Tschiatura in Georgien: Renaissance der Seilbahnstadt

DIe Bergbaustadt Tschiatura ist berühmt für ihre abenteuerlichen Seilbahnen. Seit 2019 standen sie wegen Sicherheitsbedenken still. Nach langer Bauzeit gingen jetzt neue Gondeln in Betrieb. Zudem sollen zwei der alten Bahnen renoviert werden und als Technikdenkmäler erhalten bleiben.

Seilbahnen in Tschiatura: die Stalin-Bahn
Die abenteuerliche „Stalin-Bahn“ soll als Denkmal erhalten bleiben. (Foto: Jiří Hönes)

„Venedig in der Luft“ wurde Tschia­tura wegen der Gondeln seiner zahlreichen Seilbahnen schon genannt. Abenteuerlich schwebten die Blechkisten am Himmel des Bergbaunests im Norden Georgiens, wohl nirgends auf der Welt konnte man so viele Seilbahnen an einem Ort sehen. Das Stadtzentrum liegt im engen Tal des Flusses Kwirila, doch sowohl Bergwerke als auch zugehörige Wohnsiedlungen entstanden oft hoch oben an den Hängen. Da lag es nahe, Anwohner und Arbeiter mit Gondeln zu befördern. Doch im Sommer 2019 war damit erst einmal Schluss. Nach schleichendem Niedergang wurden die letzten Seilbahnlinien wegen Sicherheitsbedenken geschlossen.

Die Seilbahnen waren das Aushängeschild der Stadt, ihr ganzer Stolz. Und sie waren vor allem ein praktisches Verkehrsmittel. Ersetzt wurden sie zunächst durch Minibusse, die sich nun mühsam die kurvigen Bergstraßen hinaufquälen mussten, wo man mit der Gondel in ein paar Minuten am Ziel gewesen war.

Ganze 27 Seilbahnen gab es einst in Tschiatura

Die Stadt an den Ausläufern des Großen Kaukasus hat ihre Existenz dem Manganerz zu verdanken, das hier im Boden liegt. Seit dem späten 19. Jahrhundert wird der Rohstoff hier abgebaut. Die Ära der Seilbahnen begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwischen 1946 und 1990 wurden hier insgesamt 27 Personenseilbahnen in Betrieb genommen, wie Irakli Schoschuaschwili erzählt. Er lebt in Tiflis und beschäftigt sich mit der Geschichte der georgischen Seilbahnen. Auf Twitter betreibt er einen Kanal dazu.

Seilbahnen in Tschiatura: die Bahn von Itchwisi nach Darkweti
Die tollkühne Seilbahn von Itchwisi nach Darkweti steht wohl für immer still. (Foto: Jiří Hönes)

Die Blechkisten schwebten vom Zentrum aus in alle Richtungen bis in abenteuerliche Höhen hinauf. Doch auch im Tal oberhalb der Stadt gab es Seilbahnen. Eine etwa führte wie in einem Science-Fiction-Film über die Anlagen eines Bergwerks hinweg, eine andere überspannte waagrecht das rund 150 Meter tiefe Tal von Itchwisi nach Darkweti. In der kleinen Gondel hatten kaum fünf Personen Platz. Es brauchte schon eine Portion Mut, in eine solche Kiste einzusteigen.

Blogger lösen Hype aus

Nach dem Ende der Sowjetunion stürzte Tschiatura in eine tiefe Krise. Bergwerke wurden geschlossen, die Strom- und Gasversorgung brachen zusammen. Die Hälfte der rund 30 000 Einwohner verließ die Stadt in den 1990er Jahren. Nach und nach wurden die Seilbahnen stillgelegt. Zuerst traf es die städtischen Bahnen, zuletzt waren nur noch die in Betrieb, die im Eigentum der Bergbaugesellschaft Georgian Manganese waren. Auch die waren stets öffentliche Verkehrsmittel, die jeder benutzen konnte, sogar kostenlos.

Eine Seilbahn im Tal hinter der Stadt
Nichts für schwache Nerven: Seilbahn im Tal oberhalb der Stadt (Foto: Jiří Hönes)

Während der Niedergang schon begonnen hatte, tauchten die schaurig-faszinierenden Bahnen ab etwa 2013 immer öfter in Blogs und YouTube-Filmen von Reisenden aus aller Welt auf. Bald schon kamen Journalisten und Kamerateams nach Tschiatura. „Stalins rostige Seilbahnen“ oder „Pendeln, die tägliche Mutprobe“ lauteten die Titel der Geschichten. Die lockten wiederum noch mehr Reisende und Technikfreaks an.

Seilbahnen in Tschiatura: verlassene Station
Dystopischer Anblick: Überall in der Stadt sind Ruinen von Seilbahnstationen zu finden (Foto: Jiří Hönes)

Seit 2019 konnten diese in der Stadt nur noch Ruinen von Seilbahnstationen vorfinden. Geradezu dystopisch wirken die verwitterten Betonbauten, teils hingen gar noch rostige Gondeln an den Seilen.

Wiederaufbau mit französischer Hilfe

Doch die Seilbahn hat eine Zukunft. Schon 2016 hat die Regionalregierung beschlossen, die vier wichtigsten Linien im Zentrum neu zu bauen. Beauftragt wurde der französische Konzern Poma, es gab auch finanzielle Unterstützung aus Frankreich für das Projekt, das rund 55 Millionen Lari (etwa 15 Millionen Euro) kostete. „Nachts wird der Himmel über Tschiatura von den fahrenden Seilbahnen erleuchtet sein“, schwärmte damals der Gouverneur Sulchan Machatadse in einer Arte-Dokumentation. Mit mancher Verzögerung durch Geldmangel und zuletzt auch die Corona-Pandemie ist sein Traum schließlich wahr geworden.

Die neue zentrale Station
Die neue zentrale Seilbahnstation ist seit Sommer in Betrieb. (Foto: twitter.com/GCableways)

Es gibt nun wieder eine zentrale Seilbahnstation, von der aus vier Linien die Höhen erschließen. Ein Team von georgischen Architekten zeichnete sich verantwortlich für die futuristischen Stationsgebäude.

Seilbahnen werden Kulturerbe

Und es kommt noch besser: Ende September wurde damit begonnen, die beiden berühmtesten der alten Seilbahnen zu restaurieren. Sie sind mittlerweile als Kulturdenkmal gelistet. Eine davon ist die 1954 eröffnete sogenannte „Stalin-Bahn“ oder „Seilbahn Nr. 25“. „Sie hat viele Namen, aber offiziell heißt sie einfach Seilbahn Tschiatura–Perewisa“, so Irakli. Sie beginnt am Rande des Zentrums in einer majestätischen Station im Stile des Stalin-Klassizismus – was laut Irakli auch der Grund für den Namen ist. Tollkühn schwebten ihre beiden gelben Gondeln über den Fluss hinauf in den Stadtteil Perewisa, wo sich auch ein berühmter Aussichtspunkt befindet. Und direkt nebenan beginnt die steilste aller Bahnen, auch sie wird restauriert.

Steile Seilbahn in der Innenstadt
Auch diese Seilbahn soll restauriert werden. (Foto: Jiří Hönes)

Wenn die beiden Bahnen in Betrieb gehen, kommen bestimmt wieder mehr Touristen in die entlegene Stadt. Es ist ihr zu wünschen!

Jiří Hönes

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