30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion: Szenen eines sowjetischen Lebens in Murmansk

Elf Schuljahre, neun Schulen: Weil der Vater von Marina Lischtschinskaja ein sowjetischer Militärarzt war, blieb die Familie nie lange an einem Ort. 1948 in Moskau geboren, verbrachte die spätere Philologin ihre Kindheit hauptsächlich im Baltikum. Doch vor 60 Jahren, mit 13, ging es für sie nach Murmansk in den äußersten Norden. Warum ihr Herz erst blutete, aber noch heute für die Stadt schlägt, hat sie der MDZ erzählt.

So sah Murmansk in der Nähe des Bahnhofs und der Kola-Bucht in den 1960er Jahren aus. (Foto: M. Popow/RIA Novosti)

Heute vor 30 Jahren legte Michail Gorbatschow sein Amt als Präsident der Sowjetunion nieder, am nächsten Tag wurde die rote Fahne über dem Kreml eingeholt: 74 Jahre nach der Machtübernahme der Bolschewiki war der Staat, den sie schufen, am Ende. Welche Erinnerungen haben seine ehemaligen Bewohner an das Leben in diesem Land? Die Moskauer Marina Lischtschinskaja (73) über fünf Schuljahre in Murmansk, der nördlichsten Großstadt der Welt, über Lebensmittel, die es damals gab (oder auch nicht) und über einen denkwürdigen Besuch von Fidel Castro.

Es war Lenins Geburtstag, der 22. April 1961, als wir in Mur­mansk ankamen, das weiß ich noch genau. Und ich erinnere mich auch daran, wie ich in meinen deutschen Halbschuhen und meinem leichten deutschen Mantel gefroren habe. Irgendwie hatten wir nicht erwartet, dass es mitten im Frühling noch so kalt sein konnte. In Riga, wo wir vorher gelebt hatten, war der Winter praktisch ausgefallen, in Mur­mansk dagegen noch in vollem Gange. Ich bin jeden Tag klitschnass nach Hause gekommen, weil ich mich mit großem Vergnügen im Schnee gewälzt habe. Mama machte dann ein vorwurfsvolles Gesicht und redete mir ins Gewissen: „Marina, du bist doch ein Mädchen, schämst du dich nicht?“ Ich habe jedes Mal Besserung versprochen, konnte dem Schnee aber doch nicht widerstehen.

In Murmansk hatten wir zum ersten Mal eine eigene Wohnung und nicht nur ein Zimmer. Zunächst waren wir aber im Offizierswohnheim untergebracht. Man wusch sich im Badehaus und anschließend nahmen meine Eltern mich und meine kleine Schwester in die Kantine mit. Das Angebot beschränkte sich auf Fischbuletten und graue Makkaroni. Ich saß da, blickte auf den Teller und fing zu weinen an. Nach unserem satten Leben in Riga war das ein Schock. Allmählich habe ich mich an vieles gewöhnt, aber nicht an alles.

Keine Kartoffeln und unappetitliches Brot

Denn um die Versorgung war es generell nicht zum Besten bestellt. Ich esse zum Beispiel für mein Leben gern Bratkartoffeln. Aber in Murmansk musste ich feststellen, dass Kartoffeln nicht so selbstverständlich sind, wie ich dachte. Ich konnte sie nämlich die erste Zeit nur im Museum sehen. In den Läden waren keine zu haben.

Auch gewöhnliches Mehl war nicht aufzutreiben. Meine Mutter buk Kekse deshalb mit Hafermehl. Was mich aber am härtesten traf, war der Brotmangel. Weißbrot gab es nur auf Zuteilung. Meinem Vater als Armeeangehörigem stand es zu, meiner Schwester, die noch nicht zur Schule ging, auch, Mama und mir dagegen nicht. Deshalb hatten wir nie genug davon. Und glauben Sie ja nicht, dass man es im Laden um die Ecke bekam. Nein, für die Ausgabe war ein spezielles Backwarengeschäft im Zentrum zuständig, wo man dann auch noch Schlange stehen musste, ehe man diesen kleinen Weißbrotlaib käuflich erwerben konnte.

