Sanktionen? Ein Deutscher rät Investoren zur Krim

Seit der Abspaltung der Krim von der Ukraine 2014 übt der Westen wirtschaftlichen Druck auf die neue Führung der Halbinsel aus. In einer Anzeige für deutschsprachige Medien preist Bruno H. Willer, 65, auf der Krim lebender Diplom-Kaufmann aus Franken, nun die Vorzüge von Investitionen und bietet sich als Berater an. Wie passt das zusammen?

Herr Willer, die EU hat gerade ihre Sanktionen gegen die Krim um ein Jahr verlängert. Geschäftliche Aktivitäten europäischer Firmen dort unterliegen damit weiterhin starken Einschränkungen. In einer Anzeige, die unter anderem im „Handelsblatt“ erschienen ist, raten Sie dennoch zum Einstieg. Warum soll das eine gute Idee sein?

Wer der Erste ist, hat einen Vorsprung vor der Konkurrenz und beherrscht später meist den Markt.

Wie investorenfreundlich ist die Krim?

Die Krim-Regierung hat ein spe­zielles Programm aufgelegt, das bis 2039 läuft. Demnach muss, wer auf der Krim unternehmerisch tätig wird, in den ersten zehn Jahren keine Steuer auf Immobilienbesitz zahlen. Bei Grunderwerb gelten drei Jahre Steuerfreiheit. Außerdem beträgt die Gewinnsteuer in den ersten drei Jahren nur zwei Prozent. Waren und Anlagen können bei Verwendung auf der Krim zollfrei eingeführt werden. Wer innerhalb von drei Jahren mindestens drei Millionen Rubel (derzeit etwa 42 000 Euro – d. Red.) investiert, der erhält den Status eines Residenten. Leute, die den Mut haben, sich hier etwas aufzubauen, genießen also handfeste Vorteile.

Was meinen Sie mit „Mut“?

Wer jetzt auf die Krim geht, muss sich wohl oder übel zu Hause den Vorwurf gefallen lassen, er sei ein Sanktionsbrecher.

Stimmt das denn nicht? Die Krim-Sanktionen beinhalten unter anderem ein Verbot für Firmen mit Sitz in der EU, Immobilien, Finanzgesellschaften oder Dienstleistungsunternehmen auf der Krim zu erwerben.

Der Immobilienerwerb wird nicht von einem europäischen Investor als private oder juristische Person getätigt, sondern vom Unternehmen – einer Gründung oder Beteiligung – auf der Krim. Das stellt keine Verletzung der Sanktionen dar. Aber es gibt sicher Leute, die dazu ihre eigene Auslegung haben. Ich musste mir zum Beispiel eine neue Bank suchen. Die österreichische Tochter einer ita­lienischen Großbank, bei der ich früher mein Privatkonto hatte, bedient seit Frühjahr 2015 keine Kunden mit Wohnsitz auf der Krim mehr.

Das größte Kapital der Krim sind ihre Strände wie hier in Aluschta. / Tino Künzel

Das größte Kapital der Krim sind ihre Strände wie hier in Aluschta. / Tino Künzel

Was hat Sie als Deutscher auf die Krim verschlagen?

Ich war zu Zeiten des Eisernen Vorhangs Verkaufsleiter eines italienischen Unternehmens in den RGW-Staaten (der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe war eine 1991 aufgelöste Organisation der Ostblock-Länder mit Sitz in Moskau – d.  Red.). Später habe ich eine Handelsagentur im ukrainischen Winniza gegründet, die heute von meiner Tochter geführt wird. Vor sieben Jahren bin ich dann auf die Krim gezogen, meiner Frau, die an einer Bronchialerkrankung leidet, tut das Klima gut. Und auch mir gefällt es hier sehr, ich will nicht mehr weg. Wir wohnen in einem Vorort von Jewpatorija, einer über 2500 Jahre alten Stadt im Westen der Krim, die wegen ihrer Sandstrände und des seichten Schwarzmeer-Ufers besonders bei Urlaubern mit kleinen Kindern beliebt ist.

Wie haben Sie selbst die politischen Umwälzungen auf der Krim erlebt?

