Eine Provinz voller Kunst

Die russische Provinz ist für viele Menschen ein karger Ort, von dem sie so schnell wie möglich fliehen wollen. Mit Kunstprojekten und Festivals versuchen lokale Aktivisten, ihren Städten die Tristesse zu nehmen und internationale Künstler anzuziehen. Das hilft nicht nur den Einwohnern, sondern auch der Wirtschaft.

Beim „Art owrag“ in Wyksa geht es bunt zu. (Foto: Julia Absaltdinova/ ART-OVRAG)

Die Stimmung ist ausgelassen. Auf dem Wasser und durch die Straßen ziehen Marching-Bands ihre Runden und stecken das Publikum mit ihren Rhythmen an. Die Menschen tanzen frei und beschwingt zur Musik und genießen im Konfettiregen und dem bunten Rauch von Nebelkerzen das Leben. Und am anderen Ende der Stadt verwandelt sich eine graue Fabrik in ein farbenfrohes Kunstwerk.

Was nach Karneval in Rio de Janeiro klingt, findet jeden Sommer in der unscheinbaren Arbeiterstadt Wyksa mitten im russischen Nirgendwo statt. Wyksa ist ein Ort, wie es ihn in Russland zuhauf gibt. Knapp 50 000 Menschen leben dort in der Osteuropäischen Ebene, an der Grenze zwischen den Gebieten Nischnij Nowgorod und Wladimir. Bis nach Moskau sind es 360 Kilometer und kulturell Lichtjahre. Die Menschen in Wyksa leben vom örtlichen Metallwerk, dem größten Arbeitgeber in der Umgebung. Monostädte heißen solche Orte in Russland. Die meisten sind seit Jahren im Niedergang begriffen und veröden zunehmend.

Vor zehn Jahren kam Irina Sedych, Vorsitzende des Treuhandrats der Wohltätigkeitsstiftung „OMK-Utschastije“, auf die Idee, etwas gegen den Verfall von Wyksa zu unternehmen. Der Zeitung „VTimes“ erklärte Sedych, dass die Lage der Stadt wegen der relativ hohen Gehälter im Metallwerk zwar stabil sei. Für die Jugend sei es hingegen schwer gewesen, sich selbst zu verwirklichen und das Leben sinnvoll zu gestalten. Als logische Konsequenz sahen viele ihre Zukunft woanders.

Ein Festival für die Einwohner

Die Lösung war für Sedych ein Festival. 2011 fand schließlich das erste „Art owrag“ (Kunst-Hohlweg) in Wyksa statt. Über die Jahre entstanden in der Stadt um die 100 Street-Art- und Public-Art-Werke, zusätzlich wurden 15 neue Objekte gebaut. Und eine Künstlerresidenz eingerichtet, in der bereits 40 Künstler aus aller Welt zu Gast waren. Im Jahr 2017 wurde zudem das Projekt „Industrie-Street-Art-Park“ ins Leben gerufen, das die Mauern des Metallwerks mit Wandbildern verziert.

Das „Art owrag“ ist zu einem vollen Erfolg geworden. Und das auch, weil die einheimische Bevölkerung eingebunden ist, meint Sedych. Die Menschen aus Wyksa helfen bei der Vorbereitung der Kunstwerke und arbeiten während des Festivals mit den Künstlern zusammen. Dass die Einwohner zeitgenössischer Kunst so offen gegenüberstehen, findet Sedych großartig. Lediglich im zweiten Festival-Jahr kam es mal zu Vandalismus, als die Arbeit eines New Yorker Künstlers niedergebrannt wurde. Selbst die Metallwerker wurden mit den Jahren immer offener und nehmen mittlerweile an verschiedenen Performances teil.

Für Wyksa hat sich das „Art owrag“ bezahlt gemacht. In diesem Jahr konnte das Festival zwar wegen Corona nur in kleinem Rahmen mit ein paar Ausstellungen im Herbst nachgeholt werden. Aber zuvor kamen jährlich zwischen 7000 und 10 000 Menschen mehr in die Stadt. Zwischen 2015 und 2019 sind die Touristenzahlen von 1149 auf fast 40 000 gestiegen, heißt es stolz aus dem Rathaus. Und auch die Wirtschaft profitiert. So wurden 2019 gut 100 Millionen Rubel (1,1 Millionen Euro) investiert.

Kino in der Taiga

Etwas mehr als 4000 Kilometer weiter östlich von Wyksa hat sich bereits einige Jahre früher ein Festival einen Namen gemacht. Und das aus einem Witz heraus. Im Jahr 2002 gründeten Moskauer Künstler das „Festival von Kansk“ in der gleichnamigen Stadt im Gebiet Krasnojarsk. Mit dem Namen wollten sie auf das berühmte Filmfestival im französischen Cannes anspielen. Und zugleich den Einheimischen in dem 90 000 Einwohner zählenden Kansk sowie den Menschen in Sibirien allgemein Kultur näherbringen, wie die Gründer scherzhaft sagten.

Herausgekommen ist eine Veranstaltung, die seit 2002 Ende August und Anfang September Film- und Kunstliebhaber ins sibirische Nichts zieht. Über die Jahre hat sich das Festival einen herausragenden Ruf erarbeitet. Aus dem einstigen Scherz ist eine „ernsthafte Schau, auf der die Arbeiten der besten Videomacher und Kuratoren der Welt präsentiert werden“, geworden. Und ein Laboratorium für künstlerische Praktiken auch abseits des Kinos. Etwa in der Musik, im Theater oder der zeitgenössischen Kunst. Abseits der Metropolen will das „Festival von Kansk“ damit junge Künstler unterstützen und entdecken, heißt es auf der Homepage der Prochorow-Stiftung, die die Veranstaltung unterstützt.

Dass Kunst auch international für Beachtung sorgt, weiß man auch in Perm. 2008 richtete der damalige Gouverneur Oleg Tschirkunow ein Museum für zeitgenössische Kunst ein und unterstützte Künstler, die dem öffentlichen Raum der grauen Millionenstadt ein neues Gesicht gaben. Mit Tschirkunows Abgang endete auch das Projekt. Allerdings gibt es Hoffnung. Man hoffe, das Public-Art-Programm wieder auferstehen zu lassen, sagte die Direktorin des Museums für zeitgenössische Kunst PERMM Nailja Allachwerdijewa Anfang November. Wann genau das sein wird, weiß sie nicht. Hoffentlich aber spätestens zum 300-jährigen Stadtjubiläum 2023.

Daniel Säwert

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