Unsicheres Pflaster? In internationalen Rankings kommt Moskau schlecht weg

Moskau ist eine tolle Stadt, zunehmend auch zum Leben und nicht nur zum Geldverdienen. Oder etwa nicht? Glaubt man bekannten internationalen Rankings, dann eher nicht. Sie zeichnen ein Bild von Moskau als einer mäßig lebenswerten und vor allem unsicheren Stadt.

Dmitrij Medwedew wird in letzter Zeit gern mal verdächtigt, sich  bei seinen Äußerungen für die Öffentlichkeit heillos zu vergaloppieren. Neulich hat der russische Premier nun wieder in einer Sache von natio­naler Tragweite Stellung bezogen und ein Thema berührt, zu dem ausnahmslos jeder Russe eine Meinung hat: Moskau. Vor dem Hintergrund des 869. Stadtgeburtstags sagte Medwedew, Moskau mache sich. Jetzt müssten andere Städte im Land nachziehen, das sei ein neues „Megaprojekt“.

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Das russische Lima, Accra, Jilin: Blick auf Moskau im Morgennebel. / Tino Künzel

Dass Moskau sich „macht“, lässt sich nicht leugnen. Dennoch mag man der positiven Einschätzung des Regierungschefs misstrauen, eine objektive Instanz ist er nicht. Moskau unvoreingenommen den Puls zu messen, dafür sind Andere zuständig, zum Beispiel jene westlichen Experten, die jedes Jahr die Lebensqualität in zahlreichen Städten auf der Welt vergleichen. Wer die Ergebnisse liest, fragt sich allerdings, wie weit es mit der Unvoreingenommenheit tatsächlich her ist. Moskau landet traditionell im hinteren Drittel, durchaus näher an den Schlusslichtern Damaskus und Bagdad als an den Spitzenreitern Melbourne und Wien. Kann das mit rechten Dingen zugehen?

Platz 206 bei der „persönliche Sicherheit“

Die Herausgeber der beiden renommierten Ranglisten, deren aktuelle Version im Februar und im August veröffentlicht wurde, verfolgen ähnliche Ansätze und Kriterien. Sie betrachten nicht einfach die Stadtentwicklung im engeren Sinne, sondern bewerten auch politische, wirtschaftliche und soziale Faktoren, darunter etwa Korruption, Zensur oder die „persönliche Sicherheit“. In diesem Punkt rangiert Moskau bei Mercer, einer Unternehmungsberatung mit Hauptsitz in den USA, auf Platz 206 von 230 Städten. Wie sehr eine bestimmte Weltsicht hier die Oberhand über die kühle Faktenabwägung gewonnen hat, soll am besten jeder selbst beurteilen, der genug Zeit in Moskau verbracht hat, um die Sicherheitslage beurteilen zu können.

Bei der britischen Economist Intelligence Unit, die fünf Kategorien in ihr Ranking einfließen lässt, hat Moskau beim Gesundheitswesen, bei Kultur und Umwelt, Bildung und Infrastruktur relativ durchschnittlich abgeschnitten. Bei „Stabilität“ (Verbrechen, Gefahr von Terror, bewaffneten Konflikten und Aufständen) kommt die Stadt jedoch auf eine besonders geringe Punktzahl, dieselbe wie Colombo auf Sri Lanka, wie Kairo und Johannesburg. Im Fünf-Jahres-Vergleich gehört Moskau zu den zehn größten Verlierern im Feld.

Fünf Prozent „Buschzulage“ für Moskau

Dabei hat die Stadt in diesen fünf Jahren geradezu einen Quantensprung vollzogen, gerade was die Lebensqualität betrifft. Sie ist sauberer, aufgeräumter, grüner, rücksichtsvoller, kurz gesagt ein wenig menschlicher geworden. Dass das im Ranking nicht ins Gewicht fällt, liegt daran, dass Moskau eines nicht ändern kann: Es ist Russland.

Und so können Expats, die eine Stelle in Moskau antreten, mit einem Erschwernisbonus rechnen, der auf Grundlage solcher Tabellen berechnet wird. Beim Economist etwa empfiehlt man für Moskau eine „Buschzulage“ von fünf Prozent.

Für die Wirtschaft habe das Ganze aber kaum Bedeutung, sagt der deutsche Headhunter Christian Tegethoff. Gerade Spitzenkräfte ließen sich nicht von Rankings leiten: „Die Zeiten, in denen Managern ohne Russlanderfahrung Positionen angeboten wurden, sind vorbei. Wer sich heute für Moskau entscheidet, der kennt die Stadt aus eigener Anschauung und macht sich sein eigenes Bild.“

Tino Künzel

 

„Große Unkenntnis über die realen Lebensbedingungen“

Uwe Beck, Schulleiter an der Deutschen Schule Moskau, ist bei der Suche nach Lehrpersonal in Deutschland immer wieder mit Absagen konfrontiert, die auch an der Lebensqualität in Moskau festgemacht werden.

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Schulleiter Uwe Beck / Deutsche Schule Moskau

Herr Beck, welche Erfahrungen machen Sie mit dem Moskaubild deutscher Lehrer, wenn es um die Besetzung von Stellen an Ihrer Schule geht?

Es herrscht zum Teil große Unkenntnis über die realen Lebensbedingungen in Russland und speziell in Moskau.

Zum Beispiel?

Man verweist unter anderem auf die „unklare Sicherheitslage“. Ich habe das selbst erlebt, als ich vor ungefähr einem Jahr hier angefangen habe. Freunde zu Hause meinten: „Dort kannst du dich doch gar nicht frei bewegen.“ Ich habe bisher aber überhaupt nichts Negatives erleben müssen, selbst wenn ich bei vielen Terminen bis spät am Abend mit Metro und Bus unterwegs war.

Was hören Sie sonst noch an Vorbehalten?

Da ist die Rede von Schwierigkeiten, mit der Familie hier zu leben, von Moskau als einer teuren Stadt, in der aber die Versorgung nicht immer gewährleistet ist und lange Warteschlangen normal sind. Der Verkehr gilt vielen als chaotisch und gefährlich, die Sprachbarriere, glaubt man, mache alle erdenklichen Unternehmungen unmöglich. Dazu kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es sicher nicht schadet, Russisch zu können, es aber auch nicht schadet, es nicht zu können.

Wie fällt Ihr persönliches Zwischenfazit nach einem Jahr Moskau aus?

Für mich ist Moskau eine sehr europäische Stadt, in der unwahrscheinlich viel Bewegung und Veränderung zu erkennen ist.  Ich bin positiv überrascht von der Vielzahl an Parks, Museen, Ausstellungen, Theatern oder Kinos, auch vor dem Hintergrund dessen, dass man mir vorher erzählt hat, was es angeblich alles nicht gibt. Es ist ein entspanntes und schönes Leben und Arbeiten hier.

Das Interview führte Tino Künzel.

 

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