Das Grauen am Bug: Erinnerungen an einen Völkermord

Alexandra Bogdan und Luca Arapu aus dem südosteuropäischen Moldawien haben in jungen Jahren Schlimmes erlebt. Weil sie Roma sind, wurden sie aus ihrer Heimat vertrieben, in Lager gesteckt. Heute fristen sie eine karge Existenz am Rande der Gesellschaft. André Widmer hat sie besucht und Erinnerungen an Verbrechen notiert, die bis heute wenig erforscht sind.

„Sie haben uns nach Cioresti gebracht und von dort weiter mit Karren und Eisenbahnwaggons – ohne Wasser, ohne Essen“, erzählt Alexandra Bogdan. Die 97-Jährige sitzt auf dem Bett in ihrem Haus in Vulcanesti, einer Siedlung bei Cioresti im Westen Moldawiens. Sie gehört zu den letzten heute noch lebenden Augenzeugen der Deportation Tausender Roma durch die rumänische Besatzungsmacht während des Zweiten Weltkriegs: 1941 und 1942 wurden sie in Arbeits- und Todeslager auf dem Gebiet der heutigen Ukraine getrieben, um Rumänien ethnisch zu „säubern“. Es sei zum Bug gegangen, einem Fluss, der ins Schwarze Meer mündet. „Sie haben einen großen Ofen gebaut. Und die Leute sind gestorben vor Hunger und Durst. Die Toten hat man auf Karren geladen und nachher in den Ofen geworfen, wo sie verbrannt wurden.“ Es sind Fragmente aus den dunkelsten Kapiteln ihrer Lebensgeschichte, die Alexandra Bogdan schildert. Von einem Übergriff auf eine Frau und wie sie sich selber davor zu schützen wusste, indem sie sich Kohleschwärze auf den Leib und die Haare geschmiert hat. „Ich habe mich wie eine Person verhalten, die nicht normal ist. Und gestikuliert wie eine Irre.“

Antonescu – der faschistische Diktator

Alexandra Bogdan © André Widmer

Der Holocaust an den Roma aus Moldawien und Rumänien fristet in der Geschichtsschreibung ein Schattendasein. Sehr wohl ist bekannt, dass neben den Millionen von Juden in den Konzentrationslagern Nazideutschlands neben Menschen mit Behinderungen und Homosexuellen auch Zehntausende Sinti und Roma ermordet wurden, in erster Linie im KZ Ausch­witz. Doch auch im Südosten Europas wütete ein faschistisches Regime, das mit Deutschland kollaborierte: dasjenige des damaligen rumänischen Ministerpräsidenten und Marschalls Ion Antonescu. Unter dem Diktator trat Rumä­nien 1941 an der Seite Deutschlands in den Krieg gegen die Sowjetunion ein. Die Rumänen besetzten die Moldawische Sowjetrepublik, die erst ein Jahr zuvor auf dem Gebiet Bessarabiens gegründet worden war, das wiederum seit 1918 zu Rumänien gehört hatte, und Teile der Südwestukraine. An den südlichen Bug in Transnistrien, ein rumänisches Gouvernement mit Verwaltungssitz in Odessa, deportierten sie diejenigen Juden und Roma aus Rumänien sowie den rumänisch besetzten Gebieten, die nicht schon zuvor Massakern zum Opfer gefallen waren. Rund 175 Orte mit Arbeitslagern und Ghettos existierten. Wohl gegen 400.000 Juden wurden ermordet. Die rumänischen Faschisten registrierten offiziell auch die Deportation von nahezu 25.000 Roma nach Transnistrien. „Viele von ihnen wurden Opfer systematischer Erschießungen, insbesondere durch die deutschen Einsatzgruppen, die Mehrzahl fiel allerdings den mörderischen Bedingungen zum Opfer, die die rumänischen Behörden in den Ghettos geschaffen hatten“, heißt es beim Erinnerungsprojekt „Genocide against Roma – remember to resist“ des Berliner Bildungswerks für Friedensarbeit. Ion Duminica, Leiter der Abteilung für ethnische Minderheiten an der Akademie der Wissenschaften in Chisinau, der moldawischen Hauptstadt,  geht davon aus, das weniger als die Hälfte der deportierten Roma die Lager in Transnistrien überlebt hat. Erst 1944 hatte der Schrecken ein Ende: Als die Front und damit die Rote Armee näher rückten, konnten jene Roma, die noch am Leben waren, in ihre Dörfer zurückkehren.

