Wladiwostok: Ein Fotomodell von Stadt

Der Fotograf Slawa Stepanow aus Nowosibirsk hat sich auf Luftaufnahmen russischer Städte spezialisiert. Seine jüngsten Bilder von Wladiwostok sind umwerfend. Doch die Begeisterung des Autors für die östlichste Großstadt Russland hat durchaus ihre Grenzen.

Blick über die Innenstadt von Wladiwostok. Links die Goldene Brücke, am Horizont die Russische Brücke. © Slawa Stepanow

Wladiwostok war immer ein Sinnbild für die Dimensionen Russlands. Die chinesische Grenze ist 50 Kilometer entfernt, die nord­koreanische 100 Kilometer. Bis nach Japan sind es nur 650 Kilometer Seeweg, sodass von dort regelmäßig Schiffe mit Gebrauchtwagen anlegen, weshalb ein Großteil  der 605.000 Einwohner Autos mit Rechtslenkung fährt.

Moskau und Wladiwostok trennen dagegen 9288 Schienenkilometer auf der Transsibirischen Eisenbahn, für die der Schnellzug „Rossija“ 144 Stunden benötigt. Der Zeitunterschied beträgt sieben Stunden – so viel wie zwischen Berlin und Chicago. Ist die Stadt am Pazifik, 1860 als östlichster Vorposten des Zarenreichs gegründet und spektakulär um Buchten herum, auf Inseln und  zwischen Hügeln gelegen, also eine ganz andere Welt?

Ja und nein, findet Slawa Stepanow. Der Fotograf aus Nowosibirsk hat schon viele russische Städte per Drohne aus der Luft abgelichtet und auch Wladiwostok über die Jahre immer wieder besucht, angefangen 2010. Unlängst ist eine neue Serie von Fotos in seinem Blog gelio.livejournal.com erschienen. Sie zeigt Wladiwostok in einem überaus vorteilhaften Licht. Und während viele Städte in Russland einander ähnelten, so habe diese tatsächlich ein ganz eigenes Flair, sagt Stepanow. Oft heißt es, Wladiwostok sei Europa mitten in Fernost. Diese Einschätzung teilt der junge Sibirer nicht. Ihn erinnert die Stadt mit ihrer dichten Besiedlung und ihren Kontrasten eher an Hongkong.

Gleichzeitig habe Wladiwostok mit anderen russischen Städten gemeinsam, dass es am Verkehr leide und für die Bewohner relativ ungemütlich sei. Was man von oben nicht sehe: „Die Stadt ist für wen auch immer, nur nicht für die Menschen gemacht. Priorität genießt der Verkehr und die Autofahrer fühlen sich wie die Hausherren.“ Oft gebe es keine Bürgersteige und wenn, dann seien sie zu schmal. Selbst die Straße zu überqueren, könne zum Problem werden.

Die Russische Brücke zur Insel Russkij gehört zu den größten Schrägseilbrücken der Welt. © Slawa Stepanow

Visuell sei die Stadt aber auf jeden Fall ungeheuer reizvoll. „Es ist kaum Architektur aus der Stalin­zeit vorhanden. Alte Bebauung von Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts geht deshalb relativ nahtlos in neue Hochhäuser über.“ Die Altbausubstanz ist dabei beträchtlich. Unweit des attraktiven Bahnhofs, für den 1891 der spätere Zar Nikolaus II. den Grundstein legte, findet sich an der zentralen Swetlanskaja-Straße das ehemalige Kaufhaus Kunst und Albers, einst gegründet von den Deutschen Gustav Kunst und Gustav Albers. Der 1907 vollendete Prachtbau im Jugendstil gehört zum Schönsten, was Wladiwostok zu bieten hat. Heute beherbergt er das „Große GUM“. Zuletzt wurde das Kaufhaus innen und außen aufwendig rekonstruiert und erstrahlt nun in altem Glanz.

Das Stadtbild „kolossal verändert“, so Stepanow, habe 2012 der Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft auf der innerstädtischen Insel Russkij. Aus diesem Anlass wurden unter anderem zwei stolze Brücken errichtet, die seitdem den Fährverkehr ersetzen. Die Gebäude, in denen der Gipfel tagte, bezog später die neu gebildete Fernöstliche Föderale Universität. Die Fahrzeit von der Insel Russkij ins Zentrum verkürzte sich von früher drei Stunden auf 20 Minuten.

Tino Künzel

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