
Noch vor wenigen Jahren galt der Wechsel auf ein College nach der neunten Klasse in Russland oft als zweite Wahl. Nicht selten war das sogar gezwungenermaßen. Viele Eltern verbanden Berufsfachschulen und ehemalige Berufsschulen mit begrenzten Karrierechancen und einem niedrigeren gesellschaftlichen Ansehen als ein Universitätsstudium. Zuletzt hat sich dieses Bild grundlegend verändert. Colleges und technische Fachschulen erleben einen regelrechten Boom.
Die Zahlen sprechen für sich: Allein in Moskau entschieden sich 2025 mehr als 37 000 Absolventen der neunten Klasse für ein College. Das sind rund 40 Prozent mehr als im Vorjahr, als etwa 27 000 Schüler diesen Bildungsweg wählten. Damit verzeichnet die russische Hauptstadt einen historischen Höchststand.
Auch landesweit setzt sich dieser Trend fort. Nach Angaben des Bildungsministeriums wechselten 2025 rund 63 Prozent aller Absolventen der neunten Klasse in Einrichtungen der beruflichen Sekundarausbildung. Zum Vergleich: 2018 lag dieser Anteil noch bei etwa 48 Prozent. Insgesamt nahmen rund 1,3 Millionen junge Menschen eine Ausbildung an Colleges oder Fachschulen auf – so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Schnell zum Job
Der Anstieg lässt sich nicht allein mit dem Wunsch erklären, die landesweiten Abschlussprüfungen und den Weg über die Oberstufe zu umgehen. Für viele Jugendliche ist das College vor allem der schnellste Weg in den Arbeitsmarkt. Während Gleichaltrige noch zwei Jahre die Schule besuchen und anschließend ein Studium aufnehmen, können College-Absolventen bereits mit 18 oder 19 Jahren in einen Beruf einsteigen und eigenes Einkommen erzielen.
Hinzu kommt, dass sich die Anforderungen des russischen Arbeitsmarktes verändert haben. Unternehmen suchen zunehmend Fachkräfte mit praktischen Kompetenzen: IT-Spezialisten, Industriemechaniker, Schweißer, Logistikexperten, medizinisches Personal oder Fachkräfte für den Transportsektor. Die berufliche Ausbildung reagiert deutlich schneller auf diese Nachfrage als viele klassische Studiengänge.
Wählen heißt nicht gleich verzichten
Parallel dazu hat sich die Qualität der Ausbildung spürbar verbessert. Moderne Colleges arbeiten heute eng mit Unternehmen zusammen, investieren in neue Labore und technische Ausstattung und integrieren Praxisphasen direkt in den Lehrplan. In vielen Fällen erhalten Studierende bereits während ihrer Ausbildung konkrete Jobangebote von potenziellen Arbeitgebern.
Auch die Durchlässigkeit des Bildungssystems hat zugenommen. Wer ein College abschließt, muss nicht auf ein Hochschulstudium verzichten. Viele Universitäten erkennen bereits erworbene Leistungen an oder bieten verkürzte Studienwege für Absolventen beruflicher Bildung an. Das College wird daher immer häufiger nicht als Alternative zur Hochschule, sondern als Teil einer längeren Bildungs- und Karriereplanung betrachtet.
Andere Zeiten, andere Präferenzen
Unterstützt wird diese Entwicklung auch von staatlicher Seite. Auf dem diesjährigen St. Petersburger Wirtschaftsforum betonten Regierungsvertreter und Wirtschaftsverbände die Bedeutung der beruflichen Ausbildung für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
Geplant sind weitere Investitionen in die Modernisierung von Colleges, der Ausbau praxisorientierter Ausbildungsprogramme sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen Bildungseinrichtungen und Unternehmen. Ziel ist es, Fachkräfte gezielter für die Bedürfnisse einzelner Branchen und Regionen auszubilden.
Mit diesen Veränderungen wandelt sich auch die gesellschaftliche Wahrnehmung. Was früher häufig als Notlösung galt, wird heute zunehmend als bewusste und attraktive Entscheidung angesehen.
Viktoria Nedaschkowskaja
Arten von Colleges
Das russische College-System umfasst inzwischen weit mehr als die klassischen Einrichtungen für Jugendliche nach der neunten Klasse. Die bekannteste Form sind zwar weiterhin Colleges und technische Fachschulen, die Schüler direkt nach der Pflichtschulzeit aufnehmen. Die Ausbildungsdauer beträgt je nach Fachrichtung zwischen zwei und vier Jahren.
Daneben existieren Programme für Absolventen der elften Klasse, die auf eine verkürzte berufliche Qualifikation abzielen.
Außerdem gewinnt die berufliche Weiterbildung für Erwachsene zunehmend an Bedeutung: Spezielle Colleges und Bildungszentren bieten Umschulungen und Qualifizierungsprogramme für Menschen an, die sich beruflich neu orientieren oder ihre Kompetenzen erweitern möchten. Besonders gefragt sind Angebote in den Bereichen Informationstechnologie, Industrie, Logistik und Dienstleistungen.


