Hände weg vom Kokoschnik!

Als die ehemalige Direktorin des Puschkin-Museums, Jelisaweta Lichatschjowa, dem russischen Kokoschnik italienische Wurzeln zuschrieb, entbrannte ein heftiger Streit. Die Reaktionen darauf sind aufschlussreich: Sie spiegeln das Muster nahezu jeder Debatte über nationale Symbole in Russland. Jeder hat in dieser Auseinandersetzung seine eigene Rolle.

Kokoschnik: nicht russisch genug?   (Foto: Wassili Kusmitschonok/AGN Moskwa)

Der Provokateur – Lichatschjowa und die „italienische Spur“ des Kokoschniks

Das Thema der ausländischen Herkunft der Urheber jener kulturellen Objekte, die als das Aushängeschild Russlands gelten, ist alt wie die Welt. Dass die Architekten des Moskauer Kremls Italiener waren, ist kein Geheimnis. Doch als die Ex-Direktorin des Puschkin-Museums Jelisaweta Lichatschjowa im Interview mit dem Blogger Pawel Kostin von der „italienischen Spur“ des russischen Kokoschniks sprach, rief dies eine Flut von Kommentaren hervor. „Kokoschniki wurden von Künstlern der Moderne erfunden, die Kopfbedeckungen von italienischen Gemälden des 15. Jahrhunderts gemopst haben“, so Litschatschjowa. Schade, dass ausgerechnet dieser aus dem Kontext gerissene Ausschnitt in den sozialen Netzwerken die Runde machte. Dabei lautete der Kontext: „Sobald wir anfangen zu erörtern, was russisch und was westlich ist, ist das sofort das Ende. […] Russland ist Teil einer großen Zivilisation. Und für uns ist es jetzt vielleicht die letzte Chance, sich dessen bewusst zu werden.“

Doch es ist verständlich, warum viele Litschatschjowas Meinung als verletzend empfanden. Der Akzent auf den ausländischen Einfluss auf die russische Kultur und der mitunter geäußerte Wunsch, die Russen zu pikieren, denen „nichts Eigenes“ gehöre, ist ein recht verbreitetes Motiv im russisch-ukrainischen Informationskrieg. Die einen leugnen die ukrainische Staatlichkeit, die anderen den russischen kulturellen Code. Keinesfalls bezieht sich das auf Jelisaweta Litschatschjowa, aber sie hat nun einmal gesagt, was sie gesagt hat.

Der Inquisitor – Borodins Denunziation und die Taktik der Vernichtung

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. In der Rolle des Vollstreckers (nicht des Opponenten oder Gegners, sondern eben des Vollstreckers) trat der bekannte Aktivist Witali Borodin auf. Er hat bereits ganze Bände an Denunziationen gegen Kulturschaffende verfasst, Erfahrung hat er also zur Genüge. Borodin ist der Ansicht, dass solche öffentlichen Aussagen „keine wissenschaftliche Debatte“ seien, sondern „ein Schlag gegen den kulturellen Code und das historische Gedächtnis“. Selbstverständlich witterte er darin Anzeichen externen Einflusses. Er bat die Generalstaatsanwaltschaft um eine Prüfung der Worte Lichatschjowas „auf Diskreditierung des Kulturerbes“ sowie darum, „die Finanzierungsquellen zu klären: Gab es Zuschüsse, Subventionen oder andere Unterstützung aus dem Ausland, gibt es Konten und Vermögenswerte in ausländischen Banken“.

Darin besteht die Taktik der Inquisitoren (von jeder Seite): Nicht auf die Sache selbst einzugehen, sondern zu versuchen, den Opponenten zu vernichten – verbal, finanziell oder gar physisch.

Die Expertin – Wladlena Grünblat widerspricht der italienischen These

Doch es gab auch andere Kritik an Litschatschjowas Behauptungen. In einem Interview widersprach Wladlena Grünblat, Direktorin des Museums „Russischer Kokoschnik“, der Idee der italienischen Herkunft dieser Kopfbedeckung. „Der Kokoschnik ist eine traditionelle russische Festkopfbedeckung verheirateter Frauen, die das Haar vollständig bedeckt. Alle verheirateten Frauen in der Rus trugen seit dem späten 16. Jahrhundert Kokoschniki ungefähr in der Form, in der wir die bis heute erhaltenen Artefakte des späten 17. bis frühen 20. Jahrhunderts sehen.“ Sie räumte ein, dass Künstler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts diese Kopfbedeckung zwar sehr gerne darstellten, doch die Existenz des Kokoschniks in der Rus zu leugnen, ist „ein billiger Hype für Unwissende“. Grünblat erinnerte daran, dass „sogar Katharina II. einen stilisierten russischen Kokoschnik trug, um dem Volk ihre Zugehörigkeit zur russischen Volkskultur zu zeigen, obwohl sie gebürtige Deutsche war“.

Mit Experten ist es in solchen Streitigkeiten immer so eine Sache: Jede Seite wird die Meinung jenes Autoritätsträgers anführen, der die „einzig richtige“ Sichtweise stützt. Die Meinung anderer wird meist ignoriert, oder der Experte wird für befangen erklärt und als „Verbreiter bekannter Narrative“ abgetan.

Der Philosoph – Wasserman über die Stärke der russischen Zivilisation

Erstaunlich, dass in die Rolle des Philosophen – jener, der sich von einzelnen Fakten zu etwas Allgemeinem (und vorzugsweise Humanistischem) erheben kann – diesmal ein politischer Berater und Staatsduma-Abgeordneter, Anatoli Wasserman, schlüpfte. Der in Odessa geborene und seit 2016 russische Staatsbürger trat in politischen Fragen oft in anderen Rollen auf. Aber hier möchte man ihm nicht widersprechen.

„Von allen ist die russische Zivilisation am ehesten in der Lage, fremde Errungenschaften in sich aufzunehmen, sie anzueignen und als ihre eigenen weiterzuentwickeln. Dass viele unserer Traditionen Wurzeln haben, die nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich weit reichen, ist unser Vorzug, kein Nachteil.“

Das Thema an sich ist interessant. Man kann darüber streiten. Aber es gibt einen unbestreitbaren Punkt: Wenn man einen Menschen im Kokoschnik trifft, sollte man ihn trotzdem besser nicht auf Italienisch, sondern auf Russisch ansprechen.

Igor Beresin

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