Feuerprobe für die russische Wirtschaft

Eine Epidemie, sinkende Ölpreise und Währungsverfall: Den neuen Erhebungen der Ratingagentur ACRA zufolge könnte die russische Wirtschaft auf eine neue Finanzkrise zusteuern. Doch es finden sich auch Argumente dafür, dass Russland den kommenden Herausforderungen durchaus gewachsen sein könnte.

Imposant: Eine Gasfackel auf dem Gelände der Moskauer Ölraffinerie. (Foto: AGN Moskau)

Etwas mehr als vier Jahre ist es her, dass die Regierung in Moskau eine neue, eigene Ratingagentur gründete, um sich von den westlichen Bewertungsinstanzen unabhängig zu machen. Die Analytical Credit Rating Agency, kurz ACRA, wurde als neuer, bedeutender Fixpunkt für die Entscheidungen der russischen Zentralbank ausgerufen. Nun hat das Institut eine besorgniserregende Warnung für den Markt des Landes ausgesprochen: Russland, so schreiben die Experten der Agentur, könnte vor einer neuen Krise seiner Wirtschaft stehen.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Das Coronavirus sowie der Ölkonflikt mit Saudi-Arabien drücken die Ölpreise, von welchen der Rubel zusammen mit großen Teilen der Wirtschaft abhängt. In den letzten Wochen hat die russische Währung gewaltig an Wert verloren. Zwischenzeitlich war der Rubel auf den tiefsten Stand zum US-Dollar seit Anfang 2016 gefallen. Wie die ACRA in ihrer Verlautbarung genauer erklärt, sinkt wegen des Coronavirus‘ die weltweite Ölnachfrage. „Darüber hinaus wurden die Rohstoffmärkte durch das Scheitern des OPEC+-Abkommens ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen“, so die Ratingagentur.

Im Ölstreit mit den Saudis

Die Gespräche zwischen der von Saudi-Arabien angeführten Organisation erdölexportierender Länder, kurz OPEC, und Ölproduzenten außerhalb des Bündnisses waren zuvor gescheitert. Zu letzteren, den sogenannten OPEC+-Staaten, zählt auch Russland. Man wollte sich gemeinsam auf eine Senkung der Ölproduktion einigen, um der fallenden Nachfrage zu begegnen. Der negative Ausgang hatte die ohnehin schon sinkenden Ölpreise weiter stürzen lassen. Anfang März waren diese auf den tiefsten Stand seit 2016 gefallen.

In den jüngsten Erhebungen ihres Finanzstressindex stellte die ACRA nun einen Wert von 3,12 Punkten für die Russische Föderation fest. Damit wurde der entscheidende Schwellenwert von 2,5 Punkten überschritten, was „eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Finanzkrise bedeuten kann, aber nicht unbedingt auf den Übergang in eine Krisenphase hinweist“. So gab die Agentur auch an, dass 2016 der kritische Level ebenfalls die Marke von 2,5 Punkten für eine kurze Zeit überschritten hatte, ohne dass eine Finanzkrise anschließend eingetreten wäre. Seit dem Jahr 2006 lag Russland bereits zwölf Mal über dem besagten Wert.

Sowohl Schatten als auch Licht

Mit den neuerlichen Spannungen zwischen Saudi-Arabien und Russland hat sich die Dynamik auf den Ölmärkten entscheidend verändert. Mit ihrer bisherigen Zusammenarbeit und dem gemeinsamen Herunterschrauben der Produktion hatten beide Länder versucht, dem Schieferöl der USA etwas entgegenzusetzen. Nun stehen sich die Nationen in einem Preiskrieg gegenüber. Nicht wenige Beobachter – und auch das spricht gegen eine bevorstehende Finanzkrise – sehen Russland in dem Kräftemessen obenauf. Ihnen zufolge hat der Umgang mit den vom Westen verhängten Sanktionen das Land im Verzicht geschult. Die Wirtschaft des Landes wurde dazu gezwungen, sich auf Notsituationen vorzubereiten. Russische Unternehmen hätten eigene Schulden merklich reduziert und zudem könne sich Moskau auf große Ölreserven in der eigenen Rückhand verlassen.

In den vergangenen Jahren hat sich Russland auf dem internationalen Markt gegen ein widerwilliges Umfeld behaupten müssen. Nun könnten die in der harten Zeit getroffenen Anpassungen dazu führen, dass das Land nach dem Abflauen der Corona-Epidemie besser dastehen könnte als andere Nationen. Entscheidend für die wirtschaftliche Zukunft des Landes werden die kommenden Wochen sein. Vieles hängt davon ab, wie stark die Corona-Epidemie der Russischen Föderation zusetzen wird.

Patrick Volknant

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