Der Zar und das Fenster

Peter der Große verschaffte Russland Anerkennung nach außen und modernisierte es nach innen, beides mit harter Hand. Für Europa hatte der Hüne auf dem Zarenthron viel übrig, er öffnete, so sagt man, das „Fenster nach Westen“. Nun feiert Russland den Monarchen, obwohl es mit Europa fremdelt.

Denkmal für Peter den Großen als Begründer der russischen Flotte in Kaliningrad (Foto: Tino Künzel)

Die Älteren werden sich noch erinnern: Michail Gorbatschow sprach oft vom „gemeinsamen Haus Europa“, in dem Platz für alle sein sollte und alle gleichberechtigt sind. Ob Russland dort jemals eingezogen oder vielleicht inzwischen wieder ausgezogen ist, scheint heute unklarer denn je. Die Russen gehören irgendwie dazu und irgendwie auch nicht, und das nicht etwa nur aus Sicht der anderen. Manchmal hat man fast den Eindruck, dass das Postulat „Russland ist Europa“ in, sagen wir, Berlin mehr Anhänger hat als in Moskau. Einer Umfrage des Lewada-Zentrums* vom Februar 2021 zufolge betrachten nur noch 29 Prozent der Russen ihr Land als europäisch – Tendenz sinkend. Im September 2008 waren es noch 52 Prozent gewesen. Als Europäer fühlen sich demnach 27 Prozent.

Nun mag man an der Stelle einwenden, dass ja auch tatsächlich weniger als ein Viertel Russlands in Europa liegt. Allerdings leben drei Viertel der russischen Bevölkerung im europäischen Teil des Landes. Und auch die Moskauer meinen, wenn sie „Europa“ sagen, nicht Russland, und mit „Europäer“ nicht sich selbst.

Die Kluft wird größer

Während das aber schon immer so war, ist die Distanz in den letzten Jahren und erst recht den letzten Monaten spürbar gewachsen. Dass sie heute womöglich größer ist als zu Gorbatschow Zeiten, den Zeiten des Eisernen Vorhangs, hat am allerwenigsten mit Geografie zu tun. Laut einer Lewada*-Umfrage waren im Mai nur noch 16 Prozent der Russen positiv gegenüber der EU eingestellt. Nach ihrem Verhältnis zu Deutschland hat das Meinungsforschungsinstitut zuletzt Mitte Februar und damit noch vor Beginn der „Sonderoperation“ gefragt. Eine Mehrheit von 53 Prozent bezeichnete es damals als gut. Doch der Anteil sinkt schon seit langem mehr oder weniger kontinuierlich. Noch 2011 stand Deutschland bei den Russen mit 84 Prozent positiver Meinungen deutlich höher im Kurs.

Dabei misst und reibt man sich in Russland traditionell am Westen. Das gilt selbst für jene, die lieber heute als morgen jegliche Gemeinsamkeiten abstreiten möchten, so wie Alexander Saldastanow, der Chef des Moskauer Bikerclubs „Nachtwölfe“. Er hat neulich in einem Interview gesagt: „Russland verbindet praktisch nichts mehr mit der westlichen Zivilisation – alle Brücken sind niedergebrannt.“ Allein ist der Mann, ein bekennender Unterstützer von Präsident Wladimir Putin, mit solch apologetischer Rhetorik gewiss nicht.

Festveranstaltungen und ein Metrozug

Was wohl Peter der Große dazu sagen würde? Der europabegeisterte russische Zar wurde am 9. Juni vor 350 Jahren geboren. In Russland feiert man ihn dieser Tage mit zahlreichen Veranstaltungen – und damit auch sich selbst. Denn es war Peter, der im 21 Jahre dauernden Großen Nordischen Krieg Anfang des 18. Jahrhunderts die Vorherrschaft der Schweden im Ostseeraum brach und Russland damit als europäische Großmacht etablierte.

Und so läuft derzeit im Moskauer WDNCh eine Ausstellung unter dem Titel „Peter der Große. Die Geburt des Imperiums“. Das Staatliche Historische Museum am Roten Platz widmet seine Ausstellung zum Thema den Reisen des Zaren nach Europa. Und die Tretjakow-Galerie nennt ihre aktuelle Ausstellung „Peter der Große. Beim Schnurbart des Herrschers“. Die Moskauer Metro hat sich aus gegebenem Anlass einen thematisch gestalteten Zug einfallen lassen. Und sowohl in Moskau als auch in anderen russischen Städten, vor allem in St. Petersburg, nehmen noch zahlreiche weitere Veranstaltungen auf das Jubiläum Bezug.

Reformer ohne Rücksicht auf Verluste

Peter der Große hat der Nachwelt dafür jede Menge Ansatzpunkte hinterlassen. Er war nicht nur ein mal mehr, mal weniger erfolgreicher Feldherr, sondern auch ein eifriger Reformer und offen für ausländische Einflüsse. Besonders galt das für Wissenschaft und Technik. Schon in seiner Jugend bewies Peter seine Neugier bei häufigen Besuchen in Moskaus Ausländervorstadt, der Nemezkaja Sloboda. Später ließ er sich bei mehreren Reisen durch Europa inspirieren, die ihn unter anderem nach Holland, England, Frankreich und Deutschland führten. Allein die erste von 1697 bis 1698 dauerte 18 Monate.

