
Alarm für die Industriearchitektur: Droht der Abriss?
Als Erstes schlug das Medium „archi.ru“ Alarm. Der Redaktion waren Informationen über die wahrscheinlichen Abrisspläne für die historischen Gebäude des Moskauer Elektrosawods zugetragen worden. Eine Quelle der Redaktion teilte mit, dass die Gebäude abgerissen und an ihrer Stelle neue, jedoch zum historischen Erscheinungsbild passende Bauten errichtet werden sollen.
Im Jahr 2021 wurde das Unternehmen GK Etalon Eigentümer von Elektrosawod. In den vergangenen fünf Jahren gab es verschiedene Entwicklungsprojekte für dieses Gelände. Es wird davon ausgegangen, dass hier mehrgeschossige Wohnkomplexe und Businesscenter entstehen sollen. Bis Juni 2026 war die Rede davon, dass die historischen Fabrikgebäude erhalten und behutsam in die neue architektonische Landschaft integriert werden. Doch es gibt ein Problem: Nach dem Brand im Februar 2025 wurde dem Elektrosawod der Status eines entdeckten Kulturerbeobjekts entzogen, was den Weg für eine radikale Umgestaltung des Geländes freimachte.
Die „Industrieburg“ an der Jausa: Ein neugotisches Meisterwerk
Warum ist das historische Erscheinungsbild des Elektrosawods so wichtig für Moskau? Elektrosawod ist ein großer Industriekomplex im Osten Moskaus. Sein Bau begann 1915 am Ufer der Jausa für die Aktiengesellschaft „Provodnik“ (ein russisch-französisches Unternehmen, das Gummierzeugnisse, technische Materialien sowie Produkte für die Industrie und die Armee herstellte).
Der Entwurf der Gebäude stammt vom Architekten Georgi Jewlanow. Er konzipierte den Komplex als industrielle Burg im neugotischen Stil mit Türmen, Spitzbogenfenstern und dekorativen Ziegelfassaden. Das ursprüngliche Projekt sah eine komplexere Architektur vor, doch aufgrund des Ersten Weltkriegs und der Revolution wurde der Bau vereinfacht. Das Werk wurde bis 1928 fertiggestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatte es bereits eine völlig andere Bestimmung – die Herstellung von Wolframfäden für Glühbirnen. In der Sowjetunion begann die flächendeckende Elektrifizierung und so stellte Elektrosawodelektrische Glühbirnen her und produzierte Ausrüstung für Kraftwerke. Im Werk wurden auch die leistungsstarken Lampen für die Beleuchtung der Kreml-Sterne gefertigt.
Das deutsche Kapitel: Osram-Experten und der Große Terror
Das Werk hat auch eine deutsche Geschichte. Hier arbeiteten deutsche Kommunisten. Sie kamen Anfang der 1930er-Jahre nach Moskau, ohne Russischkenntnisse, aber mit dem Wunsch, am Aufbau des neuen Staates mitzuwirken. Man muss sagen, dass sie über Berufserfahrung verfügten – viele von ihnen hatten im Osram-Werk gearbeitet und brachten einige Produktionsgeheimnisse nach Moskau mit. Leider nahm ihr Schicksal bereits Ende der 1930er-Jahre eine traurige Wendung. Der Große Terror begann, und die überzeugten Kommunisten aus Deutschland landeten in den Lagern des Gulag.
Vom Kreativcluster zum Baustellenzaun: Der Kampf um das Erbe
Mit dem Zerfall der UdSSR ging die Glühbirnenproduktion im Elektrosawod allmählich zurück. In den 2000er-Jahren wurden die Hauptwerkstätten ausgelagert und die historischen Gebäude wurden als Büros, Studios, Werkstätten und kulturelle Räume genutzt. Nach dem Brand im Februar letzten Jahres zogen sie aus.
Das Unternehmen GK Etalon hat sich bislang geweigert, seine Pläne für dieses Gelände mitzuteilen. Das Medium „archi.ru“ hat eine Unterschriftensammlung für den Erhalt der historischen Bauten des Elektrosawods in ihrer authentischen Bausubstanz und für eine offene Diskussion des künftigen städtebaulichen Projekts gestartet. Die Petition wurde von mehr als 6000 Menschen unterzeichnet.
Es ist bekannt, dass der Beginn der umfangreichen Bauarbeiten für Ende 2026 vorgesehen ist. Der Zugang zum Gelände wird jedoch bereits eingeschränkt und die ersten Abbrucharbeiten haben schon begonnen.
Ljubawa Winokurowa