Ich persönlich sehe das neutral. Mir ist egal, ob die Krim ukrainisch oder russisch ist. Die Bevölkerung hat die Loslösung von der Ukraine im Großen und Ganzen begrüßt. Etwa 60 Prozent sind ja russischstämmig, die betrachten es als positiv, dass die Regierung russisch ausgerichtet ist. Bei den Tataren sind die Meinungen unterschiedlich: Ein Teil ist für die neuen Verhältnisse, ein anderer Teil wünscht sich die Ukraine zurück. Ich gehe davon aus, dass der Prozess unumkehrbar ist. Und letztlich muss die ukrainische Politik die Gründe dafür, warum es so gekommen ist, bei sich selbst suchen. Wenn man die Krim für sich beansprucht, warum hat man dann so wenig dafür getan, die Herzen der Menschen zu gewinnen? Warum werden heutzutage Blockaden angestrengt, wenn man doch die Krim zurückholen möchte? Damit macht man sich bei den Bewohnern garantiert keine Freunde.

Wie hat sich der Lebensstandard in den letzten zwei Jahren verändert?

Infrastrukturell hat sich vieles verbessert, was zum Beispiel den Straßenbau betrifft. Staatliche Angestellte haben deutlich mehr Geld in der Lohntüte, die Rentner bekommen wesentlich mehr Rente als früher – die sogenannte Mindestrente in Russland ist dreimal so hoch wie in der Ukraine. Was ich betonen möchte: Als Ausländer ist man hier keinerlei Repressionen ausgesetzt, jeder ist willkommen. Was man allerdings beachten muss: Mit europäischen Kreditkarten kann man auf der Krim weder bezahlen noch Geld abheben.

Der umstrittene Status der Krim sorgt dafür, dass man per Flieger nur vom russischen Festland aus auf die Krim gelangt. Das allerdings wird von der Ukraine als „illegaler Grenzübertritt“ gewertet. Um per Auto von der Ukraine aus einzureisen (die Bahnverbindung wurde im Herbst 2014 eingestellt), braucht man eine spezielle Erlaubnis. Das Auswärtige Amt in Berlin rät generell „dringend“ von Reisen auf die Krim ab, dort könne kein konsularischer Schutz gewährt werden.

Den Hinweis zum konsularischen Schutz bekomme ich auch jedes halbe Jahr per Mail, ich bin ja bei der Deutschen Botschaft in Kiew registriert. Dort hat man aber, als ich letztens einen neuen Pass brauchte, meinen Wohnsitz ohne Murren eingetragen. Bedenken wegen Reisen auf die Krim kann ich nicht teilen, genauso wenig wie die ihnen zu Grunde liegenden politischen Ansichten.

Welche Branchen halten Sie aus Sicht eines deutschen Investors für aussichtsreich?

Ich sehe Möglichkeiten für einen Metzger, der mit der Vielfalt des Angebots von Wurstwaren im deutschsprachigen Raum auftrumpfen kann, für einen gestandenen Bierbrauer, für einen Käsehersteller. Angesichts der vielen Sanatorien, die sich an gehbehinderte Menschen wenden, bestehen hervorragende Chancen in der Orthopädietechnik. Auch für Pharmabetriebe wäre es interessant, hier eine Produktion aufzubauen.

Wozu braucht ein interessierter Investor eigentlich Sie?

Es fallen jede Menge Formalitäten an, wenn man hier etwas kaufen, mieten oder bauen will. Hilfe vor Ort erleichtert da vieles. Ich habe die nötigen Verbindungen und kann kurzfristig reagieren.

Das Interview führte Tino Künzel

„Genau prüfen“

Vor einem Investment auf der Krim stellen sich viele Fragen. Die wichtigste davon: Ist das denn legal? Zu den Risiken und Nebenwirkungen meint Helge Masannek, Group Director Tax & Legal bei der Schneider Group in Moskau, ein deutscher Investor müsse auf jeden Fall „sehr genau prüfen“, ob eventuelle geschäftliche Aktivitäten nicht gegen die Sanktionen verstießen. Ansonsten setze er sich der „Gefahr einer Strafverfolgung oder von Bußgeldern“ aus. Verboten seien auch Tätigkeiten, die auf eine Umgehung der Sanktionen hinausliefen. Eine Beteiligung an Unternehmen, die ihrerseits über Eigentum an Immobilien oder Gesellschaften auf der Krim verfügten, könne durchaus als eine unzulässige Umgehung eingestuft werden, so Masannek. In vielen Fällen werde sich zeigen, dass die Konstruktion ein „erhebliches Risiko“ berge.

 

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