Ein Sachse auf der Überholspur

Russland ist ja riesig und Moskau ist der mit Abstand größte Schmelztiegel unseres Kontinents, ein Magnet für Menschen aller Couleur, mit ungewöhnlichen Talenten, mit erstaunlicher Schaffenskraft. Manche bringen es nach oben, manche bleiben unten. Die meisten mittendrin. Unser Autor Frank Ebbecke stellt sie hier vor. Heute: Thomas Stärtzel, Manager

Meister und Magnete

Von Frank Ebbecke

 

 

 

 

Foto: Porsche

Foto: Porsche

Bodenständig und handfest. In blauen Jeans, dunklem Jackett über schlicht-blauem Hemd. So kommt er daher. Rasch festzustellen: Der Mann hat „Hummeln im Hintern“. Lebt und arbeitet mit dem Fuß auf dem Gaspedal. Redet so schnell wie er denkt und ist kein Mensch der leisen Töne. Sein sonores Cheforgan lässt sich klar und deutlich auch durch die geschlossene Bürotür vernehmen. Herrisch laut wird er dabei aber nicht. Da bricht eher seine unbändige Energie, sein ungezügeltes Engagement durch.

Thomas Stärtzel lenkt hier die Geschicke einer der edlen Traditionsmarken der Automobilwelt, der anderen aus Stuttgart – Porsche. Seit 2009 ist er deren Managing Director Russland und Chef des „Porsche Center Moscow“. Hinzu wurde der 55-Jährige erst kürzlich zum „Chairman of the Board“ der „Association of European Businesses (AEB)“ gewählt. Das Ehrenamt bei dieser Interessenvertretung internationaler, hier im Lande aktiven Unternehmen sieht er als eine Art „Horizonterweiterung“. Er möchte „sehen, was man aus und in Russland noch alles machen kann, besser verstehen lernen, Gemeinsamkeiten finden, ohne politische Vorprägung“.

Atmosphäre und Stil der hiesigen Porsche-Zentrale sind eher zurückhaltend und funktionell. Alles mehr oder weniger in Schwarz, Grau und Weiß. „Bissle“ schwäbisch eben. Möglichst wenig soll wohl von den eindrucksvollen Blickfängern im Ausstellungsraum gleich unter den Büros ablenken. Da stehen Millionenwerte auf vier Rädern. Und die dann nochmal als kleine Modelle in seinem überschaubaren Kontor. Gleich ein paar Dutzend davon. Einen „auf Chef“ im Verein mit seinen insgesamt 158 Mitarbeitern macht Stärtzel hier nicht. Getreu seiner liebsten Merksätze „sich nicht so wichtig nehmen“ und „mit gutem Beispiel vorangehen“. Das gelingt ihm offensichtlich gut. Denn er lobt seine junge russische Mannschaft als fleißig, verlässlich und organisationsfähig. Da hat er aber Glück gehabt. So etwas ist ja von anderen Expat-Managern hier eher selten zu hören.

Er mag Russland und Russen einfach. So wohnt er in Moskau auch nicht in einer der begünstigten Ausländer-Enklaven, sondern wie es zentraler kaum geht. Gleich am Puschkin-Platz in einem imposanten Sowjetelite-Wohnhaus. Da, wo die „Prawda“ noch ausliegt, schmunzelt er. Sein derzeitiges Lieblingsgefährt ist ein brandneues 911er Cabrio. In Knallgelb. Nur gut so, damit seine „Gegner“ im hektischen Moskauer Wuselverkehr dem Geschoss auch rechtzeitig Platz machen können. Denn selbst am Steuer zeigt er auch mal gern seine Dynamik.

Thomas Stärtzel ist ein Wendegewinner. Einer, der mit hohem persönlichem Einsatz seinen Kurs immer selbst gesteuert hat. Aufgewachsen ist er in Leipzig und betrachtet die Stadt heute noch als Heimat. Sein Vater war dort Prorektor der Bauhochschule und die Mutter Deutschlehrerin. Seine vielleicht entscheidende Jugendzeit war 1969/70. In seinem 13. Lebensjahr. Die Familie ging in staatlicher Mission nach Ägypten, wo sein Vater ein Ausbildungssystem für Sicherheitsingenieure entwickelte. Die fremdländische Umgebung hat ihn nicht losgelassen. Die andere Sicht über die Mauer hat ihn fasziniert.

