Jenseits des Goldenen Rings. Eine Entdeckungsreise

Und wenn man einfach mal drauflos fährt? Raus aus Moskau und über Jaroslawl Richtung Norden, ohne festen Plan? Unser Kollege Hans Winkler hat das diesen Sommer mit seiner Familie gemacht. Hier erzählt er in Wort und Bild von seinen Eindrücken.

Die Landschaften im Nordwesten Russlands sind eher beschaulich als spektakulär. Für eine Prise Drama sorgt ab und zu der Himmel. (Foto: Hans Winkler)

Ohne Pandemie hätte es diese Reise nicht gegeben. Wie schon im Sommer vor einem Jahr war auch diesmal an langfristige Urlaubsplanungen und kostspielige Auslandsziele nicht zu denken gewesen. Also ging es kurzerhand mit Kind und Kegel, Auto und Zelt von Moskau Richtung Jaroslawl und weiter in Gebiete, die wir grob mit „Jenseits des Goldenen Rings“ umrissen hatten und nun erkunden wollten. Wie gut Spontanreisen mit Familie im russischen Hinterland funktionieren, war dabei die große Unbekannte. Auch ein Abbruch nach zwei Tagen wurde ins Kalkül gezogen.

Der Ukleinskoje-See im Nationalpark Waldai am frühen Morgen (Foto: Hans Winkler)

2000 Kilometer Richtung Norden und zurück

Es kam dann aber wie so oft in Russland: Die Bedenken zerstreuten sich nach kurzer Zeit und mit dem Essen wuchs der Appetit. Am Ende stand eine veritable Rallye über 2000 Kilometer durch den Norden des europäischen Russlands zu Buche. Von Jaroslawl nach Wologda, vom Weißen See (Beloje Osero) zum Onegasee, von der uralten Festung Staraja Ladoga über die Seen von Waldai zurück nach Moskau. Die Fahrt war voll von Eindrücken und Überraschungen – größtenteils positiven.

Dass sich immer wieder idyllische Blicke auf jahrhundertealte Klöster und Kirchen auftaten, hatte ich zumindest gehofft und wurde nicht enttäuscht. Dass sich unterwegs auch die Möglichkeit bot, ein ausgemustertes U-Boot der Sowjetarmee zu besteigen, kam dagegen relativ unerwartet. Faszinierend war die raue Landschaft um den Onegasee. Die Steilküsten unweit des Andoma-Berges, der die höchste Erhebung am Ostufer des Sees markiert, erinnerten mich an die heimische Ostseeküste, wo ich unter normalen Umständen diesen Sommer verbracht hätte.

Ein 1969 gebautes U-Boot vom Typ B-440 kann in der Kleinstadt Wytegra seit 2005 als Museumsstück besichtigt werden. (Foto: Hans Winkler)

Finale mit Ucha und ohne Mücken

Allzu gern hätte ich an dieser Stelle auch eine Lanze für Russlands Straßen gebrochen, die ja sprichwörtlich eines von zwei Hauptübeln des Landes sind. Aber die Fernstraße A-215, eine Ost-West-Verbindung in der Gegend von Ladoga- und Onegasee, erwies sich als Strich durch die Rechnung, so wie sie sich jedem Reisenden widerborstig in den Weg legt. Der beliebteste Kartendienst Russlands jedenfalls stuft sie als nicht existent ein und empfiehlt höflich, aber bestimmt einen Umweg von 600 Kilometern. Wir ließen uns davon nicht beirren und wagten stattdessen die 200 Kilometer auf der A-215. Zum Glück. Denn wo der Weg das Ziel ist, sind krater­übersäte Schotterpisten eine willkommene Ergänzung im Reiseportfolio. Zumal, wenn sich zwischendurch immer wieder Kirchruinen und windschiefe Holzhütten als Fotomotive anbieten.

Einen würdigen Abschluss fand unsere Reise im Seengebiet von Waldai am Lagerfeuer bei Ucha, der russischen Fischsuppe, aus Selbstgefangenem. Bekannte hatten uns diesen idyllischen Zeltplatz am Ukleinskoje-See empfohlen. Ihr Hauptargument: „Keine Mücken!“ Aber warum? „Weil in der Nähe eine gewisse Person von höchstem staatlichen Rang ein Anwesen hat“, hieß es mit Verschwörermiene.

Die Mücken hielten sich in der Tat auffallend zurück. Das kann natürlich auch am Knoblauch in der Fischsuppe gelegen haben.

Hans Winkler

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