Unaufhaltsam dem Verderben entgegen

Die Schlacht um Stalingrad gilt in Deutschland als der Inbegriff der militärischen Katastrophe. Doch schon einmal zuvor, in Napoleons Russlandfeldzug von 1812, erlitten deutsche Truppen eine traumatische Niederlage im Osten. Bei der Erinnerung daran taten sich vor allem Württemberger hervor. Dabei wollte deren König diesen Krieg überhaupt nicht.

Die Bilder des württembergischen Malers Wilhelm von Faber du Faur illustrieren zahlreiche Publikationen zum Russlandfeldzug 1812. Hier ist der Übergang über die Beresina zu sehen.
Die Bilder des württembergischen Malers Wilhelm von Faber du Faur illustrieren zahlreiche Publikationen zum Russlandfeldzug 1812. Hier ist der Übergang über die Beresina zu sehen. (Bild: Wikimedia Commons)

„Wir trafen von Dorogobusz an überall viele, oft sehr viele Soldaten, die an der Straße aus Entkräftung liegen geblieben, und aus Mangel an Hülfe gestorben waren. So wie die Kräfte der Menschen schwanden, ebenso schwanden die der Pferde dahin.“ So erinnerte sich der württembergische Offizier Heinrich Vossler an den Hochsommer 1812. Sein Kavallerieregiment befand sich dabei nicht etwa auf dem Rückzug, sondern auf dem Ritt gen Moskau. Dort sollte es auf den Hauptteil der Armee Napoleons treffen, die neben französischen unter anderem aus polnischen, sächsischen, westfälischen und württembergischen Regimentern bestand.

Napoleons Hoffnung, den Krieg in der Schlacht um Smolensk Mitte August zu entscheiden, hatte sich zerschlagen. Er befahl den Vorstoß nach Osten. Dabei hatte ihn der Weg bis dahin schon Tausende Soldaten gekostet. Mehr als durch Kampfhandlungen starben an Mangel und Krankheit. Von den rund 10.000 Mann der württembergischen Infanterie waren bis August nur noch 4.000 einsatzbereit obwohl sie kaum in Gefechte verwickelt waren. Vossler berichtet von „Fleisch von schlechtem, abgetriebenem Rindvieh“ und „faulem Wasser“, das ihm und seinen Kameraden zusetzte.

„Unaufhaltsam ging die ganze Armee ihrem Verderben entgegen, aber allgemein war der Glaube und die Hoffnung, die Eroberung der Hauptstadt Moskau oder Petersburg müsse den Frieden bringen, und die Übriggebliebenen vom Untergange retten.“

Erinnerungen eines Kavallerie-Offiziers

Vossler sollte einer der wenigen sein, für die sich diese Hoffnung erfüllte. In der Schlacht von Borodino wurde er am Kopf verwundet. Im Feldlazarett erholte er sich soweit, dass sich wieder selbständig fortbewegen konnte. Er wurde zu einem Erkundungsritt geschickt: „Bald erreichte ich das Schlachtfeld, zuerst einzelne Leichen, darauf ganze Haufen. Kaum fand mein Pferd Raumes genug für seine Tritte, oft mußte ich über die Leichname wegreiten. Hier hatte die württembergische Infanterie den härtesten Strauß zu bestehen gehabt, und hier traf ich hunderte von Leichen in württembergischen Uniformen. Lange hielt der grauenvolle Anblick mich gefesselt, und tief prägte sich mir die furchtbare Scene ein. Noch im spätesten Alter werde ich ihrer nur mit Schaudern gedenken.“

Eindrucksvoll sind auch Vosslers Schilderungen vom Übergang über die Beresina, als sich die Grande Armée – oder was davon übrig war – im November 1812 zurückzog. Russische Truppen im Nacken, flüchteten die Verbände über zwei Behelfsbrücken, deren eine bald einstürzte.

