Von Moskau nach Sergijew Possad: Die MDZ entdeckt Russland zu Fuß

Sergijew Possad nordöstlich von Moskau ist ein berühmter Pilgerort, beherbergt die Stadt doch mit dem Dreifaltigkeitskloster eines der größten Heiligtümer der russischen Orthodoxie. Auch aus Moskau kommen Gläubige seit Jahrhunderten hierher, um zu beten. In Anlehnung an den historischen Pilgerweg, den unter anderem auch die Zaren nahmen, haben Enthusiasten nun in den letzten Jahren abseits von Straße und Schiene eine Route eingerichtet, auf der Fußgänger vom Kreml zum Kloster gelangen können, seien sie Pilger, Wanderer oder Freizeitsportler. Die 120 Kilometer erfordern dabei mehrere Übernachtungen auf der Strecke oder jeweils eine Rückkehr nach Moskau. Die MDZ hat sie in fünf Etappen aufgeteilt und abwechselnd bewältigt. Was das für eine Reise war, lesen Sie hier.

Endpunkt der Reise: das Dreifaltigkeitskloster in Sergijew Possad (Foto: Tino Künzel)

Vom Roten Platz zum Moskauer Stadtrand. Igor Beresin

Pilgern. Wie komme ich denn nun bitteschön dazu? Die Antwort ist ein blauer Kia Rio, Jahrgang 2009, 1,4-Liter-Motor, 135.000 Kilometer Tachostand. Ich fahre nur noch und laufe nicht mehr. Aber heute werde ich Buße tun und halb Moskau zu Fuß durchqueren. Bangemachen gilt nicht. An den Start!

MDZ-Chefredakteur Igor Beresin am russischen Nullkilometer, der als Ausgangspunkt von Entfernungsangaben von und nach Moskau gilt. (Foto: Igor Beresin)

Da ist auch schon der Nullkilometer am Kreml. Von nun an ist die Karte im Smartphone mein Lotse. Fast so wie Virgil, der Dante auf seiner beschwerlichen Reise begleitete. Unterwegs warten eine Menge Versuchungen. Wie das Zentrale Kinderkaufhaus, mit dem so viel Hoffnung und Begeisterung verbunden ist. Gleich nebenan: die Erwachsenenwelt, der Sitz des FSB. Die Moral liegt auf der Hand: Kauft Spielzeug, aber haltet euch an die Spielregeln.

Nächste Station: die Sporthalle Olimpijskij. Besser gesagt ein Zaun, der Bautechnik und die Fassade des in Rekonstruktion befindlichen Runds verdeckt. Hier gibt es nichts zu sehen. Weiter geht es in Richtung Sternen-Boulevard, Fernsehturm und der unsterblichen Arbeiter-und-Bäuerin-Skulptur von Vera Muchina.

Die Kräfte schwinden, aber ich habe mein Pensum noch nicht bewältigt. Auf das Rostokino-Aquädukt folgt das Landgut Swiblowo. Was für ein toller Ort! Wie ist das eigentlich möglich, dass ich vorher noch nie hier war? Dabei wohnte zu meiner Studentenzeit ein Freund von mir ganz in der Nähe. Bei ihm haben wir uns oft zum Kartenspiel getroffen. Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie das Rätsel auflöst, mit strenger Stimme und lächelnden Augen (wie ihr das nur immer gelingt?): „Du hast ja lieber tage- und nächtelang mit deinen Kumpels beim Préférence gesessen.“ Widerspruch zwecklos, so war das.

Inzwischen habe ich es bis zur Kirche in Medwedkowo geschafft. Aber mir ist nicht mehr nach Architektur zumute, sondern nach dem Café nebenan. Diesmal siegt die Versuchung. Noch ein letzter Kraftakt und ich bin am Ziel.

Von Mytischtschi nach Puschkino. Jiří Hönes

Ich starte ganz unidyllisch beim Einkaufszentrum „Ijun“ am Stadtrand von Mytischtschi. Nachdem zahlreiche Fahrspuren überquert sind, tauche ich direkt in den Wald ein. Auf Markierungen brauche ich vorerst nicht zu achten, denn es geht fünf Kilometer geradeaus. Die Freude über die Waldesruhe hält nur kurz an, denn schon bald beginnen die Angriffe der Stechmücken, die hier in unzähligen Pfützen ihre Brutstätten haben. Wer stehen bleibt, der hat verloren, Mückenspray hin oder her. Also heißt es Laufen. Eindrücke nehme ich nur flüchtig auf, was angesichts des verbuschten Walds auch kein großer Verlust ist. Nach etwa einer Stunde kommt die rettende Waldlichtung und ich halte zum ersten Mal wieder an.

