Gar nicht so verschieden: Wie Ost- und Westdeutsche auf Russland blicken

Ossis sind die geborenen Russlandversteher und Wessis haben keine Ahnung: In Diskussionen klingt immer wieder an, dass es in Ost- und Westdeutschland sehr unterschiedliche Vorstellungen von Russland gibt. Das Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) hat die Einstellungen nun in der Studie „Russlandbilder in Ost und West“ untersucht.

Ein Drittel der Deutschen wünscht sich bessere Beziehungen zum Kreml. (Foto: imenno.ru)

Der Osten und Putin

Die Zustimmung für den Regierungsstil von Präsident Wladimir Putin ist in den neuen Bundesländern größer als im Westen Deutschlands. Rund 50 Prozent der im Osten Geborenen sowie 62 Prozent der im Osten lebenden Menschen können in Präsident Putin keine Bedrohung erkennen. Dieser Sichtweise stimmen vor allem Menschen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt zu. Bei den Westdeutschen sehen das insgesamt rund 50 Prozent so. Zudem assoziiert rund ein Drittel der im Osten geborenen und lebenden Deutschen Wladimir Putin mit der Vorstellung eines effektiven Präsidenten. Bei den in den alten Bundesländern Geborenen liegt dieser Wert bei nur 17 Prozent, insgesamt stimmen 20 Prozent der im Westen lebenden Menschen dieser Bewertung zu.

Der Hauptstadteffekt

Die Berliner haben einen besonderen Draht in den Osten. So unterhält fast ein Drittel der Hauptstädter persönliche Kontakte nach Russland. Berliner sind sich aber auch der russischen Verstöße gegen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit besonders bewusst. Rund 40 Prozent der Befragten assoziieren das Land mit Repressionen. Paradoxerweise sind die Hauptstädter mit dem Stand des deutsch-russischen Verhältnisses aber besonders zufrieden. Rund 40 Prozent der Befragten bewerten die Beziehungen als „genau richtig“.

Persönliche Kontakte

Ostdeutsche haben nicht mehr Kontakte nach Russland als Westdeutsche. Wichtiger als die Herkunft aus Ost oder West ist stattdessen das Alter: Vor allem jüngere Deutsche pflegen der Studie zufolge berufliche oder private Beziehungen nach Russland. Mit zunehmendem Alter der Befragten sank die Wahrscheinlichkeit solcher Kontakte. Dies sei ein Anzeichen dafür, dass viele Kontakte erst nach dem Ende der DDR geknüpft wurden, schreibt Studienautorin Gwendolyn Sasse.

Gegen Sanktionen

In West- und vor allem Ostdeutschland werden Sanktionen gegen Russland äußerst kritisch gesehen. Allerdings ist das Wissen über konkrete Strafmaßnahmen und deren Zusammenhang mit der russischen Politik zumeist gering. Die Ablehnung von Sanktionen trage daher einen generellen Charakter, heißt es in der Untersuchung. Die Befragten gingen davon aus, dass Sanktionen in der Regel die Falschen treffen und die Bevölkerung den Preis dafür zahle, wenn Politiker keine Lösungen finden. Weit verbreitet sei zudem die Annahme, dass die EU-Staaten Entscheidungen aus Washington blind folgen. Gleichzeitig haben die Studienteilnehmer das Gefühl, zu wenig über Russland zu wissen und kritisieren eine als zu negativ empfundene deutsche Berichterstattung über Russland.

Projektionsfläche

Prorussische Positionen sind sich in Ost- und Westdeutschland sehr ähnlich. Im Zentrum steht dabei eine Dankbarkeit für die durch Gorbatschow ermöglichte deutsche Wiedervereinigung. Daneben ist eine negative Wahrnehmung der deutschen Innen- und Außenpolitik von großer Bedeutung. Kritisiert wird vor allem die als langwierig und nicht zielführend empfundene Entscheidungsfindung in Deutschland und EU. Der deutschen Politik mangele es an Stärke bei der Durchsetzung von Entscheidungen, Volksnähe sowie Nationalstolz. Zu diesem Einstellungsmuster gehört zudem eine generell US-kritische Grundhaltung. Diese Kritik ist lauter in Ostdeutschland, aber sie ist auch in Westdeutschland zu hören. Vor dem Hintergrund dieser enttäuschten Erwartungen fungiert Moskau als Projektionsfläche. Russland steht für Stärke, Unabhängigkeit und Ordnung. Dass der Kreml nicht nach den Regeln der Demokratie und des Völkerrechts handelt, wird eingeräumt, aber durch die übergreifenden Ziele dieser Politik relativiert.

DDR-Erfahrungen

Die Erfahrungen, die DDR-Bürger mit der Sowjetunion gemacht haben, wurden von den Studienteilnehmern aus Ost und West differenziert bewertet. Der Untersuchung zufolge gibt es eine große Bandbreite solcher Einstellungen, Vorstellungen und Erinnerungen – beispielsweise an die Präsenz sowjetischer Soldaten im DDR-Alltag. Die ostdeutschen Studienteilnehmer verklärten die Sowjetunion und Russland demnach nicht. Diese Haltung wurde auch von den westlichen Teilnehmern anerkannt. Die Erfahrungen stünden damit im Kontrast zu Verallgemeinerungen im öffentlichen Diskurs, heißt es in der Erhebung. Die deutschen Erinnerungen an die Sowjetunion böten somit einen Einstieg in eine vielschichtige Diskussion.

Stand der Beziehungen

Rund ein Drittel der Deutschen möchte engere Beziehungen zu Russland. Dieser Wunsch ist besonders unter Älteren, Männern und Menschen, die in den neuen Bundesländern wohnen, ausgeprägt. 23 Prozent der Befragten – darunter vor allem Westdeutsche und Berliner – bewerteten den Stand der deutsch-russischen Beziehungen als genau richtig. Nur neun Prozent sehen das Verhältnis zu Moskau als zu eng. Mit knapp 40 Prozent ist der Anteil von Menschen, welche den Zustand der deutsch-rus­sischen Beziehungen nicht bewerten können oder wollen, sehr hoch. Dies könne entweder von großer Unsicherheit beim Beantworten der Frage herrühren oder ein generelles Desinteresse an den Beziehungen zwischen Moskau und Berlin zeigen, heißt es in der Studie.

Birger Schütz

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