Der grüne Traum: 100 Jahre Nationalparks in Russland

Seit 1917 gibt es in Russland ein Nationalparksystem, das in seiner groben Form sogar sämtliche politischen Systemwechsel bis heute überstanden hat. Aber Natur- und Umweltschutz ist auch in Russland umstritten, weil er die oft kommerziellen Interessen anderer begrenzen will. Was sich in den letzten 100 Jahren getan hat und wo bis heute noch Konfliktpunkte liegen.

Wo sich der Fluss Angara und Baikal treffen... liegt Listwjanka / Peggy Lohse

Wo sich der Fluss Angara und Baikal treffen… liegt Listwjanka / Peggy Lohse

Erst der Zobel, dann alle anderen

„Besonders geschützte natürliche Territorien“ (OOPT) – so lautet der russische Fachbegriff für das hiesige Naturschutzsystem aus National-, Naturparks und Biosphärenreservaten. Knapp 11,5 Prozent des russischen Territoriums insgesamt stehen irgendwie unter Naturschutz, das entspricht in etwa der Fläche Mexikos. In diesem Jahr begehen Umweltschützer und -ministerium ein rundes Jubiläum: Vor 100 Jahren, im Januar 1917, ist noch per Zarenerlass der erste Nationalpark, das Bargusin-Naturreservat am nordöstlichen Ufer des Baikalsees, gegründet worden. Früher hatten einzelne Völker wie die Burjaten zwar ihre „heiligen Wälder“, in denen keine Bäume gefällt werden durften. Unter Peter dem Großen entstanden im Ural, der Wolgaregion und rund um St. Petersburg erste Schutzgebiete, wo Holz- und Wasserressourcen unangetastet bleiben sollten. Aber ein Reservate-System entstand eben erst 1917. Und der Grund war: der Zobel, dessen Fell in Russland in Form von Pelzmänteln und -accessoires so beliebt ist, musste dringend vor dem Aussterben bewahrt werden.

Die Ausläufer der Sajany am Baikalufer / Peggy Lohse

Die Ausläufer der Sajany am Baikalufer / Peggy Lohse

Heute gibt es – seit 2014 ein- schließlich der Krim – insgesamt 109 Nationalparks in Russland, unter Naturschutz stehen über 13 000 Zonen. Rechtlich gesehen, sind sämtliche dieser Naturschutzzonen Eigentum des russischen Staates und gehören zur staatlichen Stiftung für Naturreservate. Dennoch gibt es immer wieder Streit um diese Schutzzonen – ganz besonders wenn sie kommerziellen Interessen im Wege stehen. Und das tun sie oft.

Geld oder Grünzeug?

Klassische Beispiele sind der Streit um die geplante Nord- Stream-2-Pipeline durch den Kurgalskij-Park im Leningrader Gebiet. Oder auch um die arktische Inselgruppe Franz-Josef-Land im Nordpolarmeer. Nachdem Präsident Wladimir Putin 2013 versprochen hatte, die bis dahin bestehende Schutzzone zu erweitern, stellte sich nun 2017 heraus, dass in der Arktis ganze 12,5 Prozent ihren Sonderstatus verloren haben, und zwar auf Franz-Josef-Land. Für die russische Greenpeace-Filiale ist klar: Diesem Gebiet ist ganz im Sinne von Rosneft der Schutztitel aberkannt worden. Denn der staatliche Ölriese fördert in der Region aktiv das „schwarze Gold“.

Natur beschützen vor denen, die sie lieben?

Der zweite große Konfliktpunkt entsteht neben den Energiekonzernen immer wieder mit dem Tourismus. Einerseits wollen zum Beispiel die Bergregionen des Kaukasus den Binnentourismus ankurbeln und daran auch verdienen. Dafür war rund um Europas höchsten Berg, den 5642 Meter hohen Elbrus, 2010 das staatliche Strategieprogramm „Kurorte des Nordkaukasus“ aufgesetzt worden.

Von Berg- und Turmspitzen: Wie Inguschetien Touristen in den Kaukasus lockt

Dieses beinhaltet weitreichende Neubauten: Unterkünfte, Infrastruktur, Unterhaltungs- und Sportkomplexe. Allein das Projekt „Höhe 5642“ am Elbrus soll künftig bis zu 150 000 Menschen pro Tag aufnehmen können. Die als Grundlage solcher neuer Freizeitdörfer gegründeten „touristischen Wirtschaftszonen“ überschreiten oder stören aber immer wieder die Grenzen der benachbarten Naturschutzzonen. Und der Westkaukasus gehört auch zu den Unesco-Weltnaturerbestätten. Bislang gibt es keine Lösung, außer dass beide Seiten ständig jeden Bauschritt aushandeln müssen.

Wie viel kann und will der Mensch zurückstecken?

Noch schärfer wird der Streit zwischen Business und Umwelt aber, wenn nicht nur Firmen und Touristen, sondern auch ganz direkt die Einwohner von Schutzmaßnahmen betroffen sind. So schwelt auf der Baikalinsel Olchon seit Jahren ein ganz grundlegender Streit: Der Baikalsee ist einerseits die größte Süßwasserreserve der Erde. Viele hier vorkommenden Tier- und Pflanzenarten sind in der Welt einmalig. Durch mehrere Fabriken am Ufer war der See zu Sowjetzeiten stark verschmutzt worden. Die Population der Baikalrobben beispielsweise ging drastisch zurück. Klar, dass die Gegend intensiver geschützt werden muss.