Nahe einer Siedlung mit dem Namen „Möbelfabrik“ geht es über eine verwilderte Wiese, auf der der Borschtschewik, wie die giftige Herkulespflanze hier genannt wird, verdächtig nah an den Trampelpfad herankommt. Doch ich kann mich hindurchschlängeln.

Die Umgebung von Moskau ist wald- und seenreich. (Foto: Jiří Hönes)

Hinter dem Kljasma-Stausee geht das nicht mehr. Ich kapituliere vor der Wildnis und kehre um. Die Alternativroute führt an der Straße entlang durch das Dorf Pirogowo. Ich will schon fluchen, doch der folgende Trampelpfad entlang des Flüsschens Kljasma ist wirklich sehr hübsch. Zwei ältere Damen nutzen das schöne Wetter zum Schwimmen, von einem Steg lassen sich Fische beobachten, eine Entenmami ist mit ihrem Nachwuchs unterwegs.

Kurz bevor der Fluss auf einem wackeligen Metallsteg überquert werden muss, grüßt von rechts die Burg der Ritter von Mytischtschi, könnte man meinen. Ein begüterter Mittelalterfreak hat sich hier sein Haus im Stil einer Ritterburg erbaut.

An einer kleinen Datschensiedlung mitten im Wald grasen Ziegen. Frisch geerntete Zwiebeln füllen den Laderaum eines Kleintransporters. Ab hier ist der Waldweg wieder bestens gangbar, auch eine Gruppe Radfahrer ist unterwegs, das Emblem des Pilgerwegs haben sie sich an die Rucksäcke geklebt.

Bei Puschkino folgt noch einmal ein malerischer Abschnitt am Fluss Utscha. Ein Schild mahnt, Landschaft und Fluss von Müll frei zu halten. Es wäre doch schön, wenn sich ein paar mehr Leute daran hielten. Die Masse an Chipstüten und Plastikflaschen im Schilf schmälert manchmal doch etwas das Vergnügen.

Dennoch, wie sich die Sonne über die Flusslandschaft senkt, ist ein schöner Abschluss des Wandertags. Nun muss nur noch der Ort durchquert werden und dann geht es mit der Elektritschka zurück in die Großstadt.

Von Puschkino nach Sofrino. Daniel Säwert

Als alter Pfadfinder bin ich gerne draußen unterwegs. Doch als ich zu meinem Startpunkt fahre, weiß ich noch nicht, wie sehr ich meinen Fährtensinn brauchen werde. In Puschkino heißt es erst einmal, den Weg zu finden. Markierungen oder Ausschilderungen gibt es im Ort nämlich keine. Doch dann endlich Natur. Ab in den Wald, den ich bis zu meinem Ziel in Sofrino kaum verlassen werde. Das erste Teilstück ist noch sehr parkähnlich und lässt sich wunderbar spazieren. Außer mir sind nur ein paar Frauen mit ihren Hunden unterwegs.

Nach einer Stunde werde ich wieder in die Zivilisation gespült. An der Datschensiedlung „Vermächtnis des Iljitsch“ (Sawety Iljitscha) führt der Weg malerisch an einem kleinen Bach entlang. Ein Rentnerpaar nutzt ihn für den Mittagsspaziergang. Von einem Pilgerweg wollen sie nichts wissen, sie diskutieren lieber fleißig über das Ende der Sowjetunion. Dort, wo die eine Siedlung in die nächste (mit dem Namen „Wahrheit“, Prawda) übergeht, liegt ein schöner kleiner Stausee, an dem ich Mittagspause mache. Dann ziehe ich frohen Mutes weiter, zunächst recht unromantisch unter Hochspannungsleitungen hindurch. Immer tiefer in den Wald, in dem sogar ein alter Pfadfinder ab und zu die Orientierung verliert. Denn immer wieder sind die Markierungen an den Bäumen nicht dort, wo laut meiner Karte der Weg langführt.

Auf die Birkenbestände in der Moskauer Region ist Verlass. (Foto: Daniel Säwert)

Alles halb so schlimm eigentlich. Wären da die nicht die Mückenschwärme. Wahrscheinlich bin ich schon lange nicht mehr fünf Kilometer so schnell gelaufen. Um die Flüche, die ich dabei ausgestoßen habe, wieder gutzumachen, müsste ich wohl noch einige Kilometer mehr pilgern als geplant.

