Krach, Bumm, Bäng: So wird Moskau runderneuert

So viel gebaut wie in Moskau diesen Sommer wird anderswo nur in Nachkriegszeiten. Das ist einerseits schwer zu ertragen, man kann sich jedoch mit dem Gedanken trösten, dass bald alles besser wird.

Hier scheint etwas Großartiges aus dem Boden zu wachsen: Auf dem Foto zu sehen sind Teile des neuen Sarjadje-Parks, in dem Landschaften aus allen Klimazonen Russlands zu bestaunen sein werden. / Tino Künzel

Ihr Ausländer habt es gut. Wenn ihr in einem Jahr zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Russland kommt, werdet ihr ein Moskau vorfinden, das europäischer gar nicht sein könnte. Mit breiten Gehwegen, verkehrsberuhigten Zonen, gemütlichen Sitzbänken überall, urbanen Plätzen. Wagt es ja nicht, achtlos daran vorüberzugehen oder gleich weiterzufahren zu den anderen Spielorten der WM. Denn für dieses Wohlfühl-Moskau müssen die Einheimischen (und wir Expats gleich mit) nicht das erste Jahr bluten. In der warmen Jahreszeit werden große Teile der Innenstadt umgegraben, so dass nach und nach kaum ein Stein auf dem anderen bleibt. Myriaden von „Gastarbeitern“ sind an allen möglichen Baubrennpunkten im Einsatz. Wahrscheinlich werden an den meisten Orten Dezibelwerte erreicht, die jeden Ohrenarzt warnend den Zeigefinger heben ließen und nichts für sensible Gemüter sind.

Das Programm hinter dieser Runderneuerung heißt „Meine Straße“ (Moja Uliza), es läuft seit 2015 und noch bis 2018. Allein in diesem Jahr sollen mehr als 80  Straßen mit einer Gesamtlänge von 50 Kilometern rekonstruiert werden. Welche es sind, darüber konnten die Städter mittels der App „Aktiver Bürger“ abstimmen. Im Vorjahr waren es über 60 Straßen mit 45 Kilometern, noch ein Jahr davor 44 Straßen mit 106 Kilometern. Die grün-weißen Planen der Bauzäune sind auf ihre Art zu einem Markenzeichen der Stadt geworden. Mittlerweile wird das Motiv schon auf T-Shirts angeboten.

Das schöne Ergebnis dieses Kraftakts ist zum Beispiel auf der Twerskaja Uliza, auf dem Neuen Arbat oder dem Triumphplatz zu besichtigen. Und es sorgt dafür, dass sich die Beschwerden in Grenzen halten. Denn die Geduld wird ja über kurz oder lang belohnt.

Grün-weiße Bauzäune künden überall in Moskau davon, welche Umwälzungen gerade im Gange sind. / Tino Künzel

Doch es ist nicht „Meine Straße“ allein. Derzeit gibt es über die Innenstadt verteilt noch eine weitere Handvoll Epizentren an Bautätigkeit. Zwischen Rotem Platz und Moskwa wird das ehemalige Kaufmannsviertel Sarjadje, wo zu Sowjetzeiten der gigantomanische Hotelklotz Rossija stand, in einen Landschaftspark umgewandelt. Die Baukräne drehen sich noch, aber bereits zum Stadtfest am 9. September soll Eröffnung sein.

Richtig viel los ist auch auf dem Sportgelände Luschniki von den Ausmaßen eines Stadtviertels. Das dortige Stadion – Russlands größtes – ist nach Jahren des Umbaus schon für die WM bereit. Es fasst nun 81.000 Zuschauer und wird Schauplatz von sieben Spielen, darunter das Eröffnungsspiel und das Finale, sein. In seinem Umfeld wird derzeit noch saniert und planiert, was das Zeug hält. Die Sporthallen sind eingerüstet, fünf sogenannte Eingangspavillons am Rande des 160 Hektar großen Areals gerade im Bau. Die drei Kilometer lange Uferseite ist bereits ein Mekka für Sportfreunde aller Couleur. Spielplätze machen sie zunehmend auch für Familien mit Kindern attraktiv. Bereits 2018 soll über ihre Köpfe hinweg dann auch eine Seilbahn mit Kabinen für jeweils acht Personen zwischen Luschniki und den Sperlingsbergen verkehren. Gesamtlänge: 790 Meter, mit Zwischenstation am gegenüberliegenden Ufer der Moskwa. In Luschniki selbst entstehen derzeit ein fünfstöckiges Zentrum für Rhythmische Sportgymnastik und eine riesige neue Schwimm-Arena, die drei Mal so groß wird wie der inzwischen abgerissene Vorgängerbau aus dem Jahre 1956. Aber ihre Eröffnung ist bereits für die Zeit nach der WM terminiert.

Auch an vielen Fassaden ist ganz schön was los. / Tino Künzel

In großem Stil gewerkelt wird zudem in den Moskauer Parks. 60 befinden sich nach Angaben der Stadt derzeit in Rekonstruktion, 50 werden allein in diesem Jahr neu angelegt. In einem Fernsehinterview sagte Bürgermeister Sergej Sobjanin Mitte Juli Folgendes: „Wir haben uns von Anfang an die Aufgabe gestellt, die Moskauer Parks zu den besten in der Welt zu machen. Und wenn Sie davon sprechen, dass nach Experteneinschätzungen Moskau eine der grünsten Städte der Welt ist, dann will ich Ihnen sagen, dass Moskau überhaupt die grünste Stadt der Welt ist und bei der Infrastruktur an Parks absolut konkurrenzlos.“

Doch wovon die Moskauer im Alltag an Farbenspielen umgeben sind, ist einstweilen nicht so sehr grün, sondern grün-weiß. Womit wir wieder beim Anfang wären.

Tino Künzel

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