Von Berg- und Turmspitzen: Wie Inguschetien Touristen in den Kaukasus lockt

Hören wir Kaukasus, denken wir sofort an steile Felswände, Tschetschenien-Kriege und -Flüchtlinge, Anti-Terror-Operationen des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB... Kann diese Region ein Tourismus-Zentrum werden? „Ja“, meinen und hoffen viele Menschen vor Ort, wie zum Beispiel in dem kleinen Bergort Armhi in der russischen Teilrepublik Inguschetien.

Panorama-Blick auf Egikal, die größte alte Wehrstadt Inguschetiens / Peggy Lohse

Panorama-Blick auf Egikal, die größte alte Wehrstadt Inguschetiens / Peggy Lohse

Armhi liegt etwa 1300 Meter über dem Meeresspiegel, etwas abgelegen als Ortsteil des Gemeindezentrums Dschejrach, das gerade einmal etwa 1800 Einwohner zählt, Tendenz steigend. Auf der anderen Talseite erhebt sich der Tafelberg auf über 3000 Meter, einst eine Kultstätte für heidnische Rituale der ansässigen Stämme.

Früher heilte man hier Kohlekumpel

Der Kurort Armhi wurde 1926 als Sanatorium für Bergarbeiter aus den Kohlegebieten Donbass und Kusbass gegründet. Behandelt wurden Asthma, Bronchitis sowie Tuberkulose. „Nach einer alten Studie des Setschenow-Instituts gibt es hier 30 bis 40 Prozent mehr Sonnenstunden als sonstwo in der ehemaligen Sowjetunion“, erzählt die heutige Direktorin der Anlage, Fatima Zokiewa, selbst Inguschin aus dem heute zu Nordossetien zählenden Wladikawkas, etwa 30 Kilometer von Dschejrach entfernt. Die Bergluft hier gelte als besonders rein, die Blüten einer lokalen Kiefernart sollen heilend wirken. „Und aus unseren Wasserhähnen kommt Quellwasser, das ist besonders gesund“, sagt sie.

Fatima Zokiewa auf ihrem Lieblingsbalkon in Armhi - mit Blick auf den Tafelberg / Peggy Lohse

Fatima Zokiewa auf ihrem Lieblingsbalkon in Armhi – mit Blick auf den Tafelberg / pl

Zokiewa war 1992 nach Moskau gegangen, wo sie die Gastronomie-Abteilung des Hotels „Rossija”, später die Haushaltsabteilung des Kremls leitete. In Armhi nennt man sie stolz die erfolgreichste Inguschin der Geschichte. Nun ist Zokiewa in Rente und hat im Dezember 2016 auf Einladung eines Verwandten und Investors den Hotelkomplex Armhi übernommen, um hier ein Tourismuszentrum aufzubauen.

Die ersten Skistrecken sind bereits befahrbar, außerdem werden – auch im Winter – fünf Trekkingtouren angeboten. Auf dem Gelände gibt es zwei Schwimmbäder, eine echte russische Sauna und mehrere kleine Holzbungalows. Eine Art „Fitness-Dorf“ soll in Armhi entstehen, dafür, sagt die Chefin, würden viele Wohlhabende, vor allem Frauen, durchaus eine Menge Geld ausgeben. „Natürlich hätte ich gern eine Fünf-Sterne-Einrichtung, aber das wird nicht morgen, nicht übermorgen“, schätzt sie. „Heute ist mir jeder Gast wichtig, egal wie viel Geld er hat. Wenn jemand zu uns kommt, dann rechnet er mit einem bestimmten Budget und hat dementsprechende Erwartungen.“

