Der Moskwitsch: ein Sowjet-Volkswagen mit Opel-Wurzeln

Man muss schon etwas länger auf der Welt sein, um ihn noch regelmäßig auf der Straße gesehen zu haben. Der Moskwitsch ist Geschichte – aber sie ist es wert, erzählt zu werden. Das tut gerade das Moskauer Verkehrsmuseum im Pavillon 26 des WDNCh mit einer sehenswerten Ausstellung. Es ist nur eines von einem halben Dutzend Automuseen in Moskau.

Moskwitsch 412 in Rallye-Ausführung (Foto: Tino Künzel)

Autos werden in Moskau noch immer gebaut. Nur sind es keine russischen. Im vergangenen Jahr hat das Renault-Werk südöstlich des Stadtzentrums sein 15-jähriges Bestehen gefeiert. Es befindet sich auf dem Gelände des früheren Automobilgiganten ASLK, der den Moskwitsch herstellte. Doch das Werk bekam schon in der späten Sowjetunion nicht mehr die Kurve, nach deren Zusammenbruch war auch ein Rechtsnachfolger überfordert und ging schließlich 2006 pleite. 2010 wurde die Firma aufgelöst.

So ruhmlos endete eines der ruhmreichsten Kapitel der sowjetischen Automobilgeschichte. Der Moskwitsch (auf Deutsch Moskauer) war nicht einfach nur ein Auto, er war geplante Volksbe­glückung. Wann die kommunistische Zukunft anbrechen würde, wusste keiner. Bis dahin war es durchaus nicht verpönt, sich ein schönes Leben machen zu wollen. Dazu gehörte neben der Datscha und dem Kühlschrank ein eigenes Auto, mit dem der gemeine Sowjetbürger ans Schwarze Meer fahren würde.

Der Opel Kadett stand Pate

Stalin höchstpersönlich kümmerte sich darum, dass in den 1930er Jahren die automobile Konsumgüterproduktion angeschmissen wurde. Und als der erste Kleinwagen, KIM 10-50, auf Basis des Ford Prefect fertig war, da verwarf er das Projekt. Im Zuge der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit in den Vorkriegsjahren waren nämlich auch einige Exemplare des Opel Kadett nach Moskau gelangt, für den aus Sicht des Auto-Kraten allein schon sprach, dass er vier Türen hatte und nicht zwei.

Der Moskwitsch 407 hatte bereits eigenständige Züge und konnte sich durchaus sehen lassen. (Foto: Tino Künzel)

Das Schicksal wollte es also so, dass der russische Volkswagen mit Opel-Stammbaum zur Welt kam. Bereits nach dem Krieg wurde der Moskwitsch 400 zum ersten Pkw, der in der Sowjetunion zu Privat­zwecken erworben werden konnte. Der Preis von 9000 Rubel überstieg allerdings den Jahreslohn eines Arbeiters. Dabei litt der Kadett-Nachbau noch an zahlreichen Kinderkrankheiten. Er hatte nicht einmal eine Heizung. Und Zugriff zum Kofferraum bestand nur aus dem Wageninneren.

Der Mann hinter dem Moskwitsch

Doch schon die Nachfolgemodelle 402 und 407 emanzipierten sich sowohl von den ersten Gehversuchen als auch vom Opel-Erbe. Für Chefkonstrukteur Alexander Andro­now, der von Anfang der 1950er Jahre bis zur Rente 1972 der Entwicklung der Moskwitschs seinen Stempel aufdrückte und als Vater ihres Erfolges gilt, war der Moskwitsch 402 die erste eigene Arbeit.

Auch einen Geländewagen gab es im Programm. (Foto: Tino Künzel)

Der millionste Moskwitsch war 1967 dann schon die dritte Generation des Autos und trug die Seriennummer 408. Sein Blechkleid hatte nun eine Form, die sich, von leichten Retuschen abgesehen, bis zum Ende der Sowjetunion nicht mehr ändern sollte. So kannte man den Moskwitsch auch in der DDR und in vielen anderen Ländern, in die er exportiert wurde. Die Autozeitschrift „Sa ruljom“ schrieb 1971: „Das sowjetische Auto – zuverlässig, sparsam, bequem – findet man in den entlegensten Ecken der Welt. Nicht umsonst kann man auf Schildern entlang der Straßen irgendwo in Mali oder Norwegen, in Kuba oder Indonesien lesen: Ein sowjetisches Auto lässt dich nicht im Stich.‘“

Erfolge auf der Rennstrecke

Sogar bei internationalen Rennveranstaltungen erwies sich die Marke als unverwüstlich. 1968 kamen bei der „Rallye des Jahrhunderts“ über 16.000 Kilometer von London nach Sydney alle vier gestarteten Moskwitsch 412 ins Ziel. Zwei Jahre später belegte das ASLK-Team bei der Rallye London-Mexiko über 26.000 Kilometer den dritten Platz in der Mannschaftswertung. Bei der Rallye Western Safari-Argungu trumpften die Moskwitschs 1973 mit Platz 2, 3 und 5 und Platz eins in der Mannschaftswertung auf. Und schließlich gewann Moskwitsch-Pilot Stasys Brundza 1974 die Rallye Tour d‘Europe.