Mitten im Wald steht auf einmal Wunschbaum und ich frage mich, im Namen welcher Religion die Menschen hier eigentlich unterwegs sind. Kurz vor dem Ziel geht es endlich raus aus dem Wald. Doch statt eines schönen Weges finde ich ein Feld vor, auf dem gerade Mähdrescher unterwegs sind. Immerhin fahren sie mir einen Weg ins Getreide. Am nächsten Abzweig, der kaum zu sehen ist, geht es ab ins Unterholz – um auf einer riesigen knietiefen Wiese zu landen. So wie ich durch das hohe Grün laufe, könnte man die Szene glatt für einen Heimatfilm nutzen. Das denke ich mir zumindest, als ich endlich die Straße erreiche.

Bis nach Sofrino ist es nicht mehr weit. Doch die letzten Kilometer ziehen sich. Ich merke, wie meine Füße langsam schlapp machen und ich nur noch entspannen will. Also versuche ich, mir ein Taxi zu rufen. Aber es kommt keins. Und so heißt es Zähne zusammenbeißen und sich bis zum Bahnhof schleppen. Am Ende sind es 25 Kilometer geworden. Während ich noch darüber nachdenke, was für Qualen Pilger eigentlich so ertragen müssen, kommt schon meine Elektritschka.

Von Sofrino nach Chotkowo. Tino Künzel

Wenn der Großstädter auf die Provinz trifft, ist Reibung garantiert. Manchmal fliegen sogar Funken. „Junger Mann, und so wollen Sie also in den Wald – in kurzen Hosen?“, ruft mir eine Frau hinterher, als ich in einem der kleinen Orte auf meinem Teilstück von der Dorfstraße ins Unterholz abbiege. Ich hatte sie nach dem Weg gefragt. Nun bekomme ich einen Tadel mit auf den Weg. Denn wer stapft schon in Shorts durch den Wald, der schließlich von allerlei wilden Tieren bewohnt wird, von denen die Frau namentlich die Zecken erwähnt. „Wo haben Sie bloß ihren Kopf gelassen?“, höre ich noch, während ich im Dickicht verschwinde.

Recht hat sie. Nur etwas mehr als eine Stunde bin ich mit dem Vorortzug von Moskau zum Ausgangspunkt meines Abschnitts gefahren. Das entspricht einem mittleren Moskauer Arbeitsweg und kann dazu verleiten, die Tour zu unterschätzen und sich gar nicht erst groß darauf einstellen zu wollen, bei der Kleidung angefangen. Doch gefühlt gerate ich in eine andere Welt – kein Klein-Moskau, sondern ein Anti-Moskau. Das macht munter und lässt mich diese Landpartie von Anfang an genießen.

Hier verläuft der Wanderweg auf einer Dorfstraße. (Foto: Tino Künzel)

Ich brauche sogar viel länger, als ich dachte, weil ich mir überall Zeit nehmen möchte, um das Lokalkolorit zu bestaunen: den Dorfladen in einem alten Holzhaus, die Dorfkirche, für die gerade Geld gesammelt wird, die vielen schönen Einfamilienhäuser oder so manche „heilige“ Quelle. Davon gibt es viele in der Gegend und bisweilen muss man sogar anstehen, um von dem edlen Tropfen zu kosten, weil die Leute schon mal mit einem ganzen Kofferraum voller Kanister anrücken, um ihre Vorräte aufzufüllen. „Bei uns hier trinken alle das Quellwasser. Es ist für seinen hohen Silbergehalt bekannt und hilft auch gegen Krankheiten“, sagt eine Einheimische.

Weder Kultur noch Natur kommen auf meiner Etappe zu kurz. Mindestens die Hälfte sind Wald und Wiese. Aber auch klassische Sehenswürdigkeiten werden geboten. Da wäre etwa das als Museum erhaltene Anwesen der Tjuttschew-Familie im kleinen Ort Muranowo. Tjuttschew? Mit dem Namen wird vielleicht nicht jeder etwas anzufangen wissen, doch der Dichter Fjodor Tjuttschew hat 1866 einen vielzitierten Beitrag zur Russlandkunde geleistet. Sein Vierzeiler, wonach – laut russischem Original – Russland nicht mit dem Verstand zu erfassen sei und jedes übliche Maß sprenge, man nur glauben könne an das Land mit seinem ganz besonderen Wesen, wurde weltberühmt.

