Geschichte kann schmerzhaft sein

Die Organisation Memorial engagiert sich für Menschenrechte und die Aufarbeitung des stalinistischen Terrors. Anke Giesen und Kateryna Gamolina von der deutschen Zweigstelle sprechen im MDZ-Interview über staatliche Repressionen in Russland.

Heinz Baumbach aus Thüringen wurde in Moskau erschossen. Memorial brachte an seinem Wohnhaus eine Gedenktafel an.
Heinz Baumbach aus Thüringen wurde in Moskau erschossen. Memorial brachte an seinem Wohnhaus eine Gedenktafel an. (Foto: Nikolai Ivanov)

Memorial engagiert sich für Menschenrechte und die Aufarbeitung des stalinistischen Terrors. In Russland wird die Organisation von der Regierung als „ausländischer Agent“ geführt. Vorstandsmitglied Anke Giesen und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Kateryna Gamolina von der deutschen Zweigstelle sprechen im MDZ-Interview über staatliche Repressionen in Russland.

Was sind aktuell die größten Baustellen für Memorial in Deutschland?

Giesen: Gerade arbeiten wir am Projekt „Die letzte Adresse“. Dabei werden an den letzten bekannten Wohnadressen von deutschen Opfern des Stalinismus Gedenktafeln angebracht. Weiterhin unterstützen wir die Überlebenden im sozialen Bereich. In Deutschland sind die noch lebenden Opfer des Gulags relativ gut abgesichert. In Russland ist die Situation ganz anders, viele Zeitzeugen leben sehr ärmlich. Das dritte Standbein von Memorial ist klassische Menschenrechtsarbeit. Aktuell sind die Themen Tschetschenien und die politischen Gefangenen in Russland.

Wie groß ist das Interesse hierzulande für die Lage der Menschenrechte in Russland?

Giesen: Es gibt hier einen Kreis an Russland-Interessierten, die unsere Arbeit verfolgen und unterstützen. Auch bei Menschenrechts-Konsultationen im Auswärtigen Amt werden wir häufig angefragt. In Deutschland spaltet sich die öffentliche Meinung zu Russland oft in „Putin-Versteher“ und „Putin-Kritiker“. Wir zählen uns klar zu letzteren. Dafür werden wir auch angefeindet in Deutschland.

Wie wird ihre Arbeit in der russischen Bevölkerung wahrgenommen?

Giesen: In den aufgeklärten Teilen der Gesellschaft hat Memorial einen ausgezeichneten Ruf. Große Teile der Bevölkerung bilden sich ihre Meinung aber übers Fernsehen, da werden wir als Volksfeinde dargestellt. Das wirkt sich auf die Haltung der Menschen zu Memorial aus, viele haben Angst sich zu solidarisieren.

Hält die Einstufung Memorials als „ausländischer Agent“ Menschen von ihrem Engagement ab?

Gamolina: Die, die ich kenne, bleiben dabei und lassen sich nicht davon abbringen. Für große Teile der Bevölkerung aber war Memorial schon vor dem Agentengesetz eine Organisation von Verrätern, quasi die fünfte Kolonne, die Details aus der Vergangenheit erforschen. Nach der Perestroika und dem Ende der Sowjetunion war der Wunsch der Menschen nach Aufarbeitung viel größer.

Warum ist die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit für die Regierung so unangenehm?

Gamolina: Die von der Regierung forcierte russische Identität stützt sich stark auf die sowjetische Geschichte, die eine einfache und heldenhafte Erzählung ist. Die Erforschung der dunklen Seite der Geschichte stellt viele Fragen an die Menschen: Warum ist das passiert damals? Das Leben war unter Stalin nichts wert, alles wurde für ideologische Ziele geopfert. Man muss sich fragen: Ist es heute anders? Über diese Geschichte etwas zu erfahren, ist schmerzhaft. In einer Familie konnten Opfer und Täter gleichzeitig sein, sie wurden gegeneinander ausgespielt. Du konntest heute im Innenministerium arbeiten und morgen erschossen werden.

Die Fragen stellte David Tiefenthaler.

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