Doch danach sank der Stern des Moskwitsch unaufhörlich. Das Auto alterte zusammen mit Leonid Breschnew, wobei 1986 immerhin noch der viermillionste Moskwitsch verkauft wurde. Ohne seinen legendären Chefkonstrukteur Andronow konnte das Ruder jedoch nicht mehr herumgerissen werden. Mit dem bekannten Finale.

Der Ausstellungsort im WDNCh (Foto: Tino Künzel)

WDNCh, Pavillon 26 (neben dem Kosmos-Pavillon am Ende der Hauptallee)

Ausstellung „Metschta Moskwitscha“ (Der Traum des Moskauers)

Geöffnet täglich außer montags 11-21 Uhr

Eintritt 400 Rubel

Metro: WDNCh

https://vdnh.ru/places/pavilon-26-transport-ssr-byvshiy-zemledelie/

Tino Künzel

Für kleine und große Fans: Weitere Moskauer Museen rund ums Auto

M.O.S.T.

Das Museum M.O.S.T. für Kultwagen, so der volle Name, befindet sich an prominenter Stelle – unter der Krim-Brücke, wo der Gorki-Park in den Park Museon übergeht. Es empfängt schon vor dem Eingang mit Reifengeruch und thematischer Rockmusik. Auch das Personal sieht stilecht aus – tätowiert, gepierct, in Lederjacken. Im Museum sind Oldtimer, Sport- und Kultwagen ausgestellt, zurzeit etwa 20 Exemplare von Rolls-Royce, Chevrolet, Chrysler und anderen Marken. Zu besichtigen sind auch Modelle, denen in- und ausländische Custom-Meister einen besonderen Schliff verpasst haben. Die Kollektion wird ständig aktualisiert. Einige Ausstellungsstücke stehen frei zum Verkauf. Museums­besucher dürfen sich hier und da auch ans Steuer setzen, um die Eleganz der Autos auf sich wirken zu lassen. Fotografiert werden darf überall, es gibt aber auch einen speziellen Fotobereich in einem eigens dafür präparierten Raum. Außerdem wartet das Museum mit einem Tattoo-Studio und einer Bar unter dem Namen „Sa­prawka“ (Tankstelle) auf.

Museum M.O.S.T. (Foto: Warwara Rjabowa)

Geöffnet täglich 12-22 Uhr

Eintritt 500 Rubel

Adresse: Krimskij Wal 10/2

Metro Oktjabrskaja, Park Kultury

mostmuseum.ru

ZIL-Museum

Die Abkürzung ZIL steht für Zawod imeni Lichatschjowa. Im Lichatschjow-Autowerk auf einem riesigen Gelände südlich des Stadtzentrums wurden zwischen 1916 und 2016 Lastkraftwagen, Busse und repräsentative Pkw hergestellt. Wer das Museum besuchen möchte, muss sich jedoch in den Park Sokolniki begeben. Die Ausstellung kam in Zusammenarbeit mit der Moskauer Polytechnischen Universität zustande. Sie hat Einzelstücke zu bieten, mit denen die Staatsführung zu Terminen fuhr. Der besondere Stolz des Museums ist jedoch der Bus ZIL 118 Junost. In den 1960er Jahren entwickelt, war er seiner Zeit technisch wie optisch voraus. Bei der Internationalen Autobuswoche 1967 in Nizza, an der die Sowjetunion erstmals teilnahm, sorgte er auch international für Furore und gewann zwölf Preise. In Serie ging der Bus letztlich trotzdem nicht, obwohl sich sogar Henry Ford II um eine Produktionslizenz bemühte.

Viel gelobt, aber nicht gebaut: der Bus 118 Junost im ZIL-Museum (Foto: Warwara Rjabowa)

Geöffnet täglich außer montags 10-19 Uhr

Eintritt kostenlos (am Wochenende Gruppenführungen)

Adresse: Sokolnitscheskij Wal 1a (links vom Haupteingang des Parks)

Metro Sokolniki

zil-museum.ru

Motoren des Oktobers

Mit mehr als 200 Autos und etwa 3000 anderen Exponaten ist dieses Automuseum das größte in Moskau. Sein Standort ist die 1901 gebaute Fabrik Kristall im Osten von Moskau, einer der größten Spirituosenhersteller Russlands. Das Museum hat sich auf Retro-Automobile und -Motorräder spezialisiert, die ältesten Fahrzeuge stammen vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Sammlung illustriert die Entwicklung der Automobilindustrie in verschiedenen Ländern. Zu bestaunen sind etwa die englischen Packards der 1950er Jahre, aber auch neuere Modelle wie der Marussia-Sportwagen aus russischer Produktion. Einige Exponate sind interaktiv ausgelegt. Man kann zum Beispiel Reifen aufpumpen oder die wichtigsten Verkehrsregeln mit Hilfe von Simulatoren erlernen.