Der Kaukasus als Marke

Zokiewas Ideen sind natürlich nicht ganz neu: Die Kaukasus-Kurbäder Pjatigorsk, Kislowodsk und Mineralnyje Wody finden sich schon in Michail Lermontows „Helden unserer Zeit“ von 1840 als Erholungsorte für die von der Großstadt geplagten Adeligen. Neu aber ist, dass nur wenig oder gar nicht erschlossene Bergregionen ihr Publikum finden sollen. Die Gegend um Europas höchsten Berg, den 5642 Meter hohen Elbrus, sowie das Ski-Gebiet Archys (Karatschai-Tscherkessien) sind 2010 in das Regierungsprogramm „Kurorte des Nordkaukasus“ einbezogen worden. Wirtschafts- und Finanzministerium begründeten an mittlerweile sieben Orten in verschiedenen Republiken spezielle sogenannte „touristische Wirtschaftszonen“, um diese als ein republikenübergreifendes Konzept zu vermarkten und gemeinsame Standards bei Infrastruktur und Sicherheit einzuführen, die sich mit in- und ausländischen Touristenorten messen können.

Armhi ist seit 2012 Teil dieses Programms. Dazu wurde 2011 ein eigenes Tourismus-Komitee für die Republik Inguschetien eingesetzt. Seitdem wird das „Land der tausend Wehrtürme“, der mehrstöckigen Steinbauten, die teils seit dem 9. Jahrhundert am Fuße der Berge und kleineren Hügel stehen, aktiv beworben und auf nötigen Ausbau der Infrastruktur aufmerksam gemacht.

Geld allein reicht nicht

Die meisten der ältesten Turmanlagen seien leider „noch nicht ganz fertig zur touristischen Präsentation“, beklagt Marem Osdojewa vom Tourismus-Komitee. Allein der Museumspark Assa-Dschejrach mit den Orten Ersi, Targim und Egikal schlössen über 2000 Kulturdenkmäler ein. Um diese für Touristengruppen begehbar zu machen, müssten noch Reparaturen „an den Denkmälern selbst und den dazugehörigen Grundstücken“ vorgenommen werden.

Zokiewa sieht noch mehr Schwachstellen: „Bisher investieren wir zwar Materielles, vor allem Geld, aber am Service hapert es natürlich noch.“ Kellner, Köche und Hotelpersonal müssen professioneller werden, dafür will sie künftig sogar eigene Schulungen organisieren. Gastronomie-Profis aus Moskau, St. Petersburg oder auch dem erfahreneren, benachbarten Archys sollen dann die Angestellten in Armhi zu Fachkräften aus- und weiterbilden. „Begrüßung der Gäste, das Herumführen, Fragen beantworten und Wünsche erfüllen, und vor allem lächeln – das bringe ich ihnen noch bei“, sagt die rüstige Dame, die selbst seit Jahren die Sommer in Italien verbringt und mit europäischen Standards vertraut ist.

„Mir ist wichtig, dass Einheimische die Arbeitsplätze bekommen,
vielleicht auch aus patriotischen Gefühlen heraus.“

Die Inguschen, so sagt sie, seien ein „schönes, gutes und offenherziges Volk“. Das sollen auch die künftigen Besucher erleben.2016 kamen nach Angaben des Komitees etwa 40 000 Touristen nach Inguschetien. Im Februar 2017 ist der 3000er-Berg Gajkomd Austragungsstätte der russischen Alpinismus-Meisterschaften mit etwa 150 Kletterern.

Text und Bilder:  Peggy Lohse

In Zusammenarbeit mit dem Foto- und Blog-Projekt „Unbekannter Kaukasus“.

INFO Inguschetien
Gründung: 1992
Fläche: 3600 km2
Bevölkerung: 430000
Sprache: Inguschisch, Russisch
Hauptstadt: Magas
Anreise: per Flugzeug oder Zug über Nasran/Magas bzw. Wladikawakas
Für Ausländer reicht ein übliches Russlandvisum, nur für die Grenzregion muss spätestens einen Monat im Voraus ein Passierschein beim örtlichen Grenzschutz des FSB beantragt werden; das jeweilige Hotel, der Reiseveranstalter und das Tourismus-Komitee bieten Hilfe bei der Organisation an.

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