
Kratowo ist nicht Peredelkino, wo man frei durch die Siedlung spazieren und sich die Häuser historischer Persönlichkeiten ansehen kann. Hier wohnen die Menschen weiterhin in Häusern aus den 1930er-Jahren und man kann sie nicht einfach so besuchen – es ist schließlich Privatbesitz. Ich hatte Glück, ich habe Lena Kusnezowa kennengelernt und damit auch die Datscha, die seit Jahrzehnten ihrer Familie gehört.
Die Siedlung Kratowo ist einer der ältesten und bekanntesten Datschenorte im Moskauer Umland. Sie liegt im Stadtkreis Ramenskoje der Region Moskau, etwa 40 Kilometer südöstlich von Moskau. Die Siedlung befindet sich inmitten von Kiefernwäldern am Ufer des Kratowo-Sees, der durch einen Staudamm am Fluss Chripan entstanden ist.
Häuser für Prominente
Die Geschichte von Kratowo beginnt Ende des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1898 kaufte die Verwaltung der Moskau-Kasaner Eisenbahn von den Bauern des Dorfes Prosorowo ein Grundstück, um eine Datschenmustersiedlung für ihre Angestellten zu errichten. Mit der Planung wurde der Architekt und Stadtplaner Wladimir Semjonow beauftragt, der den Entwurf im Geiste der damals populären Gartenstadt-Idee ausarbeitete. Die Siedlung war als weitläufige, im Grünen liegende Anlage mit geschwungenen Straßen gedacht, die die natürliche Landschaft, den Kiefernreichtum und die Nähe zum Wasser berücksichtigte. Die Eisenbahn baute hier den Bahnhof Prosorowskaja (später in Kratowo umbenannt), was eine bequeme Verbindung mit Moskau sicherstellte. Schon in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zog Kratowo nicht nur Eisenbahner, sondern auch die Moskauer Intelligenz an – Ärzte, Ingenieure und Schauspieler.
Offiziell erhielt Kratowo im Jahr 1939 den Status einer Datschensiedlung. Ihre Blütezeit erlebte die Siedlung in den 1930er- bis 1950er-Jahren. Sie entwickelte sich zu einer der prestigeträchtigen Datschenenklaven im Moskauer Umland, in der sich die kreative und wissenschaftliche Elite niederließ. Hier befanden sich die Datschen herausragender Persönlichkeiten der sowjetischen Kultur: des Regisseurs Sergej Eisenstein, des Schriftstellers und Dichters Sergej Michalkow (Autor der Hymne der UdSSR und des heutigen Russlands) und des Komponisten Isaak Dunajewski. In Kratowo lebte und arbeitete lange Zeit auch der Schriftsteller Konstantin Paustowski.
Vier Generationen der Familie
Die Familie von Lena Kusnezowa lebt in der vierten Generation in Kratowo. Das Grundstück erhielt ihr Urgroßvater Wladimir Aboltin. Er war sowjetischer Diplomat und Orientalist. Das zweistöckige Holzhaus aus Balken nach einem für die Siedlung typischen Entwurf wurde 1937 gebaut. Hier lebte der Urgroßvater in der warmen Jahreszeit mit seiner Frau und zwei Kindern. „Das ist eine Sommer-Datscha. Es gibt hier keine Zentralheizung, aber einen Ofen, der auf beide Seiten des Hauses Wärme abgibt. Meine Großeltern erzählten, dass sie, als sie gerade geheiratet hatten, nirgendwo wohnen konnten und hier mehrere Jahre überwinterten. Und das war sehr schwer. Die Großmutter weinte sogar im Winter, wenn sie hierher fuhren, weil sie wusste, dass sie nach der Ankunft den Ofen anheizen müssen würde“, erzählt Lena.

Das Grundstück ist recht groß, neben dem „historischen Haus“ befinden sich hier noch zwei weitere Häuser für verschiedene Familienzweige. In Kratowo legt man keine Gemüsegärten an, wegen der riesigen Kiefern ist es hier ziemlich dunkel. „Der Großvater versuchte, Gurken anzupflanzen, aber das war sehr lustig. Er pflanzte sie in eine Gartenschubkarre, um sie auf dem Grundstück umherzufahren und dort hinzustellen, wo es Sonnenstrahlen gab“, erzählt Lena weiter.
1941 erhielt Lenas Urgroßvater mit seiner Familie in Kratowo die Nachricht vom Kriegsbeginn. Der Orientalist grub hier vorsorglich einen Erdbunker für den Fall, dass die Familie nicht in die Evakuierung mitgenommen würde. „Hier wurde ziemlich aktiv bombardiert und zwei Bomben schlugen nah am Grundstück ein. Also war der Erdbunker wohl nötig. Nach den Erinnerungen meines Großvaters wurde eine Wand in diesem Bunker mit einem Teppich verhängt, den man aus China mitgebracht hatte.“
Sie gingen schließlich doch für zwei Jahre in die Evakuierung. Dabei nahm Wladimir Aboltins Ehefrau Anna chinesische Garderobe mit, die sie später gegen Essen eintauschten.
Die Gegenwart
Nach den Erinnerungen der früheren Generationen von Lenas Familie herrschte in Kratowo eine besondere Atmosphäre. „Meine Großtante Walda sagte, es sei hier so etwas wie eine Kommune gewesen. Alle kannten einander und versuchten zu helfen. Heute ist das nicht mehr so.“ Laut Lena liegt das Durchschnittsalter der Siedlungsbewohner heute bei etwa 60 Jahren. Neue Leute tauchen hier nicht oft auf (das Land ist hier teuer), und die Neureichen der 1990er-Jahre, die ihre Schlösser gebaut haben, kommen nur selten hierher.
Lena zeigt auf einen hohen Zaun, den die Einheimischen die „Kremlmauer“ nennen. „Dieses Haus wurde, glaube ich, Anfang der 2000er Jahre gebaut. Ich habe die Besitzer ein paar Mal gesehen. Dann starb der Mann, und seitdem kommt niemand mehr hierher.“
Ein weiteres Geisterhaus befindet sich direkt neben Lenas Datscha. Dieses Haus gehörte Verwandten des Heerführers und Helden des Bürgerkriegs Semjon Budjonny. „Anscheinend lebte hier ein Neffe Budjonnys. Nach den Erinnerungen meiner Großmutter war er ziemlich seltsam, aber wir kletterten in meiner Kindheit über den Zaun zu ihnen, um Pilze zu sammeln. Und dann verschwanden die Besitzer. Also, er starb, seine Frau wahrscheinlich auch.

Und dieses Grundstück stand etwa 15 Jahre leer. Schließlich kauften es die Nachbarn, aber wegen Problemen mit der Erbschaft konnten sie das Haus selbst nicht übernehmen. Aber das Grundstück erwarben sie, jetzt weiden hier Ziegen.“
Ljubawa Winokurowa