Doch man kann die Ausstellungsstücke noch ganz anders erleben, zum Beispiel bei einer kleinen Rundfahrt über das Fabrikgelände. Dafür stehen klassische sowjetische Autofabrikate wie Pobeda, Wolga oder der Geländewagen GAZ-67 zur Verfügung. Das Vergnügen kostet 250  Rubel (etwa 2,80 Euro) für sieben bis zehn Minuten Fahrt, den persönlichen Chauffeur inbegriffen. Viele Autobesitzer ließen im Museum ihre guten Stücke ausstellen, um sie später zu verkaufen oder zu vermieten, sagt ein Mitarbeiter. Das Mieten für einen Tag oder mehr sei besonders bei Brautpaaren beliebt. Die Konditionen seien Verhandlungssache.

Ford Mustang und Chevrolet Corvette aus den 1960er Jahren im Museum Motoren des Oktobers (Foto: Warwara Rjabowa)

Geöffnet täglich 10-21 Uhr

Eintritt 1000 Rubel

Adresse: Samokatnaja ul. 4/34

Metro Ploschtschad Iljitscha, Rimskaja

automuseum.ru

Autogeschichten

Für viele sowjetische Kinder war ein Tretauto der Inbegriff aller Träume. Das Museum für Automobile Geschichten im Norden von Moskau ist diesen pedalbetriebenen Fahrzeugen gewidmet und das einzige seiner Art in Russland. Die Spielzeugautos kosteten in den 1970er Jahren etwa 30 Rubel und damit ein Viertel eines durchschnittlichen Monatslohns. Wer eines besaß, konnte sich deshalb wirklich glücklich schätzen. Zumal in einer Zeit, als längst nicht jeder Erwachsene ein Auto hatte. Das Tretauto mit den größten Stückzahlen war eine Kopie des Moskwitsch 412.

Die im Museum ausgestellten Raritäten dürfen nicht angefasst werden. Es stehen jedoch einfachere Modelle bereit, in denen die Kinder nach Herzenslust durch die Gegend sausen können, während ihre Eltern sich auf den zahlreichen Schautafeln in die Geschichte der nationalen wie internationalen Automobilindustrie sowie in das Alltagsleben des Sowjetbürgers einlesen. Außerdem kann man in den Beiwagen eines Ural-Motorrads oder einen alten Saporoschez klettern, sowjetische Trick- und andere Filme mit Autos anschauen, Tischfußball spielen, schaukeln und mit der ganzen Familie zu Mittag essen. 

Museum für Automobile Geschichten (Foto: Olga Silantjewa)

Geöffnet täglich 10-21 Uhr, sonntags 9-20 Uhr

Eintritt 390 Rubel

Adresse: Koptjewskaja ul. 71/1

Metro Wojkowskaja

autostory.pro

Technikmuseum

Das Wadim-Sadoroschnyj-Technikmuseum im Moskauer Vorort Archangelskoje beherbergt die größte Privatsammlung an alter Technik in Russland. 2001 gegründet, versammelt es Tausende seltene Exponate aus dem Bereich der Militärtechnik, der Luft- und Raumfahrt, der Eisenbahn und des Straßenverkehrs. Während sich ein Teil der Ausstellung im Freien befindet, sind die Autos im Inneren zu finden. Eine Besichtigung beginnt am besten im Kellergeschoss, dort sind Dienstwagen, Tretautos und alle möglichen Gegenstände aus sowjetischer Zeit untergebracht. Das Erdgeschoss gehört Hunderten Autoschönheiten aus dem vorigen Jahrhundert, vom Alfa Romeo bis zum BMW und Mercedes. Sie in Augenschein zu nehmen, gestaltet sich allerdings nicht so einfach, denn sie stehen dicht an dicht und ohne dass man nahe herantreten könnte. Ein Stockwerk höher sind Rennwagen und Motorräder ausgestellt, unter Letzteren sind viele deutsche Fabrikate aus dem Zweiten Weltkrieg.

In Oldtimern herumzukutschieren und sich in ihnen fotografieren zu lassen, kostet extra. Das gilt auch für die Benutzung eines Schießstands und Essen aus der Feldküche. Für den Museumsbesuch sollten drei bis vier Stunden eingeplant werden, nach denen eine Parkgebühr für das eigene Auto in Höhe von 100 Rubel pro Stunde zu entrichten ist.

GAZ-M20 Pobeda im Wadim-Sadoroschnyj-Technikmuseum (Foto: Wikimedia Commons/Alexander Sadonskij)

Geöffnet an Arbeitstagen 10-20 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen 10-21 Uhr

Eintritt 700 Rubel

Adresse: Moskauer Oblast, Archangelskoje, Iljinskoje Schosse 9

Metro Wolokolamskaja

tmuseum.ru

Warwara Rjabowa, Olga Silantjewa

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