Trickfilme zum Thema Krieg: Viel Schrecken und etwas Stolz

„Krieg ist grauenvoll. Ein schwarzes Loch, das alles verschluckt: das Leben, das Glück.“ Maria Te­reschtschenko, Programmdirektorin des „Großen Trickfilmfestivals“ in Russland, hat mit der MDZ über Animations­filme zum Thema Krieg gesprochen.

Abgeführt: Szene aus dem russischen Trickfilm „Seiten der Angst“ (Foto: Screenshot)

Trickfilme für Kinder und Krieg: Inwiefern passt das überhaupt zusammen?

Die Frage, ab welchem Alter und in welcher Form man Kinder mit diesem Thema konfrontieren sollte, ist nicht so einfach zu beantworten. Ich würde sagen, dass Trickfilme, die von realen Kriegen handeln, wohl kaum für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter geeignet sind. Hier empfiehlt sich etwas eher Symbolhaftes, wie „Der Konflikt“ von Garri Bardin (Sowjet­union, 1983). Das ist kein Trickfilm für Kinder, doch sie sind in der Lage, ihn zu verstehen.

Ungefähr ab 12 Jahren muss das Gespräch natürlich in aller Ernsthaftigkeit geführt werden. Das Animationskino bietet dafür sehr gute Möglichkeiten. Die Liste großartiger Antikriegstrickfilme ist lang.

Wird der Große Vaterländische Krieg auch im heutigen russischen Animationsfilm thematisiert?

Jedes oder fast jedes Jahr kommen neue Filme heraus, auf direktem Wege gefördert vom Staat. Er finanziert solche Arbeiten gern, besonders zu diversen runden Jahrestagen. Leider sind diese Werke häufig Ausdruck der Konjunktur und nicht immer von hoher Qualität. Aber es sind auch starke Filme darunter, wie etwa „Seiten der Angst“ von Dina Welikowskaja, „Es regnet“ von Anja Schepilowa und – ganz neu – „Fremdes Brot“ von Andrej Bachurin.

Welche Bedeutung hat Animation für die Erinnerungskultur?

Da würde ich seine Rolle nicht überschätzen. Was schauen heutige Kinder? Zu 99 Prozent sind das aktuelle Serien. Gelegentlich russische, oft ausländische. Die meisten haben überhaupt noch nie sowjetische Trickfilme über den Krieg gesehen und würden sie sich freiwillig auch nicht anschauen. Das sind alte Filme über ein Thema, das zumindest bis vor Kurzem zum Glück unglaublich weit weg zu sein schien.

Was Bezüge zur Erinnerungskultur aufweist, ist in der Regel Autorenkino, das kaum jemand zu Gesicht bekommt. Der Großteil der Zuschauer weiß noch nicht einmal von seiner Existenz.


Großes Trickfilmfestival

Das 2007 gegründete „Große Trickfilmfestival“ (BFM) findet jedes Jahr in Moskau, Krasnojarsk, Woronesch und Nischnij Nowgorod statt. 400 russische und ausländische Filme werden zunächst in Moskau gezeigt und bewerben sich dort um Preise in verschiedenen Kategorien. Anschließend laufen 200 bis 300 in anderen Städten, zuletzt Mitte April in Woronesch. Das BFM betreibt auch ein eigenes Trickfilmstudio. 


Zählen Sie „Das Märchen der Märchen“ von Juri Norstein zur Erinnerungskultur in Russland?

Zweifellos. Allerdings richtet sich der Film nicht an Kinder, sondern Erwachsene. Mein Lieblingsmoment ist die Tanzszene: Wo gerade noch Paare waren, verschwinden die Männer. Die denkwürdigste Figur des Films ist natürlich das Wölfchen. Ein anrührender, trauriger, einsamer und sehr liebenswürdiger Held. 

Welche Botschaften stecken in einheimischen Trickfilmen über den Krieg?

Zu Sowjetzeiten waren die Muster auf den ersten Blick relativ klar: hier der Feind in Gestalt des Faschisten, da das Heldentum des sowjetischen Soldaten als Vaterlandsbeschützer. Mitunter sind Not und Zerstörung präsent, mal kommt der Feind in schauriger, mal in satirischer Form vor. Auf den zweiten Blick werden Themen wie Traumatisierung, Verlust, Achtung oder Nichtachtung fremder Schicksale sichtbar. Die besten heutigen Arbeiten handeln davon, dass Krieg grauenvoll ist. Ein schwarzes Loch, das alles verschluckt: das Leben, das Glück. Alles, was wir lieben.

Wie verständlich sind sowjetische Trickfilme über den Großen Vaterländischen Krieg für heutige Kinder in Russland?

Mir scheint, dass Krieg überhaupt schwer zu verstehen ist. In „Das Feuerwerk“ (Sowjetunion, 1975) fragt der Sohn den Vater: Wo ist eigentlich mein Opa? Der ist aus dem Krieg nicht heimgekehrt, antwortet der Vater. Darauf sagt der Sohn: Dann schreiben wir ihm doch einen Brief, dass er nach Hause kommen soll. Wir sehen Explosionen, die sich in ein Feuerwerk verwandeln. Der Junge freut sich inständig, doch zwischen den Zeilen klingt die Traurigkeit des Autors durch. Das ist ein wiederkehrendes Motiv im sowjetischen Animationsfilm: die Unfassbarkeit des Krieges.

Was unterscheidet russischen und sowjetischen Zeichentrick über den Krieg von ausländischen Filmen zum selben Thema?

