Weg gehört denen, die ihn gehen.

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