Marina Lischtschinskaja ist als Kind viel in der Sowjetunion herumgekommen. (Foto: Privat)

Meine gesamte Kindheit war mit Anstehen verbunden, sei es nach Milch, Brot oder nach Mandarinen. Apropos Brot: Weil unser Weißbrot nie lange reichte, kam bei uns zu Hause vor allem Schwarzbrot auf den Tisch. Das war, soweit ich mich entsinne, die einzige frei verkäuf­liche Sorte – und einfach widerlich. Wenn man es aufgeschnitten hat, dann schimmerte es bläulich und war ganz offensichtlich von mieser Qualität. Ich fand es schlicht ungenießbar. Aber weil ich natürlich vor der Schule ein belegtes Brot essen sollte, endete jeder Morgen im Skandal. Mein Vater hat mir das lange nicht verziehen.

Regionale Unterschiede in der Sowjetunion

Dabei waren wir sozusagen privilegiert. Papa bekam einmal im Monat ein Lebensmittelpaket. Zu dessen Inhalt gehörte, warum auch immer, Milch- und Eipulver. Daraus habe ich mir dann unter Zugabe von Wasser und Salz Omeletts gemacht. Für mich war das eine der schmackhafteren Speisen, die sich aus dem vorhandenen Sortiment zubereiten ließen.

Aus Lettland kannten wir das alles ganz anders, obwohl das ja auch Sowjetunion war. In Riga hatten wir die Grundnahrungsmittel auf dem Markt gekauft. Den liebte ich schon wegen seiner Vielfalt an Blumen. Im Vergleich dazu kam es mir in Russland so vor, als gäbe es nichts außer Nelken. Und dann die Milchprodukte im Baltikum, der Quark, den Mama kaufte – eine Wucht.

Wir lebten fünf Jahre in Murmansk. Irgendwann muss sich die Versorgungslage auch dort gebessert haben. Denn an Feiertagen wurde der Tisch gedeckt, wir hatten Gäste. Es scheint also genug zu essen und zu trinken dagewesen zu sein. Dennoch waren die Engpässe, wie wir sie erlebt haben, schon seltsam. Immerhin wähnten wir uns kurz vorm Anbruch des Kommunismus. Wie konnte so etwas also sein?

Im Visier der Deutschen

Murmansk war damals noch eine junge Stadt. Vor unseren Augen wurde das erste „Hochhaus“ gebaut, acht oder neun Stockwerke hoch. Da bin ich mit Papa hin, um mir das anzuschauen. Bis zum Krieg waren die meisten Bauten aus Holz gewesen. Ein Großteil davon hatte die deutschen Luftangriffe nicht überlebt. Die Einnahme der Stadt konnte jedoch abgewendet werden. Die Deutschen sollen sogar schon eine Siegesparade geplant gehabt haben.

Nach Murmansk zogen die Menschen wegen der Zuschläge und Vergünstigungen, die der Staat gewährte. Man hatte hier unter anderem mehr Urlaub und höhere Renten. Zu den Härten zählte beispielsweise die Polarnacht, wenn die Sonne im Winter wochenlang nicht aufgeht. Umgekehrt geht sie im Sommer zwei Monate nicht unter. Damit kommt nicht jeder klar. Mir hat es sehr gefallen, wenn es nachts taghell war. Aber meine Eltern haben darunter gelitten, alle Fenster zugehängt und trotzdem schlecht geschlafen.

Überhaupt die Natur! Jedes Frühjahr wurde das Fest des Nordens begangen. Ein wenig außerhalb fanden Rentierrennen statt. Als ich 1982 mit meinem Mann noch einmal in Murmansk war, hat ihn total überrascht, wie grün die Stadt ist. Und er hat viele Gemeinsamkeiten zu Wladiwostok entdeckt, seiner Heimatstadt.

