„Der Lärm der Zeit“: Neue Innenansichten aus Schostakowitschs Leben

Dmitri Schostakowitsch wurde als Komponist der Sowjetunion gefeiert. Doch um in der Kulturbürokratie zu bestehen, musste er einen hohen Preis bezahlen. In seinem neuen Roman beschreibt Julian Barnes, wie sich der Komponist der Staatsmacht beugte und daran innerlich zerbrach.

Die Sinfonie Nr. 5 bewahrte Schostakowitsch vor weiteren Repressalien / Foro: RIA Novosti

Wir schreiben das Jahr 1937. Der 31-jährige Dmitri Schostakowitsch wartet in den Nächten im Treppenhaus vor dem Aufzug seiner Leningrader Wohnung darauf, von der „Macht“ abgeholt zu werden. Er wurde vor ein paar Tagen über Marschall Tuchatschewski befragt, sein Förderer, den sie eines Komplotts bezichtigen. Zudem ist seine bislang überall gefeierte Oper  „Lady Macbeth von Mzensk“ bei Stalin in Ungnade gefallen. Noch während der Pause verließ er mit seiner Entourage die Loge im Bolschoi-Theater – zu sehr war er von der Inszenierung schockiert, die „den perversen Geschmack der Bourgeoisie kitzelt“. In solch einer Lage ist nur ein Szenario denkbar: Abholung mitten in der Nacht vom NKWD. Denn nicht nur der Tag gehört in dieser Zeit dem Tyrannen, auch in der Nacht sollen die Untertanen seine Macht und ihre Nichtigkeit spüren. Danach: Befragung, Folter, Erschießung oder bestenfalls Verbannung. Also wartet Schostakowitsch draußen vor der Tür, um seiner Frau den traurigen Abschied zu ersparen, und zuckt bei jeder Bewegung des Fahrstuhls zusammen.

Julian Barnes, ein erfolgreicher britischer Autor und Essayist, mit dem Booker-Preis sowie zuletzt mit dem Siegfried-Lenz-Preis aus-gezeichnet, schrieb bereits ein Dutzend Romane, darunter den  Künstler-Roman „Flauberts Papagei“ und „Vom Ende der Geschichte“, der es auf die BBC-Liste der 100 bedeutendsten britischen Romane schaffte.

In seinem neuesten Werk „Der Lärm der Zeit“, bereits letztes Jahr auf Russisch und jetzt auf Deutsch erschienen, öffnet Barnes einen geheimen Eingang in die innere Gedankenwelt von Schostakowitsch. Es ist eine Art Tagebuch, das seine Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit aufzeichnet und die ständige Angst verdeutlicht, in der Schostakowitsch lebt, seit in der „Prawda“ die vernichtende Kritik „Chaos statt Musik“ erschien und womöglich von Stalin selbst verfasst wurde.

Der Mensch im Zentrum

Barnes analysiert weder Schostakowitschs Musik noch vertieft er sich in seine Biografie. Vielmehr sucht er eine Annäherung an den Künstler und Menschen anhand dreier Lebensabschnitte. Er nennt sie drei Gespräche mit der „Macht“ und geht dabei der Frage nach, wie viel einem die Anpassung an ein Regime abverlangen kann. Verliert man durch linientreue Musik seine Integrität? Verrät man sich selbst, wenn die erzwungenen musikalischen Zugeständnisse als Leitmotive für Kolchosen, Kommunisten und Komsomolzen benutzt werden? Wie viel Raum bleibt dann noch der künstlerischen Freiheit in einer neuen Weltordnung, die das Bürgerliche hinter sich lassen will?

Das erste Gespräch ist der Angst gewidmet. Schostakowitsch verbringt Tage vor dem Aufzug und wartet auf sein Ende. Doch er bleibt vom Großen Terror verschont und bekommt sogar in den kommenden Jahren mehrmals den Stalinpreis verliehen.

Das zweite Gespräch findet zwölf Jahre später statt. Schostakowitsch telefoniert persönlich mit dem Generalissimus und wird gegen seinen Willen zum Kulturkongress für den Weltfrieden in die USA geschickt. Auf dem Rückflug von New York empfindet er nur Scham und Verachtung gegenüber sich selbst: In einer für ihn geschriebenen Rede hatte er sich ausgerechnet von Strawinsky distanzieren müssen, den er so verehrt. Zu viel Verbiegung für ein Leben?

Opportunismus und wenig Mut

In „Im Auto“, dem letzten Teil des in drei Sätzen komponierten Romans, treffen wir Schostakowitsch im eigenen Dienstwagen nach weiteren zwölf Jahren. Mittlerweile Vorsitzender des Komponistenverbands und hochangesehen, ist er tief verbittert und enttäuscht. Der Preis seiner Privilegien war zu hoch gewesen. Man hatte ihm den Eintritt in die verhasste Partei nahegelegt, worauf er eingegangen ist. Am Ende bedauert Schostakowitsch die vielen Kompromisse, die er in seinem Leben eingegangen war. Zu viel Opportunismus und zu wenig Mut. „Seine Hoffnung war, der Tod werde seine Musik befreien: befreien von seinem Leben“, schreibt Barnes, als möchte er dem Komponisten diese Last abnehmen, anstatt über ihn zu urteilen.

Das biografische Gerüst des Romans stützt Barnes auf Solomon Wolkows inzwischen umstrittene Memoiren über den Komponisten und auf die intensive Zusammenarbeit mit der Schostakowitsch-Kennerin Elizabeth Wilson. Daraus erschafft Barnes einen inneren Monolog, wie er hätte sein können, bestehend aus Moment-aufnahmen, Rückblenden und Gedankengängen des Musikers. Die Nebenmelodie dieses Romans liegt bei den Frauen: Schostakowitschs ambivalentes Verhältnis zu seiner dominanten Mutter, die erste Liebe Tanja und seine Vorstellungen von der freien Liebe. Seine erste Frau Nina – ebenso tonangebend wie seine Mutter. Und mittendrin er: schüchtern, verliebt, umsorgt.

Wie groß können die Kompromisse sein, und wie viel wiegen sie, wenn das Werk am Ende doch so bedeutend ist? Vielleicht sind all die Umstände, die Feigheit, der Verrat, der Opportunismus nur der Lärm der Zeit, den wir nicht mehr hören.

Irina Kilimnik 

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