Do swidanija, Europa!

Zwischen Ost und West: Seit mehr als 200 Jahren streiten russische Denker über die kulturelle Zugehörigkeit ihres Landes. Nun bringt eine aktuelle Studie neuen Wind in die Dauerdebatte

Umstritten: Zar Peter der Große orientierte sich an Europa – und rief damit Widerspruch hervor. /Foto: wikipedia.org

Maler wie Kandinsky und Chagall revolutionierten mit ihren Werken die westliche Moderne, Leseratten zwischen Warschau und Lissabon verschlingen bis heute die Bücher von Puschkin und Dostojewski und Zar Peter der Große orientierte sich mit seinen Reformen ausdrücklich an Europa.

Russen entfernen sich vom Westen

Doch trotzdem: Die Mehrheit der Russen hält ihren Staat nicht für ein europäisches Land. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Lewada-Zentrum. Nur noch 37 Prozent der Befragten sehen Russland demnach als einen Teil Europas. Vor elf Jahren lag dieser Wert noch bei 52 Prozent. Auch auf der persönlichen Ebene entfernen sich die Russen immer mehr vom Westen. Auf die Frage „Sehen Sie sich als Europäer?“ antworteten 35 Prozent der Teilnehmer der Umfrage mit einem entschiedenen „Nein“. Im Jahr 2008 taten dies nur 21 Prozent der Befragten. Die Untersuchung zeige ein langfristiges und anhaltendes Abrücken von Europa, kommentierte die Tageszeitung „Kommersant“.

Karina Pipija wundert diese Entwicklung nicht. Die meisten Einwohner hielten Russland für einen Staat mit einem eigenem und besonderen Entwicklungsweg, erklärte die Soziologin vom Lewada-Zentrum gegenüber dem Blatt. Die andauernde Konfrontation mit dem Westen nach der Krim-Krise 2014 habe diese Haltung noch weiter verstärkt. Allerdings behalte Europa für die jüngere Generation weiterhin seine Anziehungskraft.

Eine uralte Diskussion und ein neuer Streit

Der Streit um die kulturelle Zugehörigkeit Russlands ist indes nicht neu – sondern nur die aktuellste Neuauflage eines Disputes, der das Land seit bald 200 Jahren zerreißt. Begonnen hatte alles in den 1820er Jahren. Nach Napoleons Moskaufeldzug 1812, dem folgenden Aufkeimen einer eigenständigen Nationalkultur und selbständigen Philosophie diskutierten russische Denker immer hitziger über ihr Verhältnis zu Europa. Russland müsse sich ein Vorbild an Europa nehmen, die Autokratie abschaffen, den Staat industrialisieren und den Bürgern endlich mehr Rechte und Freiheiten zugestehen, forderten Intellektuelle wie Tschaadajew, Belinski und Herzen. Nur so lasse sich die Rückständigkeit des Landes überwinden.

Doch den sogenannten Sapadniki – russisch für Westler – schallte lauter Widerspruch entgegen. Westlicher Rationalismus, Kapitalismus und Individualismus seien dem russischen Wesen grundsätzlich fremd, argumentierten konservative Denker wie Dostojewski, Gogol oder Tjuttschew. Das Land solle sich stattdessen auf seine kulturellen Wurzeln und Werte besinnen und einen eigenen Entwicklungsweg verfolgen, forderten diese sogenannten Slawophilen. Russland könne dann auch zum Vorbild für das fehlgeleitete Europa werden.
Die Studie des Lewada-Zentrums stärkt nun vorerst die Position der Slawophilen – bis zur nächsten Wende im Dauerstreit.

Birger Schütz

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