Zukunft auf historischem Grund: Kaliningrads Neue Synagoge

Kaliningrad hat wieder eine Synagoge. 80 Jahre nachdem die Nationalsozialisten den Vorgängerbau zerstörten, wurde das neue Gotteshaus am 8. November eingeweiht. Die MDZ sprach mit der Architektin Natalja Lorenz über das Gebäude, den Baufortschritt und die zukünftigen Planungen.

Synagoge

Von außen erstrahlt die Synagoge bereits in neuem altem Glanz © Daniel Säwert

Frau Lorenz, macht es Sie stolz, dass Sie als Architektin der Neuen Synagoge ausgewählt wurden?

Ja! Für mich war es sehr wichtig, dass ich die Synagoge bauen durfte. Das liegt vor allem an meiner eigenen Familiengeschichte. Mein Vater ist Deutscher, gläubiger Katholik. Meine Mutter wiederum ist Jüdin. 1992 sind wir aus Kasachstan nach Kaliningrad gekommen. Damals gab es hier keine Gotteshäuser. Ich habe mich sofort am Bau einer katholischen Kirche beteiligt, für meinen Vater. Und jetzt die Synagoge für meine Mutter.

Die Konzeption der Synagoge ist sehr nah an das Originalgebäude angelehnt. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Die Neue Synagoge steht auf historischem Grund. Es ist das Gelände, das früher schon einmal der jüdischen Gemeinde gehörte. Und es ist der Ort, an dem die Vernichtung der europäischen Juden begann. Genau hier haben die Nationalsozialisten, neben Berlin und München, begonnen, ihren Plan des Holocaust umzusetzen.

Auch nach der Zerstörung der Synagoge war der Ort selbst für die Menschen wichtig. Es gab immer welche, die dorthin gegangen sind. Mit dem neuen Bau wird den Gläubigen ihr alter Ort wieder zurückgegeben. Besonders diejenigen, die sich noch an die alte Synagoge erinnern, haben sich gefreut.

Viele Synagogen werden als moderne Gebäude geplant. War das keine Option?

Das hat viel mit dem Ort zu tun. Die alte Synagoge war ein Unikat und eine der schönsten Synagogen Europas. Während des Wettbewerbs für das neue Gebäude wurde sehr schnell klar, dass man ein Denkmal errichten möchte. Ein modernes Gebäude, wie es beispielsweise in Deutschland der Fall ist, hätte nicht in diese Konzeption gepasst.

Aus Deutschland haben Sie bisher keine Unterstützung bekommen. Warum?

Für den Bau gab es überhaupt keinerlei staatliche Unterstützung, auch nicht aus Russland. Eher im Gegenteil, wir mussten beispielsweise das Land vor Gericht einklagen. Ein langwieriger Prozess. Ansonsten war die größte staatliche Hilfe, dass man sich nicht groß eingemischt hat.

Das Geld für den Bau kam ausschließlich von Privatpersonen, allen voran von unserem Mäzen Wladimir Kazman. Wir sind froh über die Gelder, aber es reicht natürlich nicht. Deswegen hat sich der Bau auch über viele Jahre verzögert und ist immer noch nicht fertig.

Was finanzielle Unterstützung aus Deutschland betrifft, so hoffe ich, dass bald etwas kommt. Ich habe auch schon Ideen, wie man das Geld konkret einsetzen könnte. Es gibt für mich zwei Gründe, warum sich Deutschland an dem Bau der Synagoge beteiligen muss. Zum Einen verstehe ich einen Beitrag als Kompensation für die Zerstörungen, die 1939 und danach angerichtet wurden. Und dann ist ja auch noch das deutsche kulturelle Erbe vorhanden. Hier in Kaliningrad ist man an einem Wiederaufbau interessiert, um einen Ort zu schaffen, der deutsch wirkt. Und da gehört für mich die Synagoge dazu.

Es soll ein gesamtes jüdisches Viertel entstehen. Was noch?

Es sind noch zwei weitere Gebäude geplant. Am Ende soll wieder ein jüdisches Viertel mitten in der Stadt entstehen. Es wird ein Handelszentrum geben. Das wurde von vielen kritisiert. Sicherlich wäre es schön gewesen, hätten wir einen Ort erschaffen können, der nicht kommerziell ausgerichtet ist. Aber das war eine Vernunftsentscheidung. Wir haben nicht so viel Geld und sind bemüht, dieses mit Bedacht einzusetzen. Und kommerzielle Einrichtungen helfen uns bei der Finanzierung der Gemeindearbeit.

Wann ist mit der endgültigen Eröffnung zu rechnen?

Das ist schwer zu sagen. Letztendlich hängt alles vom Geld ab. In diesem Jahr wollen wir die Fassade beenden. Die Eröffnung wird nach und nach vollzogen. Die Sabbat-Feiern finden bereits hier statt. Auch der Kindergarten funktioniert schon. Das ist uns besonders wichtig. Denn ohne Kinder gibt es keine Zukunft.

Die Fragen stellte Daniel Säwert

Neue Synagoge Kaliningrad 

Die Neue Synagoge Kaliningrads befindet sich im historischen Zentrum der Stadt, gegenüber dem Dom. Der Bau nahm insgesamt sieben Jahre in Anspruch. Äußerlich ähnelt das Gebäude der früheren Synagoge, ist in seinen Ausmaßen aber zehn Prozent kleiner. Im Inneren finden 2000 Personen Platz. Neben zwei Gebetsräumen sollen zukünftig auch eine Bibliothek, ein Kindergarten und eine Schule eingerichtet werden. Außerdem sind ein Raum für Armenspeisung und ein koscheres Restaurant vorgesehen.

 

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