Das lässt sich schwer vergleichen. Es gibt erstens nur wenige sowjetische Trickfilme über den Großen Vaterländischen Krieg und meistens sind sie sehr kurz, 10 bis 20  Minuten lang. Das sind keine großen Geschichten, eher Skizzen, Metaphern, Atmosphäre. Zweitens sind europäische oder amerikanische Trickfilme über den Zweiten Weltkrieg noch seltener. Als ausländische Filme seien deshalb japanische angeführt: „Die letzten Glühwürmchen“ (1988/auf Russisch in voller Länge hier), „Barfuß durch Hiroshima“ (1983/1986/Russisch hier), „In this Corner of the World“ (2016/Russisch), „Giovannis Insel“ (2014/Russisch). Sie alle sind nicht für Kinder gemacht und wirklich furchterregend. Nehmen wir nur „Barfuß durch Hiroshima“. Manche Szenen lassen einen einfach erschaudern.

Oder „Die letzten Glühwürmchen“. Ich habe zehn Jahre davon geträumt, den Film nach Moskau zu holen. Eines Tages hat es geklappt. Wir konnten eine digitale Filmkopie in einem Saal mit 1500 Plätzen auf großer Leinwand zeigen. Als der Abspann lief, ist niemand aufgestanden. Es hat auch niemand geklatscht, es herrschte Totenstille. Der Film hinterlässt einen so starken und niederschmetternden Eindruck, dass alle schweigend sitzen blieben. Der Zuschauer fühlt noch nicht mal eine Katharsis, nur Betroffenheit und unendliche Trauer.

Das sowjetische Kino setzte andere Akzente?

Im Unterschied zu den japanischen Trickfilmen nehmen neben der Trauer auch der Stolz auf das ruhmreiche Sowjetvolk und die Bewunderung für seine Taten breiten Raum ein. Ein Alleinstellungsmerkmal des sowjetischen Blicks auf den Krieg ist das aber sicher nicht. In europäischen oder amerikanischen Spielfilmen des 20. Jahrhunderts ist Stolz auch nicht selten anzutreffen. Die Trennlinie verläuft hier möglicherweise nicht zwischen sowjetischem und ausländischem Film, sondern sozusagen entlang der Front: zwischen den Siegern und den Verlierern.

Darüber hinaus gibt es ein chronologisches Merkmal: Je mehr Zeit vergeht, desto ungeschminkter wird der Krieg im Film und auch im Trickfilm dargestellt. Die besten neueren russischen Arbeiten sind da keine Ausnahme. Wer „Fremdes Brot“ schaut, dem läuft es kalt den Rücken herunter.

Welche Perspektiven sehen Sie für den russischen Animationsfilm?

Noch vor wenigen Monaten hätte ich sie Ihnen in den schönsten Farben ausgemalt. Denn die Entwicklung der letzten 20 Jahre konnte sich sehen lassen. Aber jetzt? Es ist gerade alles in Auflösung begriffen. Viele wunderbare, talentierte Leute gehen weg. Partnerschaftliche Beziehungen in andere Länder brechen zusammen. Was bleibt? Ich weiß es nicht.

Lebt die Branche von den großen Studios mit staatlicher Unterstützung oder von den kleinen privaten?

Der Staat leistete und leistet tatsächlich finanzielle Unterstützung. Doch nicht sie war all die Jahre der große Treiber für unsere Industrie, sondern der unglaubliche Enthusiasmus einiger weniger Leute, von denen jeder fünf Sachen gleichzeitig gemacht hat: Alle haben geschrieben, gedreht, produziert, unterrichtet und sich mit gesellschaftlicher Arbeit beschäftigt. Viele von diesen Leuten sind schon weg. Andere sitzen auf gepackten Koffern. Wenn das so weitergeht, nützen auch die ganzen staatlichen Gelder nichts.

Was sind die Macher von Trickfilmen in Russland für Sie: unverbesserliche Sturköpfe oder die glücklichsten Menschen auf der Welt?

Unverbesserliche Sturköpfe und die glücklichsten Menschen auf der Welt. Wir sind – oder besser waren  – eine herrliche Gemeinschaft.

Welche Hoffnungen, Erwartungen und Pläne haben Sie für das „Große Trickfilmfestival“?

Wir tun uns schwer damit, überhaupt in die Zukunft zu schauen. Die Gegenwart hat komplett den Blick darauf verstellt. Worauf wir warten, ist natürlich Frieden. Alles andere ist im Augenblick zweitrangig.

Das Interview führte Olga Kurilina.

Drei ausgewählte russische Trickfilme

Das Märchen der Märchen (Skaska skasok), 1979, 29:00 min

Ein autobiografisches Werk von Juri Norstein („Der Igel im Nebel“), vielfach preisgekrönt, zweimal sogar als bester Animationsfilm aller Zeiten. Der Regisseur verarbeitet Erinnerungen an seine Kindheit im Moskauer Stadtteil Marina Roscha. Hauptheld ist ein kleiner grauer Wolf, wie er in einem russischen Wiegenlied vorkommt.   

Seiten der Angst (Stranizy stracha), 2010, 5:30 min

Mascha blättert in einem Buch über den Krieg und bastelt sich aus den Fotos einen Papierhut. Daraufhin gerät das Mädchen selbst in die Kriegszeit und erlebt ihre Schrecken. Der Trickfilm wurde im Stil einer Gruselgeschichte für Kinder gedreht. Auch die Erzählerin ist ein kleines Mädchen.

Die Geige des Pioniers (Skripka pionera), 1971, 7:46 min

Ein deutscher Panzersoldat spielt auf der Mundharmonika „O du lieber Augustin“. Dem Feind antwortet ein furchtloser sowjetischer Pionier, der auf seiner Geige die „Internationale“ anstimmt und stirbt. Möglich, dass der 1942 von den Besatzern erschossene Pionier Abram Pinkenson als Vorbild diente.

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