„Unabsehbare Massen von Menschen, Pferden und Wagen wälzten sich der andern Brücke zu. Fürchterlich war das Gedränge, unzählige Menschen und Pferde wurden erdrückt, zertreten. Die Brücke war so schmal, daß nur zwei bis drei Menschen nebeneinander sie begehen konnten. Schnell eilte, wer sie einmal erreicht hatte, vorwärts, aber nicht schnell genug für die Nachkommenden. Am Eingange der Brücke suchten Gendarmen und Officiere Ordnung zu halten, aber fruchtlos war ihre Mühe gegen den immer stärker werdenden Andrang. Manche, die auf der Brücke weniger eilten, wurden von den Nachrückenden in das Wasser gestürzt. Viele wateten in den Fluß, um von hier aus die Brücke zu ersteigen, manche wurden durch Bajonetstiche und Säbelhiebe wieder zurückgestoßen, und manche büßten neue Versuche mit dem Leben.“

Viele Memoirentexte stammen aus Württemberg

Der gesamte Feldzug war zum Himmelfahrtskommando geraten. Von den 15.800 württembergischen Soldaten waren nach dem Feldzug nur noch rund 300 diensttauglich, 700 weitere überlebten verwundet oder in Gefangenschaft. Nach seinem Militärdienst schlug Heinrich Vossler eine Beamtenlaufbahn ein – und er schrieb seine Erinnerungen an den Feldzug nieder.

Diese hat Wolfgang Mährle, Archivar und Historiker beim Hauptstaatsarchiv Stuttgart, zwei Jahrhunderte später in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut Moskau neu veröffentlicht – in deutscher und russischer Sprache. Er hat sich intensiv mit den Erinnerungen württembergischer Soldaten in Napoleons Feldzug beschäftigt und 2012 im Hauptstaatsarchiv Stuttgart die Ausstellung „Armee im Untergang. Württemberg und der Feldzug Napoleons gegen Russland 1812“ kuratiert.

„Gemessen an der relativ überschaubaren Zahl an Soldaten gibt es in Württemberg sehr viele Memoirentexte, die zumeist aus der Feder von jüngeren Offizieren oder von Ärzten stammen“, sagt er. Besonders hervorzuheben sei zudem der Offizier und Maler Christian Wilhelm von Faber du Faur, dessen Bilder fast jede Publikation zum Feldzug von 1812 illustrierten.

Ein kollektives Trauma für die Bevölkerung

So haben Württemberger einen enormen Anteil an der Erinnerungskultur an einen Krieg, den der damalige Herrscher am liebsten verhindert hätte. „König Friedrich war gegen den Krieg gegen Russland und hat dies Napoleon auch wissen lassen. Zum einen bestand eine enge dynastische Verbindung der Häuser Württemberg und Romanow, zum anderen konnte er politisch auch im Falle eines französischen Sieges nichts gewinnen, schlimmstenfalls jedoch viel verlieren“, so Wolfgang Mährle. Doch der Schwabe musste sich fügen.

Der Verlust blieb für lange Zeit ein kollektives Trauma für die württembergische Bevölkerung. Dies umso mehr, als das Land nach Napoleons Niederlage in der Völkerschlacht von Leipzig 1813 die Seiten wechselte. Friedrich starb Ende Oktober 1816, sein Sohn Wilhelm hatte bereits einige Monate zuvor die Zarentochter Katharina Pawlowna geheiratet. Eine politische Auseinandersetzung mit dem Feldzug von 1812 war daher nicht erwünscht, so Wolfgang Mährle. Die Veteranen hätten die Ereignisse stattdessen häufig als „gottgegebenes Schicksal“ interpretiert, das es zu bestehen galt.

Der Seitenwechsel Württembergs hatte für den Kavalleristen Heinrich Vossler immerhin etwas Positives: Er wurde wie die anderen Württemberger Gefangenen in die Heimat entlassen, nachdem sein Land wieder auf der „richtigen“ Seite stand.

Jiří Hönes

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