Corona: Freizeit nur mit Code

Überraschend beschloss das Moskauer Rathaus Ende Juni, nur Geimpften, Genesenen und Negativ-Getesteten mit digitalem Nachweis Zugang zu Lokalen und Theatern zu gestatten. Doch funktioniert das System? Und welche Auswirkungen hat es auf die Stadt und ihre Gastwirte?

Ab Mitte Juli ist für den Restaurantbesuch ein QR-Code Pflicht. (Foto: Sergej Wedschjaschkin/ AGN Moskwa)

Lange war Moskau geprägt von Szenen, die man sich als Mitteleuropäer nur schwer ausmalen konnte: Bars und Cafés bewirteten ausgelassene Gäste in vollen Innen- und Außenbereichen, Kulturveranstaltungen fanden mit nur geringen Einschränkungen statt und noch im April waren die Tribünen beim Finale der Eishockey-Liga KHL dichter besetzt als nun bei der Fußball-EM.

Diese Sorglosigkeit ist nun Vergangenheit. Seit Anfang Juni nimmt die Zahl der Corona-Infektionen durch die Delta-Variante des Virus rapide zu. Von 8702 registrierten Fällen in Russland am 2. Juni stieg die Zahl bis zum 7. Juli auf 23 963 an, davon mehr als 5600 allein in Moskau. Die aggressivere Form des Virus trifft auf eine impfskeptische und somit schlecht immunisierte Bevölkerung. Wurde zunächst noch versucht, etwa durch die Verlosung von Kleinwägen, Anreize zur Erstimpfung zu schaffen, folgte Ende Juni der Übergang zur Restriktion als Kernstrategie.

Zum 28. Juni verordnete die Stadt ein neues QR-Code-Regime: Nur mit Code als Nachweis über Impfung, überstandene Erkrankung oder negativen PCR-Test ist der Einlass in Lokale oder zu Veranstaltungen möglich. Bis zum 12. Juli ist der Zugang zur Außengastronomie noch ohne Nachweis erlaubt, danach entfällt diese Möglichkeit. Hinzu kommen fast täglich neue Erlasse zur verpflichtenden Impfung im öffentlichen Sektor oder an Universitäten. Immerhin scheint die Zahl der Erstimpfungen in der Folge tatsächlich zu steigen. Vergangenes Wochenende habe die Zahl der Geimpften 2,7 Millionen überschritten, jeden Tag kämen etwa 60 000 bis 70 000 dazu, so Bürgermeister Sergej Sobjanin.

Neues System bringt Probleme

Mit dem System gibt es allerdings massive Probleme. Die Einführung erfolgte hastig, technische und administrative Hürden blieben ungelöst. Der Code ist vor allem für Ausländer bislang kaum erhältlich. Registrierung und Abruf über die App „Gosuslugi Stop Covid-19“ sind generell nur mit russischen Ausweisdokumenten möglich. Und auch über die zugänglichen Portale mos.ru und Gosuslugi stellt sich bei Vielen kein Erfolg ein: In der Datenbank ist der Name schlicht nicht auffindbar, die Hotline verweist einen an die Klinik, die wieder an die Hotline. Doch auch Russen berichten oft von Problemen. Der peinlichste Fall betrifft den Geheimdienst FSB: Dessen Mitarbeiter besuchen meist interne Kliniken, die ebenfalls keine Daten ins allgemeine Register übermitteln. Nicht mal die stillen Mächtigen an der Lubjanka konnten zum Feierabendbier drinnen sitzen.

All das hat enorme Auswirkungen auf das Leben in Moskau. Hält man sich im Zentrum auf, springt sofort ins Auge, wie sehr Gastronomen mit der Situation zu kämpfen haben. Restaurants rund um Tschistyje Prudy, die normalerweise zu jeder Tageszeit voll besetzt sind, bewirten oft nur einige Gäste im Außenbereich, drinnen herrscht gähnende Leere. Kleinere Läden haben ihre Innenbereiche oft komplett abgeschlossen und verkaufen lediglich durch die Tür Coffee to go. Über das Ausmaß des Schadens entbrennt ein unschöner Streit: Gastronomen melden 50 bis 95 Prozent Umsatzeinbußen, die Stadt wiederum wirft ihnen Manipulation der öffentlichen Meinung vor und spricht von höchstens 20 Prozent.

Stadt und Wirte widersprechen sich bei Einbußen

Das Ausmaß des Einbruchs hängt offenbar ganz von der Logistik des jeweiligen Lokals ab. Die Kellnerin eines beliebten Cafés in der Sadownitscheskaja Uliza bestätigt zumindest für diesen Fall die Sicht der Stadt. Das Geschäft laufe relativ normal, die Leute holen sich hier ohnehin meistens Kaffee für außer Haus. Vor Lokalen mit großen Sommerterrassen bilden sich zum Teil sogar Schlangen.

Fragt man anderswo nach, trifft man auf Ungläubigkeit. In einem Lokal ohne Außenbereich nahe der Station Pawelezkaja befand sich zur eigentlichen Stoßzeit an einem Samstag um 14 Uhr nicht ein einziger Gast. Aus einer Unterhaltung mit der dortigen Kellnerin ergibt sich ein hoffnungsloses Bild: Das Geschäft breche komplett ein, es fühle sich an, als werde man unverschuldet bestraft. Ob die Stimmung gänzlich kippt, wird auch davon abhängen, ob bestehende Probleme bis zur Schließung der Außengastronomie gelöst sein werden. Die Nachrichtensender „Doschd“ und RBK berichten außerdem von Überlegungen, die Regelung in den nächsten Monaten beispielsweise auf den ÖPNV auszuweiten. Bleibt zu hoffen, dass zumindest die Umsetzung bis dahin geklärt ist.

Thomas Fritz Maier

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