Das Fischerdorf Chuschir, "Hauptstadt" der Baikal-Insel Olchon / Peggy Lohse

Das Fischerdorf Chuschir, «Hauptstadt» der Baikal-Insel Olchon / Peggy Lohse

Die andere Seite dieser Schutzmedaille brachten im Juni Bewohner Olchons in dem jährlichen „Direkten Draht“ zu Putin zum Ausdruck: Da sie mitten in der Schutzzone leben, dürfen sie nur begrenzt fischen, die Straßen nicht renoviert werden, außer ein paar UAZ-Bussen keine Autos verkehren. Beamte aus der Gebietshauptstadt Irkutsk kämen mit dem Hubschrauber.

Seit einigen Jahren gilt die strikte Wasserschutzzone des Baikals auch noch einige Kilometer auf dem Festland, sodass die Einheimischen – überwiegend Fischer, Landwirte oder Touristenführer – sich weder mit ihren Tierherden noch mit zusätzlichen Bungalows auf der Insel ausbreiten dürfen. Gleichzeitig ist aber eben diese Reinheit das wichtige Markenzeichen, welches jährlich tausende Touristen auch aus dem Ausland anzieht.

Schamanenfelsen auf der Baikal-Insel Olchon im Winter / Peggy Lohse

Schamanenfelsen auf der Baikal-Insel Olchon im Winter / Peggy Lohse

Nun ist bereits Ende 2016 eine Änderung zu dem seit 1995 bestehenden OOPT-Gesetz gebilligt worden, das besagt: Bei allen Verboten können durchaus Ausnahmen gemacht werden. Wenn es der vor Ort zu leistenden Umweltschutzarbeit dient. Oder wenn es der Präsident direkt veranlasst. Gleichzeitig aber, das betonte Murad Kerimow vom russischen Umweltministerium, sollen 2017, welches ja als „Umweltjahr“ (siehe auch Sonderausgabe «Business in Russland» zum Umweltjahr 2017) ausgerufen wurde, wenigstens sechs neue Naturparks entstehen.


Dreimal schön geschützt

1. Karelien, Nordrussland

Nordrussische Natur in Karelien / mayya666/pixabay

Nordrussische Natur in Karelien / mayya666/pixabay

In der nordrussischen Republik Karelien gibt es jeweils zwei Naturschutzgebiete und Nationalparks. Der Naturpark Kostomukschskij ist seit 1991 Teil des die Grenze zu Finnland überschreitenden Naturschutzgebietes „Druschba“. Auf karelischer Seite werden die einmalige Fauna der nördlichen Taiga sowie über 180 Vogelarten geschützt. Der Park besteht zu 65 Prozent aus Wald und Gesteinsmassiven, zu 23 Prozent aus Trinkwasserseen und zu 12 Prozent aus Moor.

Gegründet schon 1983, nahm er eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung eines umweltgerechten Tourismus ein. Seit 1994 werden im Parkzentrum Ausflüge, Seminare und ganze Sommerlager mit Programmen zur ökologischen Bildung durchgeführt. Mehrere Wanderrouten führen durch Wald und Moore. Die größte Bedrohung für den Park stellt wohl die holzverarbeitende Industrie dar.

2. Kamtschatka, Ferner Osten

Vulkan-Halbinsel Kamtschatka / Natalia Kollegova/pixabay

Vulkan-Halbinsel Kamtschatka / Natalia Kollegova/pixabay

Auf der fernöstlichen Halbinsel Kamtschatka gibt es insgesamt fünf Naturschutzzonen, davon zwei Reservate. Die weltweit einmaligen Vulkane gehören außerdem seit 1996 zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Halbinsel befindet sich direkt auf der Grenze zweier tektonischer Platten und in der Zone aktiver Vulkane: 30 sind noch aktiv, über 300 nicht. Der Kljutschewaskaja-Vulkan ist mit seinen 4750 Metern der höchste des gesamten eurasischen Kontinents.

Die Aktivität der Vulkane und die gleichzeitig vorhandenen Gletscher formieren die Landschaft ständig neu. Allerdings auch als mächtige Erdrutsche, die immer wieder Dörfer und Infrastruktur lahmlegen. Eine besonders heftige Erdrutschserie hatte 2014 beispielsweise das berühmte und bei Touristen beliebte Geysir-Tal zerstört.

3. Krasnojarsk, Sibirien

Das Naturschutzgebiet Stolby (deutsch: Felsen) liegt gerade einmal etwa zehn Kilometer vor den Toren der Millionenmetropole Kranojarsk und direkt am Ufer des Jenissejs. Es befindet sich damit an der Grenze zwischen den ebenfalls geschützten Sajany-Bergen, der sogenannten Waldsteppe und den südsibirischen Steppengebieten. Die höchsten Gipfel messen bis zu 700 Meter.

Für Touristen frei zugänglich ist nur ein kleiner Teil des über 60 000 Hektar großen Schutzgebietes. Dort darf gewandert, geklettert und Urlaub gemacht werden. Die Kernzone ist Förstern und Forschern vorbehalten. Die größte Gefahr ist die hohe Luftverschmutzung der Großstadt. Krasnojarsk gehört laut Umweltministerium zu den zehn dreckigsten Städten Russlands.

Peggy Lohse

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