Die Stolby von Krasnojarsk: Abenteuer auf eigene Gefahr

Die Stolby in Sibirien sind die Sächsische Schweiz von Russland. MDZ-Redakteur Tino Künzel hat sie Anfang März am Rande der Winter-Universiade besucht und erzählt, warum das ein großes Erlebnis war.

Die Felsformationen sind spektakulär. Hier der sogenannte erste Felsen. © Tino Künzel

Jetzt bloß keinen falschen Schritt machen. Bis zur Felskante sind es keine drei Meter, dahinter gähnt der Abgrund. Wenn ich abrutsche, gibt es kein Halten mehr. Dann lege ich die zweite Landung am heutigen Tag hin. Und zwar längst nicht so eine sanfte wie am Morgen auf dem Flughafen von Krasnojarsk, wo ich mit dem Nachtflieger aus Moskau eingetroffen bin. Viel wusste ich von der Stadt nicht, aber von den Stolby hatte ich schon gehört und wollte sie unbedingt mit eigenen Augen sehen, gleich heute, um das schöne Winterwetter auszunutzen und zu erleben, was am Wochenende in diesem Naturparadies los ist. Mit ihren etwa einhundert Felsen inmitten einer waldbestandenen Berglandschaft erinnern die Stolby an die Sächsische Schweiz, aber anders als das deutsche Pendant an der Elbe liegen sie direkt vor den Toren der Stadt, administrativ sogar innerhalb der Stadtgrenzen. Man kann den Stadtbus vom Zentrum nehmen, um zu diesem herrlichen Fleckchen zu gelangen. Von der Haltestelle „Turbasa“ sind es allerdings noch einmal anderthalb Stunden Fußweg, immer bergauf. Ab und zu laden Rastpunkte und Spielplätze dazu ein, sich beim Aufstieg Zeit zu lassen. Vor einem der Imbissstände steht ein Schild mit der Aufschrift: „Bären werden außer der Reihe bedient.“ Für den Fall, dass sich Bären und Menschen tatsächlich mal in die Quere kommen, sind am Wegesrand wiederholt Notrufnummern angeschlagen.

Walera hat darauf bestanden, mich zu begleiten. Er ist als Selbstständiger zusammen mit seiner Frau im Vertrieb tätig, an seinem freien Sonntag will nun selbst mal den Alltagstrott hinter sich lassen. Obwohl Einheimischer, war er schon „seit Ewigkeiten“ nicht mehr hier draußen, vielleicht hat er sich deshalb beim Schuhwerk verwachst. Mit seinen Turnschuhen verliert er schon auf den Waldwegen ständig den Halt. Die Felsen zu erklettern, wäre glatter Selbstmord. Jetzt steht er unten und ruft mir zu: „Hör mal, auf Nekrologe habe ich keine Lust.“ Dabei bin ich nur anderen Besuchern gefolgt, die auf diesem Gestein herumkraxeln, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt. Nur manchmal sind sie besser ausgerüstet als ich mit meinen Winterstiefeln aus dem Billigregal von Deichmann. Gerade saust ein Knirps auf dem Hosenboden vorbei und kann gerade noch rechtzeitig bremsen. Seiner Mama steht der Schreck ins Gesicht geschrieben. „Die Kinder sind total angstlos“, sagt jemand. „Und ihre Eltern kopflos“, lächelt die Mutter etwas gequält.

Doch nicht an General Winter gescheitert

So fröhlich-entspannt, wie es hier zugeht, kann man versucht sein, die Risiken auf die leichte Schulter zu nehmen. Der Grat zwischen Mut und Übermut ist schmal. Mit Geländern oder Treppen vorgesorgt hat hier ohnehin niemand. Wie viel man wagt, bleibt einem selbst überlassen, alles andere würde wohl auch nicht zu Russland passen.

Mir rutscht das Herz jedenfalls nicht nur einmal in die Hose, während ich mich an einer Felsschräge vorwärts taste. Falls dieses wahrscheinlich vergleichsweise harmlose, aber mir halsbrecherisch erscheinende Unterfangen schief geht, sehe ich die Schlagzeilen schon vor mir. Wieder ein Deutscher, der an General Winter gescheitert ist. Und natürlich: Was dem Russen gut tut, ist dem Deutschen sein Tod.

Aber nicht heute. Ich komme heil wieder unten an.

