So gut Russe wie Deutscher

Die nächste Folge unserer Reihe „Meister und Magnete“, in der wir herausragende Moskauer Deutsche vorstellen. Diesmal mit Tobias Stüdemann, dem Verbindungsmann in Moskau für die Freie Universität Berlin.

Meister und Magnete

Russland ist ja riesig und Moskau ist der mit Abstand größte Schmelztiegel unseres Kontinents, ein Magnet für Menschen aller Couleur, mit ungewöhnlichen Talenten, mit erstaunlicher Schaffenskraft. Manche bringen es nach oben, manche bleiben unten. Die meisten mittendrin. Unser Autor Frank Ebbecke stellt sie hier vor. Heute: Tobias Stüdemann, Büroleiter der FU Berlin in Moskau.

 

Foto: Privat

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Er bestätigt den Gesprächstermin schriftlich. Und hält sich daran. Auf die Minute. Sitzt kerzengerade am Tisch, die Hände kontrolliert vor sich auf der Platte. Die Haare kurz und adrett, die Augen durch die schlichte Metallrandbrille freundlich-prüfend auf sein Gegenüber gerichtet. Verbindlich lächelnd, entbietet er seinen Vorstellungsgruß. Ein durch und durch korrekter, bedachtsamer Mensch – der Mann muss Deutscher sein.

Tobias Alexander Stüdemann, im 41. Lebensjahr. Geboren in Hamburg, aufgewachsen in Bremen. Ein waschechtes Norddeutsch-Gewächs. Also nicht weit gefehlt. Aber doch haarscharf vorbeigedacht, an seinem echten Ich, das sich schnell zeigt. Russland, die Russen und alles, was den gar nicht so feinen Unterschied zum Deutschen macht, treiben ihn um. Sozusagen von Kindesbeinen an. Denn Fremdsprachenunterricht war schon ab der ersten Klasse Russisch – auf sanften Druck seiner Mutter. Der Lehrer war zwar Deutscher, nannte sich aber Dieter „Iwanowitsch“ Gräfe. Die Sprache zog sich dann durch sein ganzes Schülerleben und sollte ihn sowieso nie mehr loslassen. Ganzheitlich, frei nach den Vorzeichen der „Anthroposophischen Menschenkunde“ des pädagogischen Schulstifters Rudolf Steiner.

Im Teenageralter Anfang der 1990er kam er mit der fern-fremden Welt im Osten erstmalig vor Ort in engste Berührung. Erst per Schüleraustausch mit Gleichaltrigen in Kirow, später dann bei drei Sprachkursen in Sergijew Possad, einem hochheiligen, touristisch gepflegten Ort unweit der Hauptstadt. Das dortige 1340 gegründete Dreifaltigkeitskloster gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ein ansehnlicher Einstieg in die traditionell-russische Umgebung. So entwickelte sich nicht nur sein Russisch so gut, als wäre es angeboren, auch seine Einstellung zu Land und Leuten wurde befreit von Vorurteilen. Eben erlernt und erfahren.

Wenige Jahre später sah er sich dann aber mit einer ungleich dunkleren Seite der russischen Vergangenheit konfrontiert. Freiwillig, als Zivildienstleistender, entsandt vom deutschen Förderkreis Sozialer Friedensdienst zur Völkerverständigung e.V. zur hiesigen Menschenrechtsorganisation „Sostradanije“ (dt. Mitgefühl). 15 harte Monate Einkaufen, Kochen, Putzen und Helfen bei der häuslichen Alterspflege sogenannter „stalinistischer Repressionsopfer“. Nebenbei aber auch schon junge Lehrkraft für Deutsch an der Russischen Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften. Diese Auslands­erfahrung habe ihn „geprägt fürs Leben“. Leicht vorstellbar, wie tiefberührend diese Zeit gewesen sein muss. Was ihn hingegen offenbar noch mehr drängte, seinen Weg hierzulande weiterzuverfolgen.

Aber zunächst ging es dann in Deutschland ans Studieren. Die Großeltern waren Lehrer, die Eltern Ärzte. Nein, da wollte er sich doch lieber in einer anderen Fachrichtung beweisen und es vor allem im strategischen Denken zu Bestleistungen bringen. Er hatte zwangsläufige Erfahrungen in höchstpersönlicher Familienumgebung mit Rechtsanwälten und Notaren gemacht. Deren Metier reizte ihn. So wurde folgerichtig Jura studiert. An der Berliner Humboldt-Universität. Natürlich auch inklusive spezieller, fremdsprachlicher Rechtskurse in Russisch. Was sonst? Den erfolgreichen Abschluss schaffte er in seiner Heimatstadt Bremen. Längst ist er in Deutschland zugelassener Rechtsanwalt. Zwischendurch fand er es dann auch an der Zeit zu heiraten. Keine große Überraschung – selbstredend eine Russin. Die zog es dann allerdings vor, in seiner deutschen Heimat weiterzuleben, während er selbst bereits seit sechs Jahren wieder in Moskau gelandet ist. Denn dort reizten ihn geradezu Wunschjobs. Ganz wie vorgezeichnet.

