Wie ein Baltendeutscher die Antarktis entdeckte

751 Tage in Schnee, Eis und Sturm: Die erste russische Anarktisexpedition unter der Leitung von Fabian Gottlieb von Bellingshausen. (Foto: MDZ-Montage)

Am 69-ten Grad südlicher Breite war plötzlich Schluss. Vor dem schwankenden Bug der „Wostok“, die seit Wochen durch die rauen Gewässer des südlichen Eismeers kreuzte, wuchs eine gigantische Eiswand aus den Fluten. Dahinter erstreckte sich eine von Schnee bedeckte, baumlose Wüste. Durch das Fernrohr waren einige Berghänge und vereinzelte große, kahle Felsen auszumachen. Die russische Korvette drehte bei, um nach einer Passage Richtung Süden zu suchen. Doch an der Eiswand gab es kein Vorbeikommen.

Pinguine im Logbuch

Fabian Gottlieb von Bellingshausen war das gewaltige Hindernis allerdings keine besondere Erwähnung wert. In seinem Logbucheintrag beschreibt der Kapitän ausführlich die schlechten Wetter- und Windverhältnisse, notiert die Sichtung eines Albatrosses und anderer Vögel, erwähnt die Rufe zahlreicher Pinguine. Dabei hatte der deutschbaltische Seefahrer an diesem 28. Januar 1820 als vermutlich erster Mensch das Schelfeis erblickt, das wie ein dicker Panzer die Antarktis umgibt. Bellingshausen gilt damit als Entdecker des Kontinents. Einen Fuß setzte er in die eisige Einöde allerdings nie. Heftige Stürme, Schnee, Nebel und Packeis verhinderten ein Anlegen. Die Entdeckung der kalten Landmasse war indes kein Zufall. Denn Bellingshausen leitete die erste Russische Antarktisexpedition, die Zar Alexander I. im Sommer 1819 auf die Beine stellte. Mit der Entdeckungsfahrt wollte der ehrgeizige Herrscher den Briten zuvorkommen. Russlands traditionelle Konkurrenten auf den Weltmeeren suchten schon seit Längerem nach dem geheimnisvollen Kontinent im Süden, über dessen Existenz bereits in der Antike spekuliert wurde. Im Jahr 1773 hatte sich der britische Kapitän James Cook der antarktischen Küste auf gut 120 Kilometer angenähert, bevor er wegen des üblen Klimas wieder abdrehen musste. Ein weiterer Vorstoß der Briten schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Die Russen mussten sich beeilen.

Kurs Südpolarmeer


Und so stachen am 16. Juli 1819 die Segelschiffe „Wostok“ und „Mirnij“ unter dem Kommando von Bellingshausen in See. Der in Estland geborene Spross einer deutschen Adelsfamilie war auf nachdrückliche Empfehlung des legendären Flottenadmirals Krusenstern zum Expeditionsleiter bestimmt worden. Bellingshausen, der nach langen Dienstjahren besser Russisch als Deutsch sprach, gehöre zu den tatkräftigsten und erfahrensten Offizieren der Flotte. Zunächst nahmen die Schiffe Kurs auf die brasilianische Küste. Anfang November erreichten sie den Hafen von Rio de Janeiro, bunkerten noch mal reichlich Proviant – und setzten dann endgültig Segel in Richtung kältere Gefilde. Auf Höhe der Inselgruppe Südgeorgien gerieten die Russen zum ersten Mal zwischen Eisberge, passierten wenig später die von James Cook entdeckten Sandwichinseln und erreichten im Januar 1820 schließlich den antarktischen Schelfrand. Nach einer längeren Verschnaufpause im australischen Port Jackson stachen die Seefahrer Ende des Jahres wieder in Richtung Südpolarkreis in See. Doch ein Leck in der Wostok machte den Entdeckern einen Strich durch die Rechnung – und zwang sie zur vorzeitigen Umkehr. Nach insgesamt 751 Tagen liefen die beiden Schiffe wieder in Kron­stadt ein. Zar Alexander I. bereitete Bellingshausen und seiner Mannschaft einen triumphalen Empfang.

Birger Schütz

Antarktis – und nun? Moskaus Interesse am Südkontinent

Riesig und menschenleer: Die Antarktis wirkt nicht besonders einladend. Doch russische Wissenschaftler trotzen der Einöde seit Jahrzehnten Erkenntnisse ab. Was sie dabei interessiert, verrät Antarktisspezialist Walerij Lukin.

Russland unterhält in der Antarktis insgesamt fünf durchgängig besetzte Forschungsstationen. Wozu so viel Aufwand?
Ein Grund ist die Erforschung des Klimas. Dessen Veränderungen haben großen Einfluss auf unsere nationale Sicherheit. Denn 65 Prozent Russlands sind von Permafrost bedeckt. Schmilzt das Eis, kann das katastrophale Auswirkungen für unsere Wirtschaft, Infrastruktur und Siedlungen haben. Doch das Klima verändert sich nicht nur den Einfluss des Menschen. Auch kosmophysikalische Faktoren wie beispielsweise Änderung in Intensität der Sonnenstrahlung können einen klimatischen Wandel bewirken. In der Antarktis gibt es weder Industrie noch Landwirtschaft und wir können solche Faktoren und ihre Auswirkungen in Reinform untersuchen.

Womit beschäftigen sich die russischen Antarktisforscher im Moment ganz konkret?
Tatsächlich mit Klimafragen. Zur Zeit erforschen unsere Wissenschaftler vor allem uralte Eisschichten. Dabei können wir Kenntnisse über frühere Wetterschwankungen gewinnen. Diese helfen uns wiederum dabei, genauere Prognosen zur weiteren Entwicklung des Klimas zu treffen. Außerdem befassen wir uns mit dem Weltraumwetter, also beispielsweise Veränderungen des Sonnenwindes und deren Auswirkungen auf das Magnetfeld der Erde. Vom Nordpol aus sind uns solche Forschungen nicht möglich, da dieser sich in der Nähe von Grönland und damit außerhalb Russlands befindet. Am Südpol ist diese Möglichkeit aber gegeben. Hier können wir den Einfluss auf den Südpol direkt von unserer Forschungsstation „Wostok“ aus unter die Lupe nehmen. Damit lässt sich die Entwicklung des Weltraumwetters und dessen Einfluss auf Russland prognostizieren. Das ist für Navigationssysteme und die Verlegung von Hochspannungsleitungen wichtig.

Gibt es noch andere Gründe für Moskaus Präsenz in diesen eisigen Breiten?
Der zweite Grund ist das russische Weltraumprogramm. Wegen der Erdkrümmung ist eine Beobachtung des nahen Kosmos südlich des 30. Breitengrades von Russland aus nicht möglich. Deshalb organisiert Russland das entsprechende Monitoring auf der Südhalbkugel – eben auf unseren Stationen in der Antarktis.

Das Gespräch führte Ljubawa Winokurowa.

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