Zurück in Moskau, stutzte der Aufklärer einigen Würdenträgern eigenhändig die Bärte und erließ Vorschriften, wie man sich fortan zu kleiden habe. Das mag für viele ein Schock gewesen sein, hatte aber noch geradezu anekdotisches Format. Rastlos, rücksichtslos und absolut in seinem Machtanspruch, ging der Herrscher bei der Umsetzung seiner Modernisierungspolitik buchstäblich über Leichen. Seine neue Hauptstadt St. Petersburg wurde unter unermesslichen Opfern errichtet, jeglicher Widerstand brutal niedergeschlagen. Dass der zeit seines Lebens trotzdem immer wieder aufflammte, war beileibe nicht nur reaktionären Bestrebungen des „alten Russlands“ geschuldet. Der Zar bürdete seinen Untertanen Lasten auf, unter denen nicht zuletzt die Landbevölkerung litt, weshalb es immer wieder zu Aufständen kam. Sogar seinen eigenen Sohn Alexej ließ der Monarch aus dem Ausland zurückbringen, ins Gefängnis werfen und wegen Landesverrat zum Tode verurteilen. Bevor das Urteil vollstreckt werden konnte, erlag Alexej schweren Verletzungen, die aus Folter resultierten.

Peskow: Fenster bleibt auf

Dem Reformer Gorbatschow hat man in Russland keine Denkmäler gesetzt, mit dem Reformer Peter verhielt sich das ganz anders. Der „Eherne Reiter“, errichtet 1782 in der Amtszeit von Katharina der Großen, ist eine der klassischen Sehenswürdigkeiten von St. Petersburg. In Moskau wurde dem Zaren 1997 ein gigantomanisches Denkmal gesetzt, mit dem freilich viele Moskauer hadern. Am Vermächtnis Peters des Großen scheiden sich weiter die Geister, einer populären Meinung zufolge hat er Russland von seinem „natürlichen“ Weg abgebracht. Dennoch werden seine Leistungen mehrheitlich anerkannt.

Das berühmteste Peter-Denkmal in Russland, „Der eherne Reiter“ in St. Petersburg (Foto: Tino Künzel)

Erfährt seine Figur nun eine Neubewertung, wo er sich doch Europa in vielerlei Hinsicht zum Vorbild nahm? Böse Zungen haben den Spruch in Umlauf gebracht, Peter habe das Fenster nach Westen geöffnet und Putin schließe es jetzt. Nein, nein, widersprach Kremlsprecher Dmitrij Peskow vehement, als er jüngst von Journalisten damit konfrontiert wurde. „Wir haben nicht vor, etwas zu schließen“, so Peskow.

„Zurückholen und befestigen“

Was die Rolle von Peter dem Großen in der russischen Geschichte angehe, so habe Putin eine „sehr hohe Wertschätzung“ dafür, sagte Peskow. Peter habe sich um das Land verdient gemacht, „so wie auch andere, die an der Spitze des russischen Staates standen“. Putin selbst äußerte sich bei einem Treffen, bei dem ihm, wie es hieß, junge Unternehmer gegenübersaßen. „Wir haben gerade eine Ausstellung zum 350. Geburtstag von Peter dem Großen besichtigt. Da wird einem klar, dass sich kaum etwas verändert hat, so erstaunlich das auch ist“, sagte ein gutgelaunter Präsident. Peter habe Russland keine neuen Territorien hinzugefügt, sondern nur „zurückgeholt und befestigt“, was seit Jahrhunderten slawisch besiedelt und russisch kontrolliert gewesen sei. „Sieht so aus, als ob auch uns die Aufgabe zufällt, zurückzuholen und zu befestigen“, so Putin lächelnd.

Wie Peter der Große in Meinungsumfragen bei seinen Zeitgenossen weggekommen wäre, lässt sich höchstens vermuten. Zu Putin gibt es dagegen detaillierte Erkenntnisse. In einer aktuellen Umfrage des Lewada-Zentrums* sprachen sich 72 Prozent dafür aus, dass er auch nach Ablauf seiner jetzigen Amtszeit weiter regiert. Das ist der höchste Wert in den zehn Jahren, in denen diese Frage gestellt wird. Noch im Herbst 2021 wünschten sich nur 47 Prozent eine Wiederwahl im Jahr 2024. Am höchsten ist die Zustimmung für den Präsidenten bei den Fernsehzuschauern (81%), an niedrigsten bei denen, die ihre Informationen aus Online-Medien (64%) und Telegram-Kanälen (61%) beziehen. Zu den positiven Eigenschaften, die Putin zugeschrieben werden, zählen laut Umfrage: „ehrlich, gerecht, hält sein Wort“ (33%), „klug, erfahren, kompetent, bewandert in Geschichte“ (32%) und – „starke Persönlichkeit, Zar, Imperator“ (28%).

Tino Künzel

* Das Lewada-Zentrum wird vom russischen Justizministerium als „ausländischer Agent“ eingestuft.

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