Die „Federn“ gehören zu den berühmtesten Felsen in den Stolby, Tragik inbegriffen. © Tino Künzel

Das war in den Stolby, wie man weiß, nicht allen beschieden. Gleich gegenüber ragt einer der berühmtesten Felsen empor, wegen seiner Form auf den Namen „Federn“ getauft. An ihm ist eine Plakette angebracht, die einen Kletterer zeigt, daneben die Inschrift: „Der Fels hat ihn nicht umgebracht, sondern zu sich geholt. Wolodja Tjoplych“ Vielen Menschen, die heute hier Selfies schießen, mag der Name und vor allem die Geschichte dahinter kein Begriff mehr sein. Doch in den Kreisen der „Stolbisten“ wurde Wladimir Tjoplych ab den 60er Jahren zur Legende, weil er ohne jede Absicherung Felswände meisterte, die bis dahin als unüberwindbar galten. Am 6. August 1989 verunglückte er mit 43 Jahren in den „Federn“ vor den Augen eines Freundes, der ihn filmte, und dessen Familie so schwer, dass er später im Krankenhaus starb. Bis heute kursieren Verschwörungstheorien, die seinen Tod Neidern anlasten.

Ein Sehnsuchtsort für Freiheitsliebende und Wagemutige

Tjoplych gehörte zu denen, die den „Stolbismus“ lebten – eine Art Subkultur mit ihrem eigenen Wertekodex. Für die „Stolbisten“ sind die Stolby nicht einfach nur ein Ausflugsziel, sondern eine Welt für sich, die Reduzierung aufs Wesentliche. Im Einklang mit der Natur verbringen sie so viel Zeit wie möglich hier oben, viele Gruppierungen haben ihre eigenen Berghütten. Die schlimmste Sünde für einen „Stolbisten“ ist es, einem anderen Hilfe in der Not zu verweigern.

Die Stolby haben von jeher Freiheitsliebende und Wagemutige angelockt. In den letzten Jahren der Zarenzeit fanden hier Revolutionäre Zuflucht, die sich vor der Staatsmacht versteckten. 1899 entstand so der Schriftzug „Freiheit“ (Swoboda) auf dem sogenannten zweiten Felsen. Er wird gelegentlich mit neuer Farbe aufgefrischt. 1925 wurden die Stolby zum Naturschutzgebiet, seit vorigem Jahr sind sie Nationalpark.

Picknick mit Aussicht: Beim klarem Wetter hat man einen schönen Rundumblick. © Tino Künzel

Wir treffen Wladimir aus dem mehrere tausend Kilometer entfernten Tscheljabinsk im Ural. Als er hört, wo ich herkomme, grinst er: „Deutschland? Ah, Drang nach Osten!“ Wladimir, der früher einmal Ermittler war und heute sein Geld als Wachmann verdient, ist in Krasnojarsk, weil man zur Absicherung der Winter-Universiade Leute wie ihn aus dem gesamten Land zusammengezogen hat. „Wir sind zu 120 Mann in einer Turnhalle untergebracht, nicht zum Aushalten“, berichtet er. Da stapft er lieber in den Stolby durch den Schnee und atmet kräftig durch.

Im Sommer ist Hochsaison, doch der Winter macht auch Spaß

Noch ein Wladimir läuft uns zufällig über den Weg. Er ist bereits jenseits der 50, hat keine feste Arbeit, dafür aber ein offenbar sanftes Gemüt und ein Herz für den „Stolbismus“. Auch ohne jegliche Entlohnung nimmt er jeden Tag den langen Anfahrtsweg in Kauf, um als Freiwilliger in den Stolby bereitzustehen, um Gäste herumzuführen, gern auch Ausländer. Für uns ist Wladimir ein Glücksfall, er zeigt uns die Felsen mit der besten Aussicht und erzählt nebenbei putzige Geschichten. So wie diese: „Ich bin Russlanddeutscher. Einer von uns hat seiner Tochter den Namen Eva gegeben. Man sollte meinen: Na und, was ist da schon dabei? Aber sein Familienname ist Braun.“

Hochsaison in den Stolby ist der Sommer. Auch für Laien sind dann die Felsen leichter zugänglich, weil nicht so rutschig wie in der kalten Jahreszeit. Das ändert nichts daran, dass auch der Winter dieser malerischen Gegend gut steht und am heutigen Tag dort allerhand Betrieb war.

Ein Kleinbus der Parkverwaltung © Tino Künzel

Walera nutzt den Rückweg zur Bushaltestelle, um mir seine Auffassung von der Rangordnung der sibirischen Städte näherzubringen. Als Hauptstadt von Sibirien gelte Nowosibirsk, aber was gebe es dort schon Hauptstädtisches? „Das ist ja nun überhaupt nichts fürs Auge“, im Gegensatz zu Krasnojarsk. Und überhaupt, Nowosibirsk mit seinen 125 Jahren Stadtgeschichte – könne man so etwas denn ernst nehmen als Einwohner einer Stadt, die schon 390 Jahre auf dem Buckel hat? Während unser Begleiter Wladimir die vereinzelten Papierschnipsel am Wegesrand einsammelt, laufen wir in die Nacht hinein. Glücklich. Und unversehrt.

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