Weitere Highlights auf der Stecke sind die hölzerne Nikita-Kirche mitten im Wald und das malerische Landgut Abramzewo. Letzteres trockenen Fußes zu erreichen, setzt voraus, ein paar Kilometer vorher erfolgreich über einen Bach zu balancieren, der mit Steinen ausgelegt ist. Der TÜV würde wohl den Daumen senken, aber ein bisschen Adrenalin muss sein, oder?

Von Chotkowo nach Sergijew Possad. Olga Silantjewa

Mein Teilstück beginnt am Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Frauenkloster in Chotkowo. Interessenten wird hier ein Stempel in ihre Streckenurkunde gedrückt, die dokumentiert, dass man markante Punkte passiert hat. Eine Nonne erzählt, dass Pilger nicht oft wegen des Stempels vorbeischauen, einmal pro Woche vielleicht. Und dass man nach Radonesch, dem nächsten Ort auf dem Pilgerweg, auch einfach der Landstraße folgen kann.

Nach gut einer Stunde erreiche ich die Verklärungskirche in Radonesch. Ein himmlisches Fleckchen! Im Café bei der Kirche kann man sich lecker stärken, im Allerheiligen-See baden, an der Quelle den Wasservorrat auffüllen. Doch für eine Rast ist es noch zu früh.

Unterwegs habe ich eine junge Familie mit ihrer kleinen Tochter getroffen. Auch sie hatten sich auf eine Wanderung begeben, allerdings auf einem anderen Wanderweg unter dem Namen „Landgüter und Heilige“. Im Internet ist er mit einer Länge von 37 Kilometern ausgewiesen. 15 davon hatte die Familie inzwischen zurückgelegt und hielt bereits nach einem Nachtlager Ausschau.

Auch diese Wandersleute betreiben Heimatkunde per pedes. (Foto: Olga Silantjewa)

Von Radonesch aus dauert es wieder eine Stunde, bis ich den Ethnopark „Nomade“ betrete. Er lädt zu Kamelreiten und Hundeschlittenfahren ein. Ich verschnaufe kurz in der Hängematte und bin schon wieder unterwegs. Vor mir liegt der Reine See, dann ein Kiefernwald und schließlich tauchen die ersten Häuser von Sergijew Possad auf. Vor 30 Jahren wurde hier am Stadtrand der bekannte Geistliche Alexander Men ermordet. An der Stelle steht heute eine Kirche.

Bleibt ein kurzer Endspurt zum Dreifaltigkeitskloster. Mit dem zauberhaften Blick von einer Aussichtsplattform auf die Klosteranlage endet für mich die längste Etappe des Pilgerwegs.


Über Stock und Stein

Markierte Wanderwege sind in Russland noch eine Seltenheit. Die Webseite Rutrail.org verzeichnet landesweit 80, mit Schwerpunkt in der Moskauer Region. Dort war der Weg von Moskau nach Sergijew Possad vor drei Jahren der erste mit einem offiziellen Status. Auf Dorogavposad.ru gibt es zahlreiche Informationen rund um die Strecke, vom geschichtlichen Hintergrund bis zu hin zu allen erdenklichen Tipps. Eine zum Download bereitgestellte Karte mit der eingezeichneten Route leistet gute Dienste, zumal sie auch offline funktioniert, könnte aber detaillierter sein.

Bis zum „Wanderweg von Weltniveau“, den sich die ehrenamtlichen Initiatoren vorgenommen haben, ist es noch ein Stück. Ausbau und Markierung lassen immer mal wieder zu wünschen übrig, so dass man schon guten Willen mitbringen sollte. Der Anfang ist allerdings gemacht. Was bisher schon geleistet wurde, verdient allemal Anerkennung: von den Beschreibungen im Internet bis hin zur Präparierung einzelner Abschnitte.

Der Schuss Abenteuer, wenn man sich mal verläuft, ein Waldweg unpassierbar ist oder man über längere Zeit keiner Menschenseele begegnet, kann gerade Moskauern auch nicht schaden. Und wer mitten im Wald hinter einer Holzklappe ein kleines Sortiment an Wegzehrung entdeckt, mit der sich der Wanderer stärken kann, ist von dieser Geste ohnehin so gerührt, dass er die eine oder andere Kalamität gern verzeiht.     

Nette Überraschung am Wegesrand: Mit Tee, Kascha, Suppe und Konfekt wurde hier Verpflegung für ermattete Wanderer hinterlegt. (Foto: Tino Künzel)

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