Verwirrte Vermieterin, klebriger Teppich

Windige Makler, Besichtigungen gegen Geld und Eigentümer, die ausschließlich an Slawen vermieten: Abschreckende Geschichten über die Wohnungssuche in Moskau gibt es genügend. Ganz so schlimm erging es MDZ-Redakteur Jiří Hönes nicht. Ein Erlebnisbericht.

© Jiří Hönes

Neue Arbeitsstelle, neues Land, neue Stadt. Als ich beschlossen hatte, nach Moskau zu ziehen, stellte sich natürlich die Frage: Wie finde ich dort eine Wohnung? Beim Klicken durch einschlägige Internetbörsen wie „Locals“ oder „Avito“ hatten mich die häufigen Hinweise wie „nur für Slawen“ in den Inseraten aufhorchen lassen. Eine russische Bekannte versuchte mich zu beruhigen.

Das sei nur wegen der Gastarbeiter aus Zentralasien, die oft zu zehnt in Wohnungen hausen würden und alles in desolatem Zustand hinterließen. Auch bei Leuten aus dem Kaukasus hätten viele Bedenken. Als ich ihr erzählte, dass eine solche Anzeige in Deutschland das Zeug zu einem mittleren Skandal hätte, erwiderte sie: „Wir sind da eben nicht schüchtern.“

Nun komme ich weder aus Tadschikistan noch aus Tschetschenien. Zudem half mir mein Chef Igor, ein gebürtiger Moskauer. Er hatte für mich schon ein paar Nummern abtelefoniert. Schnell hatte sich gezeigt, dass auch auf den Seiten für private Inserate fast immer Agenturen hinter den Angeboten steckten. Das musste ich also wohl in Kauf nehmen.

An einer Metrostation hatten wir uns mit der ersten Maklerin Jekaterina verabredet, um eine Wohnung in Ismajlowo am nordöstlichen Stadtrand anzuschauen. Das Viertel liegt zwar recht weit draußen, doch es ist hier schön grün und die Mieten sind bezahlbar, wie man mir gesagt hatte.

Kaum waren wir am Treffpunkt, kam Jekaterina auch schon um die Ecke gehuscht, in einem Blumenkleid und Sandaletten und mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen.

Wem gehört die Wohnung eigentlich?

Im Flur des neunstöckigen Ziegelsteinhauses, vermutlich aus den Sechzigern, roch es modrig. Die Wohnung war in der vierten Etage.

Eine junge blonde Frau in Hauskittel und Badeschlappen öffnete die Tür. Ein Zimmer mit Kochnische und Bad, alles recht wohnlich, Tapete mit Ornamenten, PVC-Boden in Holzoptik.

Es stellte sich heraus, dass Ksenija, so hieß sie, nicht selbst die Eigentümerin war. Die Wohnung gehörte ihrem Mann, der beruflich im Ausland war. Sie konnte die Besitzurkunde nicht finden und wurde unsicher, verlor sich in wirren Erzählungen. Es wurde aber schnell klar, dass sie mir die Wohnung geben würde.

Sie fand mich offenbar vertrauenswürdig. Jekaterina und Igor hatten da allerdings bei ihr zunächst so ihre Zweifel. Es soll wohl vorkommen, dass sich Leute für eine Woche eine Wohnung mieten, sie selbst inserieren und sich als Vermieter ausgeben. Sie kassieren von den Interessenten die erste Miete samt Kaution und wenn dann der echte Besitzer vorbeikommt, sind sie über alle Berge. Aber war Ksenija so eine?

Die nächste Maklerin hieß Anastasija, recht jung, ganz in schwarz, eher der strenge Typ. Sie führte uns in einen Plattenbau im benachbarten Stadtteil Preobraschenskoje.

Eine Erdgeschosswohnung, der Vermieter saß vor dem laufenden Fernseher. Im Wohnzimmer stand allerlei Klimbim herum, direkt aus der Designhölle. Alles war mit Teppich ausgelegt, selbst die Küche, die zudem unsagbar dreckig und klebrig war. Es sah aus, als sei der Bewohner nur mal eben Zigaretten holen gegangen. Wir ergriffen die Flucht.

Am Ende geht alles ganz schnell

Es folgte eine Reihe ganz passabler Wohnungen im Süden Ismajlowos, die jedoch alle über meinem Budget lagen. „Ach so, die Firma zahlt nicht?“, fragte überrascht einer der Hausverwalter. Je länger es ging, desto mehr schoss ich mich auf die erste Wohnung ein.

Eine weitere wollte uns Anastasija noch zeigen. Zur Abwechslung ein Haus aus Stalins Zeiten, hölzernes Treppengeländer, hohe Decken. Es sei von deutschen Kriegsgefangenen erbaut worden, erzählte uns der Besitzer.

Dann ein erfreulicher Anruf. Ksenija hatte die Papiere gefunden! Es war also kein Taschenspielertrick. Damit war meine Entscheidung gefallen, besser würde es nicht werden. Jetzt ging alles ganz schnell. Noch gegen acht Uhr abends trafen wir einen Kollegen von Jekaterina. Er quittierte mir die Anzahlung für die Provision und wir verabredeten uns am nächsten Vormittag in der Wohnung zur Schlüsselübergabe.

Dort füllte der Makler den Mietvertrag aus. Ksenija zeigte mir alles, gab mir die Schlüssel und den Code für die Haustür. „Jetzt bist du Moskauer“, sagte Igor im Aufzug.

 Jiří Hönes

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