Lebensmittel und Kohle als Hilfe

Wie viele der damaligen Überlebenden heute noch leben, ist schwierig zu eruieren. Nur wenige verfügen über Dokumente, welche ihre Leidenszeit im Lager bezeugen. Und nur wenige Organisationen kümmern sich heute in Moldawien um die Überlebenden, so „Tarna Rom“ und das „Centrul National Al Romilor“, jeweils mit Unterstützung der deutschen Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ). Die Organisation „Tarna Rom“ beispielsweise unterstützt derzeit 77 Personen, das „Centrul National Al Romilor“ registrierte Ende 2017 die Zahl von 268 Überlebenden, kann aber nur rund 100 unterstützen – das Budget ist begrenzt. Freiwillige helfen mit. Die betroffenen Roma werden so zusätzlich mit Lebensmittelpaketen, Medikamenten, Hygieneartikeln und auch Heizkohle versorgt. Vom moldawischen Staat erhalten die Opfer bis auf wenige Ausnahmen neben der durchschnittlichen monatlichen Rente von lediglich zwischen 100 und 300 Lei – 6 bis 18 Euro – fast keine Unterstützung, weil ihnen der entsprechende Nachweis fehlt. Viele waren davor auch Nomaden, umherziehende Roma. Wie Marin Alla, Präsident von „Tarna Rom“, erklärt, werde nun versucht, dass innerhalb der Roma-Community in Moldawien diejenigen, die es sich leisten können, die Notleidenden mit Lebensmittelpaketen unterstützen.

Luca Arapu © André Widmer

Die Siedlung Vulcanesti bei Cioresti in Moldawien ist zu über 80 Prozent von Roma bewohnt.  Wie Alexandra Bogdan lebt auch der hochbetagte Luca Arapu (88) dort. Um das von ihm allein bewohnte Haus wuchert die Natur, drinnen sind nur wenige Möbel zu sehen, er fristet eine karge Existenz. Seine Frau ist vor 20 Jahren gestorben. Arapu hört nicht gut und so müssen die Fragen beinahe geschrien werden. Auch seine Schilderungen sind fragmentarisch, dennoch ebenso erschütternd: „Die Rumänen haben uns zu Boden gebracht und wir mussten 25 Peitschenschläge am Po erleiden. Hast du gestanden, haben sie dich noch mehr geschlagen”, erinnert er sich. „Wir hatten so viele Läuse, dass man eine Handvoll nehmen konnte, wenn man mit der Hand durch die Kleider oder das Haar gestrichen hat.“ Auf einer Kolchose hätten die Internierten Zwangsarbeit verrichten müssen und im Lager auf Etagenbetten geschlafen. „Von oben sind die Läuse von Nachbarn auf mich gefallen. Und meine sind auf den Nachbarn unter mir gefallen. Wir haben viele Läuse gegessen.“ Es sei vorgekommen, dass Eltern ihr totes Kind zerteilt und gegessen hätten. „Im Lager sind jede Nacht 50-60 Menschen gestorben. Sie haben die Karren mit Pferden gebracht, um die toten Leute mit Gabeln aufzuladen. Sie sind zum Rande des Waldes gegangen, um die Leichen dort zu verbrennen.“ Luca Arapu war damals erst zwölf Jahre alt. Den Rumänen wünscht er noch heute die Hölle.

Ein zweites Mal Opfer

In Chisinau wurde in einem Park im Stadtteil Alte Post 2003 ein Denkmal zu Ehren der vielen Roma-Opfer jener schrecklichen Ereignisse errichtet, aber schon nach wenigen Monaten von Unbekannten zerstört. Im Haus der Nationalitäten besteht eine Ausstellung zum Holocaust. In einem Nebenzimmer wird auch über das Schicksal der Roma informiert. Erst 2016 hat Moldawien den 2004 veröffentlichten Abschlussbericht der Elie-Wiesel-Kommission (Anm. d. Red.: Internationale Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien) anerkannt und verfügt seit kurzem über einen Aktionsplan zur Holocaust-Erinnerung.

Von den rund drei Millionen Moldawiern – das Land leidet aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation unter Abwanderung  – waren 2014 gemäß Volkszählung  9323 Personen romastämmig. Laut einem Expertenteam beim Europarat dürfte es sich aber um ein Mehrfaches davon handeln. Experte Ion Duminica sagt, dass zu Sowjetzeiten keine Erinnerung an das Schicksal der Roma im Zweiten Weltkrieg gepflegt wurde. „Es waren Helden wie die Soldaten gefragt, nicht Opfer“, so Duminica. Auch heute sei das Wissen darüber und über die Situation der letzten Überlebenden in der Gesellschaft nicht weit verbreitet. So würden sie ein zweites Mal zu Opfern, meint Ion Duminica.

Mitarbeit: Corina Inglin-Gaman

Holocaust? Genozid?

Der Begriff „Holocaust“ wird meist für die in Nazideutschland systematisch verfolgte „Endlösung der Judenfrage“ verwendet. Einem der größten Menschheitsverbrechen überhaupt fielen zwischen 5,6 und 6,3 Millionen Juden zum Opfer. Dass die Nazis und ihre Verbündeten auch anderes „unwerte Leben“ mit derselben kalten Konsequenz vernichteten, ist dabei unbestritten. Deshalb wird gerade in Bezug auf den Genozid an den Roma in Südosteuropa verschiedentlich auch von Holocaust gesprochen. Schließlich waren Juden und Roma in gleicher Weise von den ethnischen Säuberungen in Rumänien und den von Rumänen besetzten Gebieten betroffen. Damit werden heute die damaligen Verbrechen auch begrifflich in einem Atemzug genannt.

 

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