Wie der Weihnachtsbaum nach Russland kam – und zum Neujahrsbaum wurde

Was wäre Silvester ohne Tannengrün? Das dachte sich auch Peter der Große vor über 300 Jahren und nötigte seinen Untertanen den stacheligen Schmuck als Attribut des Festes geradezu auf. Allerdings musste er dem Volk erst einmal erklären, was es am Jahreswechsel überhaupt zu feiern gab. Bis dahin war das unüblich gewesen.

Der Weihnachtsbaum steht zwar auch in Russland zu Weihnachten, das aber erst am 7. Januar gefeiert wird und in den Neujahrsfeierlichkeiten untergeht, deren Attribut die „Jolka“ als umgedeutete Silvestertradition ist. Es ist alles kompliziert. (Foto: Tino Künzel)

Die Tradition, den Anbruch eines neuen Jahres auf spezielle Weise zu begehen, schaute sich Zar Peter der Große in Europa ab. Er verfügte nicht nur, dass Russland nach einer neuen Zeitrechnung zu ticken habe, womit das  Jahr 7209 zum Jahr 1700 wurde, sondern verlegte auch den Jahresanfang vom 1. September auf den 1. Januar. Gleichzeitig forderte der westlich orientierte Herrscher seine Landsleute auf, ihre Häuser und den Festtagstisch mit Tannenzweigen zu schmücken.  

„Jolka“ mit deutschen Wurzeln

Nach Peters Tod gerieten solche Rituale gleich wieder in Vergessenheit, bis ihnen Alexandra Fjodorow­na, die Gattin von Zar Nikolaus I., ein ganzes Jahrhundert später neues Leben einhauchte, allerdings zu Weihnachten. Die Deutsche, 1798 als Friederike Luise Charlotte Wilhelmine von Preußen in Potsdam geboren, führte am Hof den Brauch ein, Tische mit Gestecken aus Tannenzweigen zu dekorieren. Auf ihre Initiative hin wurde im Anitschkow-Palais in St. Petersburg 1819 auch der erste Weihnachtsbaum aufgestellt. Doch im zaristischen Russland blieb es der privilegierten Adelsschicht vorbehalten, die Feiertage mit einem geschmückten Baum zu verbringen.

Die erste öffentliche „Jolka“ konnte 1852 im Gebäude des damaligen Jekaterinen-Bahnhofs (heute Moskauer Bahnhof) in St. Petersburg bestaunt werden. Von da an verbreitete sie sich auch in der Provinz, vor allem in Städten mit einer starken deutschen Diaspora.

Und wo ein Weihnachtsbaum ist, da braucht es Schmuck. Den ließ man sich zunächst aus Europa kommen, was indes ein sehr teures Vergnügen war. Außerdem wurde der Baum mit Süßigkeiten behängt: Konfekt, Lebkuchen und Nüssen. Zum Fest wurden sie dann unter den Kindern verteilt.

Mit der Zeit fanden sich Hersteller, die Weihnachtsbaumschmuck auch in Russland produzierten. Eine dieser Fabriken befindet sich bis heute in Klin nordöstlich von Moskau. Dort wurden Weihnachtsbaumkugeln, Märchenfiguren und Miniaturen von Alltagsgegenständen wie etwa dem Samowar aus Buntglas geblasen, während Glasperlenketten als Girlanden dienten.

Politbüro zum Fest

Glanz und Gloria: Tannenbaum auf dem Manegeplatz in Moskau (Foto: Tino Künzel)

Nach der Oktoberrevolution geriet Weihnachten alsbald in Verruf. Für die neue Sowjetmacht war es ideologisch untragbar und wurde in den 1920er Jahren abgeschafft. Damit war auch der Weihnachtsbaum tabu, aber ein paar Jahre später wieder da: Nun schmückte er die Neujahrsfeiern. Ab 1937 wurden aus diesem Anlass Kinder in den Säulensaal des Moskauer Gewerkschaftshauses eingeladen, wo eine große „Jolka“ stand. Ihre Dekoration ist noch heute bei Sammlern begehrt. So wurde eine Tannenbaumkugel mit den Por­träts der Mitglieder des Politbüros von 1937 unlängst für 58.000 Rubel verkauft, etwa 650 Euro.

Im Schmuck spiegelte sich die jeweilige Zeit. Zu Zarenzeiten waren noch Weihnachtsmotive wie der Stern von Bethlehem, Engel und Kinderfiguren vorherrschend. In den 1920 Jahren kamen dann Schneeflocken mit Hammer und Sichel und Sowjetsterne auf, später Pioniere mit Trompeten und Kugeln mit Abbildungen von Parteimitgliedern. 

Im Krieg und in der Nachkriegszeit wurde der Schmuck vorwiegend mit den eigenen Händen hergestellt – aus Pappe, Zigarettenpapier, Folie. Von Lichterketten konnte natürlich keine Rede sein. Man behalf sich stattdessen mit ausgeschnittenem Buntpapier in verschiedenen Formen.

In der Amtszeit von Nikita Chrusch­tschow, der die Landwirtschaft zu reformieren suchte, tauchten Agrarprodukte wie Mais und anderes Gemüse, Früchte und Beeren sowie Traktoren an den Tannenbäumen auf. Auch die Erschließung des Weltraums mit Kosmonauten und Sputniks wurde aufgegriffen. Meist kamen dabei Pappmaché und gepresste Baumwolle zum Einsatz, was der Haltbarkeit enge Grenzen setzte.

Die Massenproduktion von Tannenbaumschmuck begann Ende der 1960er Jahre. Zum Zwecke der maschinellen Fertigung wurden die Glaserzeugnisse maximal standardisiert. Ihre Preise sanken damit genauso wie ihre künstlerischen Eigenheiten. Unter Sammlern erfreuen sich deshalb jene Schmuckstücke besonderer Beliebtheit, die noch vor den 1960er Jahren hergestellt wurden.

Ljubawa Winokurowa

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