Invasion der blauen Trecker

Vom Frühjahr bis in den Herbst hinein schwärmt täglich ein Heer blauer Traktoren aus, um Moskaus Straßen mit Wasser zu besprengen. Manche wundern sich darüber, anderen ist es ein Ärgernis. Das nasse Treiben soll der Sauberkeit und dem Schutz vor Hitze dienen.

Der Winter hat sich zurückgezogen und blaue Frühlingsboten bevölkern Moskaus Straßen. Nicht nur Krokusblüten zieren die Grünstreifen, auch eine Flotte blauer Belarus-Traktoren knattert über den Asphalt der Hauptstadt. Im Schlepp führen sie knallorange lackierte Tankanhänger mit Wasser, das sie unentwegt auf die Straßen, Höfe und Gehwege sprühen. Mehrmals am Tag zeigt sich das Gespann unter meinem Fenster, ebenso wie eine kleine Kehrmaschine.

Die blauen Traktoren gehören zum vertrauten Bild in Moskau.
Die blauen Traktoren gehören zum vertrauten Bild in Moskau. (Foto: Jiří Hönes)

Auf breiten Straßen sind es orange Kamaz-Lkw, die das Wasser mittels Düsen auf den Asphalt bringen. Viele Moskauer wundern sich über das nasse Treiben. Das ständige Besprühen der Straßen erscheine ihr seltsam, sagt meine russische Kollegin. Andere sind geradezu genervt, insbesondere Autofahrer. Das Automagazin „Sa Rulem“ echauffierte sich etwa, die städtischen Fahrzeuge würden zum Verkehrschaos beitragen und überdies den Straßendreck nur verteilen, unter anderem auf die Autos anderer Verkehrsteilnehmer.

Es gab sogar schon Online-Petitionen, in denen gefordert wurde, die Bewässerung zu reduzieren. Alexander Sadunajskij etwa startete eine solche bei der Plattform „Demokrator“ und sprach von „einer Art manischer Leidenschaft zur Bewässerung der Straßen“.

Wasser gegen Staub und Hitze

Für regelmäßigen Spott sorgt zudem, dass die Besprühung der Straßen auch bei Regen stattfindet. Die Stadtverwaltung sah sich schon mehrmals gezwungen, dazu Stellung zu nehmen. Bei Regen sei es einfacher, hartnäckige Verschmutzungen von der Straße zu entfernen, erklärte auch die Nachrichtenagentur „RIA Nowosti“ in einem Video.

Fahrer Zufar, der in meinem Viertel unterwegs ist, hat seine feste Runde, die er Tag für Tag abfährt. Bei jedem Wetter. Die Besprengung der Gehwege und Höfe soll dafür sorgen, dass der Staub gebunden wird, sagt er. Auf breiten Straßen läuft ein Zusammenspiel von Sprühfahrzeugen und Kehrmaschinen. Erstere sprühen den Dreck an den Fahrbahnrand, letztere kehren ihn dort auf.

In den Sommermonaten dient das Wasser nicht zuletzt der Kühlung des Asphalts, wie der städtische Reinigungsbetrieb „GBU Awtomobilnyje Dorogi“ mitteilt. Ab einer Temperatur von 25 Grad wird zu alledem auch die Luft gekühlt, indem die Düsen der Sprühfahrzeuge gen Himmel gerichtet werden. So schafft es Moskau, auch bei herrlich trockenem Wetter eine schwüle Luft zu erzeugen.

Mit „Tornado“ gegen Straßendreck

Im Frühjahr werden Straßen und Gehwege zudem mehrmals mit einem Reinigungsmittel namens „Tornado“ behandelt, das Ölflecken und Abrieb von Reifen entfernen soll. Für Mensch und Umwelt völlig unbedenklich, wie die Stadtverwaltung wissen lässt.

Bei „GBU Awtomobilnyje Dorogi“ arbeiten insgesamt 28.000  Menschen, der Fuhrpark umfasst 6500 Spezialfahrzeuge. Mit diesen muss der Betrieb 42 Quadratkilometer Straßen- und Gehwegfläche reinigen. Wo mit Maschinen kein Durchkommen ist, wird zu Fuß gearbeitet.

Durch die Corona-Pandemie kam nun ein neues Einsatzgebiet für die Sprühflotte hinzu, die Desinfektion. Während viele Experten in Deutschland den Nutzen solcher Maßnahmen bezweifeln, hat Moskau am 1. Mai bereits die sechste großangelegte Desinfektionsaktion durchgeführt. „Normalerweise schreiten wir an diesem Tag, dem 1. Mai, diesem wundervollen Fest des Frühlings und der Arbeit, als Kolonne durch die Stadt. Heute ist eine andere Kolonne unterwegs, eine Kolonne aus Dienstfahrzeugen, die die Stadt desinfizieren. Nun, so sind die Zeiten. Aber ich bin mir sicher, dass wir auch wieder Feiertage, echte Feiertage haben werden“, sagte Bürgermeister Sergej Sobjanin in ungewohnt pathetischem Ton.

Auch das Wässern helfe gegen die Pandemie, meint Zufar. „Wir spülen die Viren einfach weg“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Jiří Hönes

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