Alle meine Töchter: Rosnefts Pläne für Deutschland

Der Energiekonzern Rosneft hat große Pläne für seine neue deutsche Tochtergesellschaft. Auch andere russische Investoren haben trotz anhaltender Sanktionen das Interesse an Deutschland nicht verloren.

Im Mai eröffnete Rosneft seine Deutschland-Zentrale in Berlin. /Foto: Rosneft

Krisen und gegenseitige Sanktionen waren lange das bestimmende Thema in den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Die Prognosen waren düster, der Warenaustausch ging zurück. Seit einigen Monaten zeichnet sich eine Wende ab. Keine politische zwar – da sind die Fronten festgefahren. Aber in der Wirtschaft stehen einige Zeichen auf Austausch und Kooperation. Jüngste Beispiele sind die lange Liste von Verträgen, die Unternehmen beider Länder beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg unterzeichneten und die Gründung der „Rosneft Deutschland GmbH“.

Der teilstaatliche Ölkonzern setzt große Hoffnungen auf Deutschland. Er ist mit Beteiligungen an den Raffinerien Bayernoil bei Ingolstadt, PCK im brandenburgischen Schwedt und MiRO in Karlsruhe bereits das drittgrößte Unternehmen auf diesem Markt in Deutschland und beschäftigt dort eigenen Angaben zufolge 5000 Mitarbeiter.

Interesse am Tankstellennetz

Nun bündelt das Unternehmen sein bisheriges Deutschland-Geschäft unter dem Dach einer Tochtergesellschaft. Deren Zentrale wurde im Mai in Berlin eröffnet – in Anwesenheit von CEO Igor Setschin. Er kündigte an, Rosneft werde in den kommenden fünf Jahren 600 Millionen Euro in die Modernisierung seiner deutschen Raffinerien investieren.

Zudem hat Rosneft weitere Ambitionen in Deutschland. Als eine Möglichkeit nannte Setschin den Einstieg ins Tankstellennetz. Man könne zum Beispiel einen Teil des Netzes von Total übernehmen. Auch vom Ausbau des PipelineNetzes ist die Rede.

Russisches Kapital auf Umwegen

Für Andrej V. Zverev ist das eine gute Nachricht. Er ist Vorstandsmitglied im Verband der russischen Wirtschaft in Deutschland und ehemaliger Handelsvertreter der Russischen Föderation. Er kennt noch mehr aktuelle Beispiele russischer Investitionen in Deutschland – den Sanktionen zum Trotz: „In der Zeit nach 2014 ist der Zustrom von russischen Investitionen nach Deutschland nicht zurückgegangen“, sagt Zverev. Auch sei russisches Kapital auf deutscher Seite weiterhin willkommen.

Wobei das Geld nicht immer direkt aus Russland stammt. Sondern manchmal auch aus Unternehmen russischer Investoren, die ihren Sitz zum Beispiel in der Schweiz oder auf Zypern haben. So hat etwa das holzverarbeitende Unternehmen Ilim Timber Kapital aus der Schweiz in Wismar und in Landsberg am Lech investiert.

Warum bei Schalke nur „Gazprom“ auf den Trikots steht

Mehr als 2500 Unternehmen Am meisten russisches Kapital fließt jedoch Zverev zufolge in kleine und mittlere Unternehmen. Das können zum Beispiel Beteiligungen an Lebensmittelgeschäften, Tankstellen oder Immobilien sein. Statistisch ist das schwer zu erfassen. Im Jahr 2014 schätzte das Handelsbüro der Russischen Botschaft in Deutschland laut Zverev, dass mehr als 2500 Unternehmen und Banken mit russischer Beteiligung in der Bundesrepublik aktiv waren. Bei etwa 1000 dieser Firmen habe die russische Beteiligung mehr als 25 Prozent betragen.

Zu ihnen gehört auch die Gazprom Germania, eine hundertprozentige Tochter des größten russischen Unternehmens. Sie ist seit 1990 in Deutschland aktiv, bis 2006 als Zarubezhgaz-Erdgashandel-Gesellschaft. Unter anderem ist sie dafür zuständig, das Sportsponsoring umzusetzen, „im Auftrag des Mutterkonzerns“, wie es heißt. Daher steht auf den Trikots von Schalke nur „Gazprom“ ohne Germania. Zuletzt gründete Gazprom Germania im August eine Tochter für die Aktivitäten auf dem Markt für Erdgas als Kraftstoff. Diese betreibt in Deutschland derzeit 50 Erdgastankstellen. Was die künftige Organisation des Deutschland-Geschäfts und die Rolle von Gazprom Germania im Konzern angeht, gibt sich das Unternehmen derzeit bedeckt.

Verträge im Akkord

Dass das Interesse an Austausch und Kooperation auf Gegenseitigkeit beruht, zeigte sich Anfang Juni beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg. Nicht nur Außenminister Sigmar Gabriel und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer waren zu Gast. Mit Verträgen im Gepäck reisten auch zahlreiche Vertreter großer deutscher Unternehmen an. So unterzeichnete zum Beispiel der Baumaterialhersteller Knauf eine Investitionsvereinbarung über 55 Millionen Euro mit dem Gebiet Leningrad. Gleich mehrere Vereinbarungen schloss Siemens ab, darunter eine Absichtserklärung für die Herstellung neuer Lastotschka-Züge für Fernstrecken. Außerdem will der Konzern künftig mit Gasprom Neft in den Bereichen Energie, Bergbau und Transport kooperieren.

Einen Großauftrag für eine Olefinanlage in Tatarstan erhielt der Technologie-Konzern Linde. Mehrere Abkommen unterzeichnete auch der Softwarehersteller SAP. Der Chemiekonzern Bayer vereinbarte ein gemeinsames Projekt mit der Moskauer LomonossowUniversität. Und die Schaeffler Gruppe will künftig mit der Föderalen Agentur für Mittelstandsentwicklung in Russland gemeinsam nach lokalen Zulieferern suchen und diese entwickeln.

Von Corinna Anton

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