Nun arbeitet er als Jura-Dozent am Moskauer Institut für Internationale Beziehungen und leitet das Verbindungsbüro der in Akademikerkreisen weltweit hochangesehenen Freien Universität, der FU Berlin. Davon hat die Hochschule sieben, neben Moskau noch in New York, Peking, Neu-Delhi, Brüssel, Kairo und Sao Paulo. Anbahnen neuer gemeinsamer Forschungsprojekte, Informieren über Studien- und Promotionsprogramme, Hilfe bei der Organisation internationaler Tagungen, Anwerbung erfolgreicher Jungwissenschaftler, Vernetzung ehemaliger FU-Studenten in deren Herkunftsland.

Tobias Alexander Stüdemann sieht sich als „Kommunikator in einem Land, in dem vieles anders funktioniert und alles möglich zu sein scheint“. Deshalb leistet er auch die wohl nötige Aufklärungsarbeit an der Heimatbasis: „Russland ist für viele, die noch keine Berührungspunkte haben, sehr fremd. Daher werbe ich für das Land und die Chance, Kooperationen mit russischen Hochschulen einzugehen.“ Nach ihm lohnt sich deshalb die vielfältige, ehrgeizige Aufgabenpalette für die selbsterklärte globale Netzwerk-Uni FU Berlin gerade jetzt und gerade hier: „Besonders auch bilaterale Vorlesungen sind für den akademischen Nachwuchs spannend. Da zeigt sich, wie zwei verschiedene Welten mit demselben Thema umgehen.“ Neben den wissenschaftlichen Lernerfolgen also auch so etwas wie „cross-cultural“ Erziehung. Die Universitäten in Russland seien mitten im Umbruch: „Verwaltungsstrukturen verjüngen und öffnen sich allmählich der Internationalisierung“ – trotz allem. In diesen Krisenzeiten ginge es, wie er auf allen Gesprächsebenen zu spüren bekomme, oft auch um die politische Haltung, während vorher rein wissenschaftliche Themen im Vordergrund gestanden hätten. Vereinzelt seien auch Kontakte von Seiten deutscher Professoren eingeschränkt und Veranstaltungen abgesagt worden. Doch da kann er nach den langen Jahren des erfolgreichen Aufbaus enger persönlicher Beziehungen oft ganz erfolgreich gegensteuern.

Für die FU Berlin per se sind zeitweise Irritationen in der Zusammenarbeit mit Russland nicht neu. Das kann in den 1960ern, noch zu Zeiten des Kalten Krieges, als diese von Beginn an international ausgerichtete Hochschule erste Kontakte mit sowjetischen Wissenschaftseinrichtungen knüpfte, wohl nicht soviel anders gewesen sein. Mehr Sorgen bereiten ihm da gewisse landestypische und historisch geprägte Altlasten. Wie zum Beispiel der Mangel an selbständigem Denken der Studierenden, weil alles „ex cathedra“, also von oben vorgegeben sei. Oder der Nachholbedarf an praktischer Anwendungskompetenz theoretischen Wissens. Und besonders die allgegenwärtig hemmende Bürokratie und Verwaltungswut. Daran kann er immer noch bisweilen verzweifeln.

So wohl er sich trotzdem in seinem beruflichen wie persönlichen Umfeld hierorts fühlt, soll es das natürlich noch lange nicht gewesen sein. Dabei zielt sein Sinnen und Trachten beileibe nicht zurück nach Deutschland. Eher noch weiter über den Horizont gen Osten der aufgehenden Sonne entgegen. Ja, auch er pflegt in Asien verheißungsvolle Zukunftsvisionen. Warum nicht zum Beispiel in Hongkong oder im führenden „ASEAN (Association of South East Asian Nations)“-Staat Thailand? Wäre doch spannend, herauszufinden, welche bilateral oder auch global wertvollen, wissenschaftlichen Verbindungen sich dort knüpfen lassen. Reisen, Kulturen und Fotografieren machen ihm eh Spaß. Passt doch. Aber die ihm eigene, sozusagen angewachsene und ja nur schwer heilbare „russische Seele“ wird ihm wohl zeitlebens innewohnen. So wie das Leben des Tobias Stüdemann bislang gelaufen ist. Noch reichlich zu tun gibt es hier ja allemal. Und das mit einem Erfahrungskaliber wie dem seinen. So fußt auf seiner langjährigen Hochschulexpertise auch eine weitere Zukunftsperspektive – ein Start-up im Software-Bereich, das sich die Optimierung der komplexen Stundenplangestaltung an Universitäten auf die Fahnen geschrieben hat.

Frank Ebbecke

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