Erinnerungskultur: Von gepanzerten Kinderwagen

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg unterscheidet sich von Land zu Land. Doch was sollten wir alle gemeinsam im Gedächtnis behalten, um die Wiederholung solcher Ereignisse zu verhindern.

Ist das die Erinnerungskultur, die wir brauchen? (Foto: Jewgenija Nowoschenija/ RIA Novosti)

Seit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion sind nun acht Jahrzehnte vergangen. Und noch immer spielen die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs eine zentrale Rolle in der Erinnerungskultur, in Russland wie in Deutschland. Was sollten wir alle gemeinsam in Erinnerung behalten, um uns vor einer ähnlichen Konfrontation in Zukunft zu bewahren? Das war das Anliegen der jüngsten Moskauer Gespräche.

Die belarussische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ging dabei mit der Erinnerungskultur im heutigen Russland hart ins Gericht. Es erschüttere sie, wenn sie Kinderwagen in Panzer-Optik und Militäruniformen für Kinder in den Geschäften sehe. „Das ist eigentlich nicht die Erinnerung, die wir an die schrecklichen Ereignisse haben sollten“, so die Literatin.

Versöhnung statt „Rechnungen der Gegenwart“ begleichen

Auch die zahlreichen Blockbuster, die im russischen Kino den Zweiten Weltkrieg zum Thema hätten, seien kaum dazu geeignet, ein angemessenes Bild von dem Leid zu zeichnen, das damals wirklich herrschte. „Wir leben in einer Zeit, in der es Kunst und Literatur nicht mehr schaffen, diese Epoche adäquat darzustellen.“

Der russische Historiker Alexej Gromyko sagte, es sei wichtig, dass die Erinnerung an den Krieg das Ziel der Versöhnung verfolge und nicht dazu missbraucht werde, „Rechnungen der Gegenwart“ zu begleichen. Das EU-Parlament dagegen habe die Erinnerung an den Krieg für politische Zwecke missbraucht, sagte er in Anspielung auf die 2019 verabschiedete Resolution, die den Hitler-Stalin-Pakt als Kriegsursache bezeichnete und damit die Schuldfrage für den Ausbruch des Kriegs verschob.

Erinnerung wandelt sich zu Unterhaltung

Sein Kollege Oleg Budnizkij äußerte die Befürchtung, dass mit dem Dahinscheiden der letzten Augenzeugen die Erinnerungskultur sich immer mehr zu der Art von Unterhaltung verschiebe, wie sie auch Swetlana Alexijewitsch kritisiert hatte. „Mein Großvater hat mir noch die Narben an seinen Beinen gezeigt, aber was wir heute erleben, das sind Unterhaltungsformen, die man sich überhaupt nicht mehr anschauen kann. Und das sage ich nicht als Geschichtswissenschaftler, sondern einfach als Mensch, der weiß, was Krieg bedeutet.“

Der deutsche Historiker Jörg Echternkamp wies auf die verschiedenen Ansätze der Erinnerungskultur hin. In Deutschland sei die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg sehr stark mit der Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit verknüpft. „Wir fragen uns: Wie konnte es überhaupt zu dieser Diktatur kommen?“, so der Forscher. Eine Fokussierung allein auf den Sieg im Jahr 1945 berge die Gefahr, dass man alle Ereignisse, die nicht in dieses Erzählmuster passen, ausblende.

Er plädierte gegen eine „Re-Nationalisierung“ der Erinnerung. „Wir müssen ja nicht alle dieselben Erinnerungen pflegen, aber wenigstens die Perspektiven der anderen kennen. Nur dann ist ein versöhnliches Miteinander möglich.“

Jiří Hönes

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