Heute Importeur, morgen Welternährer

„Öko“, „Organic“ oder „Bio“ - diese Siegel sind in russischen Supermarktregalen immer häufiger anzutreffen. Doch die Zertifizierung nachhaltiger Produkte steckt in Russland in den Kinderschuhen.

Experten diskutierten beim Moskauer Gespräch über Bioprodukte. /Foto: Daniel Säwert.

Noch gibt es in Russland kein Gesetz über die ökologische Landwirtschaft. Doch das könnte sich im nächsten Jahr ändern. Die Nachfrage nach Bioprodukten wächst. Selbst Wladimir Putin verkündete auf einer Pressekonferenz dieses Jahr, dass Russland fähig sei, einer der größten Lieferanten ökologischer Produkte zu werden.

Russland – ein ökologischer Welternährer? Bis zu diesem Szenario sei der Weg noch weit, meinte Tatjana Lebedewa, Gründerin und Chefredakteurin der Zeitschrift „Look.Bio“ beim jüngsten Moskauer Gespräch zum Thema „Öko-Produkte – eine nachhaltige Lösung für das grüne Gewissen?“. Auch von Erfolg könne keine Rede sein, „denn es gibt weder einen Markt noch echte „Bioprodukte“, so das harte Urteil Lebedewas.

Greenwashing in russischen Supermarktregalen

Zwar steige in den Städten die Zahl der Verbraucher, die sich bewusst für nachhaltige Produkte entscheiden. Es gebe allerdings ein Problem. „Wenn Verbraucher den Supermarkt betreten, werden sie eine Menge Produkte finden, die ein Bio-Label tragen. Jedoch handelt es sich in 90 Prozent der Fälle um Greenwashing“, so Lebedewa. Dieser Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet sprichwörtlich etwas „grünwaschen“.

Damit kritisierte der Umweltaktivist Jay Westervelt Mitte der 80er Jahre PR- und Marketing-Aktionen von Unternehmen, die ihre Produkte oder gar sich selbst als ökologisch positionierten. Das grüne Image wird häufig mit irreführenden Werbeaussagen versehen, um den Anschein von Nachhaltigkeit zu suggerieren: „natürliches Produkt“ oder „ökologisch sauber“.

Trotz der Grünfärberei gebe es in Russland „Originale“, auf die Verlass sei, sagte Lebedewa. Allerdings seien sie im Schnitt drei oder vier Mal so teuer wie konventionelle Produkte. Einer dieser Hersteller im MoskauerGebiet ist beispielsweise die zertifizierte Bio-Farm „Gortschitschnaja Poljana“ von Alexander Brodowskij. „Seine Fleisch- und Milchprodukte sind lecker, aber die Preise orientieren sich an den Bewohnern der Moskauer Luxusstraße Rubljowka“, so Lebedewa.

Kälber auf dem Bio-Hof „Gortschitschnaja Poljana“ bei Tula. /Foto: Gorpolyana/facebook.

Umsatz von Bio-Produkten steigt

Ob reich oder arm, für Helena Drewes, Gründerin der dänischen Consulting-Firma „Organic Russia“, sind russische Verbraucher, die Bio kaufen und somit Einfluss auf das Wachstum dieses Segments haben, die gleichen wie weltweit auch. „Das sind Frauen, die um sich selbst und ihre Kinder besorgt sind und männliche Nerds, die über alles Bescheid wissen wollen.“

Muss Man(n) tatsächlich ein Nerd sein, um sich mit „ökologischen“ Produkten zu beschäftigen? Nicht zwangsläufig, meint Lebedewa. Ihr Magazin „Look.Bio“ kläre auf, helfe den Verbrauchern, sich im „grünen“ Dschungel zu orientieren: „Bio bedeutet nicht nur, dass Produkte ohne Pestizide und Mineraldünger hergestellt wurden. Es ist auch ein System, das an einem langfristigen Resultat orientiert ist, damit viele Generationen eine ökologische Produktion bekommen können.“

Auch Russland könnte sich zu den großen Bio-Exporteuren wie den USA und Europa gesellen, denn der Markt boomt. Laut dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau wurden 2015 in der EU Bio-Lebensmittel im Wert von rund 27 Milliarden Euro umgesetzt.

„Russland hat die größte Fläche der Welt und landwirtschaftliche Nutzflächen, die seit 20 Jahren nicht bearbeitet wurden. Wenn das Land anfängt, organische Produkte nicht nur für den eigenen Markt herzustellen, dann wird es gut sein, auch für den Rest der Welt“, so die dänische Expertin. „Aber dafür muss Russland internationale Standards berücksichtigen.“

Herausforderungen bei der Zertifizierung

Das sei ein Grund, warum in letzter Zeit das Interesse an Zertifizierung unter russischen Herstellern gestiegen ist, so die Beobachtung von Julia Gratschewa. Sie ist Leiterin der Organisation „Ecological Union“ in St. Petersburg – die erste Organisation in Russland, die seit 15 Jahren Öko-Zertifizierungen vergibt. Die NGO erhalte sehr viele Anrufe von Interessenten, die gerne das Siegel „Blatt des Lebens“ für ihr Geschäft oder Produkt hätten. Allerdings laufen solche Anfragen oft ins Leere. „Sobald die Interessenten erfahren, welchen Standards sie entsprechen müssen, wissen sie, dass sie für diesen Schritt noch nicht bereit sind. Zum einen, weil es sehr teuer ist. Zum anderen, weil der Prozess der Zertifizierung etwa drei Jahre in Anspruch nehmen kann.“

Eine Frage der Ähre

 

Sogar mit Einbußen bei der Ernte muss man in den ersten Jahren rechnen, denn die ökologische Landwirtschaft benötigt einen höheren Aufwand bei der Bewirtschaftung, so Gratschewa. Weil russische Hersteller internationalen Standards noch nicht genügen können, existieren einzelne ökologische Zertifizierungen für russische Produkte, aber keine einheitlichen. Sie seien eher „weich“. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf die Qualität des fertigen Produkts und weniger auf den gesamten Produktionsprozess. Deshalb sei es noch zu früh, um von „organischen“ Produkten „Made in Russia“ zu sprechen. „Wenn selbst die Qualität von konventionellen Lebensmitteln zu wünschen übrig lässt“, so Gratschewa.

Deutschland kann eine Rolle beim Aufbau einer „Öko-Branche“ spielen. Schließlich sind nach einer Schätzung von „Ecological Union“ 95 Prozent der Bio-Lebensmittel importiert, vieles aus Deutschland. In den 80er Jahren war Deutschland Pionier der Öko-Bewegung. Stellten 1996 laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Öko-Betriebe einen Anteil von nur 1,3 Prozent der deutschen Landwirtschaft, sind es heute 8,7 Prozent. Möglich machen diese Entwicklung unter anderem EU-Subventionen. Auch Russland brauche eine bessere Förderung, so die einhellige Meinung der Experten.

Ljudmila Kolina

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