Und dann kam Fidel Castro

Mein Lieblingsort in Murmansk war die Eislaufbahn. Und das  Kino „Rodina“ (Heimat). Dort habe ich alle neuen Filme gesehen, von „Die glorreichen Sieben“ bis zu „Die drei Musketiere“. Wir waren überhaupt sehr beschäftigt und eingespannt. Ständig wurden Wettbewerbe zwischen den Schulen veranstaltet. Als Komsomolzen hatten wir uns zudem um Pioniere aus den jüngeren Klassen zu kümmern. Einmal schrieb ich zusammen mit meinen Schützlingen einen Brief an Timur Gaidar, den Schriftsteller und Journalisten. Er war zu der Zeit Korrespondent auf Kuba. Nicht nur, dass er uns antwortete, er schickte auch noch ein Päckchen – eine kubanische Flagge.

Fidel Castro in Murmansk: Direkt nach der Ankunft auf dem Bahnhof hielt er eine Rede. (Foto: W.E. Kononow/Staatsarchiv der Region Murmansk)

Das war aber noch gar nichts dagegen, dass uns Fidel Castro höchstpersönlich besuchte. (Anm. d. Red.: In Murmansk begann am 27. April 1963, ein halbes Jahr nach der Kubakrise, ein 38-tägiger Staatsbesuch Castros, der damals erst 36  Jahre alt war und dem die Menschen überall in der Sowjetunion zujubelten.) Meine Freundin Natascha wohnte direkt gegenüber vom Bahnhof. Dort haben wir also auf den Zug gewartet (der Castro und seine Delegation vom Flughafen in die Stadt brachte – d. Red.), während sich der Bahnhofsvorplatz mit Menschen füllte. Nach seiner Ankunft hielt Castro eine Rede, in der er unsere enge Freundschaft beschwor. No pasaran. Wir waren begeistert von diesem jungen, großgewachsenen, gutaussehenden Mann, der frei sprach, ganz anders als unsere Politiker, die alles ablesen mussten und trotzdem Fehler machten. Ich habe mich jedes Mal gefragt, wie die eigentlich die Staatsgeschäfte lenken wollten, wenn sie noch nicht einmal die russische Sprache beherrschten.

Das beste Land der Welt

Das änderte aber nichts daran, dass ich mir sicher war, im besten Land der Welt zu leben. Und ich halte es bis heute für ein Glück, in der Sowjetunion aufgewachsen zu sein. Wir wurden zu Kameradschaft, Freundschaft und Rechtschaffenheit erzogen. Vieles war gerechter als jetzt, ohne dieses schlimme soziale Gefälle. Da hat man gemeinsam beim Subbotnik angepackt und hinterher Tische im Hof aufgestellt, um genauso gemeinsam zusammenzusitzen, während jemand auf dem Balkon für Musik vom Akkordeon sorgte. Ich habe mich in der Sowjetunion gut aufgehoben gefühlt.

Mein Schulabschluss fiel in das Jahr 1966. Bis dahin hatten wir auch einen Beruf erlernt: Die Mädchen waren zu Telegrafistinnen ausgebildet worden, die Jungen zu Fernseh- und Radiomonteuren. Von denen, die studieren wollten, sind die meisten nach Leningrad gegangen. Ich habe mich für ein Studium in Vilnius entschieden, wo ich schon als Erstklässlerin gewesen war.  

An Murmansk denke ich gern zurück, diese Stadt ist mir für immer ans Herz gewachsen, auch wenn ich längst nach Moskau zurückgekehrt bin. Mir scheint, dass die Leute in dem harschen Klima dort gutmütiger, herzlicher und zuverlässiger sind als anderswo. Mit meinen ehemaligen Mitschülern und Mitschülerinnen bin ich bis heute befreundet, egal wo sie inzwischen leben. Manchmal treffen wir uns. Und wenn das mal nicht geht, dann schreiben oder telefonieren wir, so wie jetzt vor den Feiertagen.

Aufgeschrieben von Tino Künzel

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