Und dann fiel die Mauer. Auch bei ihm. Zuerst zog es ihn nach Frankfurt am Main – mit nichts im Gepäck als der akademischen Reife und der vagen Idee, sich in der Autoindustrie irgendeine zukunftsträchtige Jobperspektive zu eröffnen. Doch es kamen Absagen, „schneller als ich Bewerbungen schreiben konnte“, erinnert er sich. Aber nur Mut. Geklappt hat es beim Uhrenhersteller Junghans, bei dem er schnell im Export landete. Und, wie er es ja seit Kairo wollte, schließlich auf vielen Flughäfen rund um den Globus. 1995 stach ihm dann eine Stellenanzeige von Porsche ins Auge, das sich gerade zur Internationalisierung auch außerhalb Europas entschlossen hatte. Sein „Jagdrevier“ für Porsche wurde wieder der Mittlere Osten, dann Australien und Lateinamerika. Zur Jahrtausendwende wurde er nach Miami entsandt. Daraus wurden neun Jahre.

Die Mutter seiner drei Kinder, Hanka aus Parchim in Mecklenburg und einst Deutsch- und Musiklehrerin, gehört heute sozusagen zum Jet Set. Sie düst zwischen Moskau, Miami und dem ostdeutschen Bad Düben hin und her. Und überall ist zu Hause. Denn dort, in der Heide vor den Toren Leipzigs, sind Renovierungsarbeiten an ihrem Haus für später im Gange – die Wurzeln in den Osten gehen tief. Und auch im Süden der USA wird gerade ein weiteres Familiendomizil gründlich auf Vordermann gebracht. Dort haben die Stärtzels immerhin lange und glücklich gelebt.

 

Die Stärtzels mit ihren drei Kindern / Privat

Die Stärtzels mit ihren drei Kindern / Privat

Gerade hat das Ehepaar den Perlenhochzeitstag, den Dreißigsten, gefeiert. Über die Jahre habe es trotz aller Umtriebigkeit keinen Tag gegeben, an dem sie sich nicht „viel und gerne“ ausgetauscht hätten. Genau wie mit seinen längst erwachsenen Kindern. Tochter Lene, 29, Marketingmanagerin an der US-Westküste – natürlich bei Porsche, und die Zwillinge Hanne und Stefan, 23. Nach Beispiel ihrer Eltern weltweit verstreut. Kalifornien, Florida, England. Wie Ehemann und Vater Stärtzel mit einem guten Schuss Gefühl in der Stimme, aber dennoch schlicht und überzeugend sagt: „Ich bin stolz auf meine Familie und mein ereignisreiches Berufsleben, das mich rund um die Welt gebracht hat.“ Das Mantra des Clans: „Glücklich sein, mit Vision und Energie sportlich um Erfolg kämpfen, das Gute und Gemeinsame im Anderen sehen, nie aufgeben.“

In Moskau 2009 gerade angekommen, mitten in der letzten Krise, zeigte die Porsche-Jahresbilanz den Verkauf von 1300 Einheiten. 2015 waren es dann schon 5300. Dabei war der russische Automarkt um satte 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahr abgesackt. Und obgleich die politischen und wirtschaftlichen Vorzeichen alles andere als rosig für die nähere Zukunft aussehen, hat Stärtzel vor, seinen Porsche-Absatz weiter auszubauen. Ähnliches hat er ja auch schon mal geschafft. In Südamerika. Da stiegen die Verkäufe unter seiner Führung fast um das Zehnfache.

Porsche ist kein Massenprodukt, doch Leute mit dem nötigen „Kleingeld“ gibt es überall, Krisen hin oder her. Die Käufer sind leidenschaftliche Autofahrer, fühlen sich als eine verschworene Gemeinschaft, deren Zusammenhalt Stärtzel und seine Mannschaft sorgfältigst pflegen. Mit Familientagen auf dem „Moscow Raceway“ zum Beispiel. Da wird auch Porsche-Fahrrad gefahren und Käufernachwuchs mit dem Reiz von Mini-Porsches herangezogen. Sein Unternehmen, so sinniert Stärtzel, ist eben groß genug, um professionell zu sein und klein genug, um dabei persönlich zu bleiben.

Seine Zeit ist selbstredend immer knapp. Aber neben Porsche und den täglichen, engen Familienkontakten müssen seine sportlichen Leidenschaften – angefangen mit Autofahren – ganz einfach sein. Auf und im Wasser, besonders aber Fußball, ob eigenfüßig oder als Zuschauer. Seit frühester Jugend ist er eingefleischter Fan von Erfolgsvereinen aus seinen zwei deutschen Welten: Lokomotive Leipzig und Bayern München.

Zum guten Schluss eine Vertrauensfrage: „Würden Sie von diesem Mann ein Auto kaufen?“ Aber ja doch, unbedingt. Wenn das Geld denn reicht. Porsche gibt es „wohlfeil“ zum Preis einer Moskauer Eigentumswohnung – von Randlage bis Zentrum.

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