Großstadt-Blues: Moskauer und ihre Psyche

Das Leben in Moskau kann sehr aufregend sein. Aber die Hektik der Metropole führt auch zu Problemen. Junge Menschen nehmen deshalb vermehrt professionelle Hilfe in Anspruch.

Dunkle Wolken über Moskau: Das Leben in der Stadt kann zu mentalen Problemen führen. (Foto: pxhere)

Moskau ist ohne Zweifel eine Stadt, die vieles zu bieten hat. Kultur, kulinarische Vielfalt, Karrierechancen. Aber die Metropole hat auch ihre Kehrseite. Hektik, Einsamkeit und auch die lange Dunkelheit lassen viele Einwohner leiden. 

Es ist ein Bild, dass Moskaus Regierung nicht gelten lassen will. Sie bemüht sich, die Stadt als einen lebenswerten Ort voller glücklicher Menschen darzustellen. Als die Abteilung für Arbeit und Sozialschutz zum Internationalen Tag der psychischen Gesundheit 2019 einen Test durchführte, konnte sie hinterher stolz verkünden, dass Moskau keine depressive Stadt sei. Lediglich ein Viertel der Testteilnehmer wies Anzeichen für Depressionen auf, so die Behörde. In Berlin beispielsweise soll es hingegen fast jeden Dritten betreffen.  

Das Rathaus sieht nur glückliche Menschen

Moskau als Stadt der glücklichen Menschen? Glaubt man Experten, sieht die Wahrheit doch anders aus. Nicht umsonst gilt aggressives und grobes Benehmen seit Langem als Eigenschaft der Moskauer. Die Einwohner der Hauptstadt leiden zudem unter Panikattacken, dem Burn-out-Syndrom und pathologischer Aggression. Sergej Tschernow, Chef der Moskauer Gewerkschaftsvereinigung sprach 2015 davon, dass 78 Prozent der Moskauer unter emotionalem Burn-out und psychoemotionalem Stress leiden.

Letzteres könne ernsthafte Erkrankungen nach sich ziehen. Der Psychologe Pjotr Dmitrijewskij erklärte dem Journal „Bolschoj Gorod“ damals, dass sich viele Moskauer die ewige Frage „Wer bin ich?“ stellen und die Herausforderungen des Lebens in der Großstadt nur bedingt meistern können. Hinzu komme, dass es in Moskau sehr schwer sei, eine enge Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Denn viele Einwohner wollen von niemandem abhängig sein, so Dmitrijewskij. Es sind Aussagen, die auch 2020 noch gültig sind. 

Psychologen werden beliebter

Doch wie gehen die Moskauer mit ihren Problemen um? Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM von Dezember 2018 ist der Seelsorger für die meisten Russen immer noch die Familie. Fast zwei Drittel wenden sich bei Problemen an die Verwandtschaft. Einen Psychologen oder Psychotherapeuten sucht landesweit hingegen nur ein Prozent auf.

In Moskau hingegen wird der Besuch beim Psychologen immer beliebter. Und das in erster Linie bei Menschen aus der intellektuellen Sphäre, die gegenüber Psychologen und Psychotherapeuten aufgeschlossener sind, glaubt Psychotherapeut Wladimir Daschewskij. In einem Interview mit dem Informationsportal „Moslenta“ spricht er zudem von einem Generationenunterschied. Es seien vor allem diejenigen, die in der Sowjetunion groß geworden sind, die dem Wort „Psycho“ negativ gegenüber stünden.

Hatten doch entsprechende Einrichtungen im sozialistischen Staat einen sehr negativen Ruf. Um das Jahr 2010 sei allerdings eine Generation aufgekommen, die mit den alten Geschichten nichts mehr anfangen konnte und dementsprechend offen Probleme anging, so Daschewskij. 

Immer mehr Männer nehmen Hilfe in Anspruch

Außerdem beginnen sich in dieser Generation, Geschlechterstereotype und damit auch das Bild einer starken Männlichkeit zu verändern. Und so nehmen immer mehr Männer professionelle Hilfe in Anspruch. Das merkt auch der psychologische Hilfsdienst Moskaus. „In Moskau ist in letzter Zeit die Tendenz zu verzeichnen, dass sich immer mehr Männer für Hilfe an Psychologen wenden“, sagte die Leiterin des Dienstes Olga Tenn im vergangenen Dezember.

Sie freue sich, dass die Zahl der Hilfe suchenden Männer gestiegen sei, so Tenn. Denn schließlich würden russische Männer eher dazu neigen, keine Emotionen zu zeigen und nicht offen über Probleme zu reden. Deswegen würden Frauen immer noch 75 Prozent der Kunden ausmachen. 

Eine „veränderte Nachfragestruktur“ hat auch Daschewskij ausgemacht. Und das nicht nur beim Geschlecht. So hätten 2020 vor allem Angststörungen zugenommen. Der Psychotherapeut sieht darin einen Zusammenhang mit der Unbestimmtheit in der Gesellschaft. Die Moskauer haben zunehmend Angst um die eigene Zukunft und die der Kinder. Und es könnte noch schlimmer werden. Denn der stete Blick nach Westen lässt viele Russen zunehmend frustrierter über das eigene Dasein werden, glaubt Daschewskij. 

Daniel Säwert

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